Neulich in der Kantine: Bei mir zu Hause kocht mein Mann, erzählt die Kollegin. Anerkennendes Nicken. Da hast du deinen Mann aber gut erzogen, kommentiert ein Kollege. Allgemeines Geschmunzel.
Ein anderer Tag, unterwegs mit Freundinnen. Die eine erzählt von einem Date mit einem Mann. Seine Wohnung habe schlimm ausgesehen. Na ja, Ordnung halten kannst du ihm ja noch beibringen, kommentiert eine andere.
Bei diesen und ähnlichen Gesprächsfetzen, die mir im Alltag immer wieder begegnen, schreie ich, wenn auch meist nur innerlich: Sag mal, geht’s noch? Wieso reden wir von erwachsenen Männern wie von Hündchen, die dressiert werden müssen? Er kann jetzt auch Wäsche waschen. Ja, fein, hier ist dein Leckerli. Er hat selbst an den Geburtstag seiner Schwiegermutter gedacht. Schnell loben, sonst verlernt er das wieder.
Frauen übernehmen die Care-Arbeit
Was da im Alltag salopp weggelacht wird mit „Ach, so sind sie, die Männer“ ist Symptom einer Gesellschaft, in der Frauen meist noch immer einen größeren Teil der Care-Arbeit und des Mental Load übernehmen und das soziale Leben von Männern um sie herum organisieren. Sie kümmern sich für das Team um die Geburtstagskarte für den Kollegen, kaufen sämtliche Weihnachtsgeschenke ein oder legen ihren erwachsenen Partnern die Klamotten raus. Und das nicht nur still und heimlich.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Auf Tiktok und Instagram präsentieren manche jungen Frauen sogar ganz stolz den neuen Kleidungsstil ihrer Partner: So sah mein Freund aus, bevor er mich kannte, und so toll sieht er jetzt aus. Ganz nach dem Motto: Schau mal, was ich ihm beigebracht habe.
Natürlich entwickelt man(n) sich im Laufe seines Lebens weiter, lernt dazu. Und natürlich lernen auch Paare voneinander und miteinander. Das darf auch mal das Wäschewaschen sein, wenn sie jung zusammenziehen. Aber voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu helfen, das ist etwas anderes als erziehen. „Erziehen“ – das darf im Kontext von Kindern und Haustieren fallen. Aber besonders im Kontext von romantischen Beziehungen hat der von einigen vielleicht nur lustig gemeinte Begriff nichts verloren. Sucht euch einen Partner und kein Projekt! Oder, um es mit den Worten der Popsängerin Dua Lipa zu sagen: „Training Season’s over.“
