Um halb vier ist das Strandbad in Rodgau, südöstlich von Offenbach, voll. Nichts geht mehr. Vor dem Eingang stehen rund 200 Menschen mit Kühltaschen, Schwimmringen und Strandmuscheln. Zwei Polizisten stellen sich vor die wartende Menge und rufen den Satz, den an diesem Samstagnachmittag wirklich niemand hören möchte: „Heute kommt hier niemand mehr rein.“ Der Ärger ist groß.
Einige können nicht verstehen, dass sie bis vor wenigen Minuten online noch Tickets ergattern konnten und nun nicht in den See springen dürfen. Während einige enttäuscht zu ihren Autos zurückkehren, geben nicht alle ohne Diskussion kampflos auf. Einzelne versuchen sogar, über den Zaun zu klettern. Der Einlassstopp gilt auch für alle, die noch auf dem Weg sind. Verhängt wird er nicht, weil kein Handtuch mehr Platz findet, sondern aus Sicherheitsgründen. Mit jedem weiteren Gast wächst auch die Verantwortung des Aufsichts- und Rettungspersonals.

Im Strandbad selbst bemerkt von der großen Enttäuschung hinter dem Zaun kaum jemand etwas. Kinder kreischen auf der Wasserrutsche. Jugendliche springen im Minutentakt von den Badeinseln ins Wasser. Der Duft von Sonnencreme mischt sich mit heißem Frittierfett. Aus den Lautsprechern bittet ein Bademeister zum wiederholten Male, dass Nichtschwimmer den markierten Bereich nicht verlassen dürfen. Es ist einer dieser Tage, an denen ein Badesee für ein paar Stunden zu einem eigenen kleinen Mikrokosmos wird.
Dabei beginnt alles erstaunlich ruhig. Um halb neun morgens gibt es noch freie Parkplätze. Vor dem Eingangsgebäude sind noch keine Schlangen abzusehen. Die erfahrenen Gäste kennen die Regeln dieses Ortes. Wer Schatten möchte, muss früh kommen. Wer erst mittags erscheint, nimmt, was übrigbleibt, oder arbeitet bei UV-Index 8 unermüdlich an seiner Bräune oder auch langfristig am Hautkrebs. Unter dem Eingangsgebäude, dessen Obergeschoss den Bademeistern als Einsatzzentrale dient, breiten Familien ihre Decken aus. Andere sichern sich Plätze unter den wenigen Bäumen direkt am Hang.

Ein kleiner Junge schaut mit großen Augen zur Wasserrutsche und fragt seinen Vater: „Papa, dürfen nur die Erwachsenen mit den Kindern zur Rutsche gehen?“ Der Vater lächelt. Er versteht die Einladung. Ein paar Minuten später ziehen beide los. Noch bevor sich die Liegewiese und der Strand füllen, rollt ein Lastwagen mit sechs Paletten Getränken auf das Gelände. In Holzhütten werden Slush-Eis, Pommes und eiskalte Getränke verkauft. Davor bilden sich Schlangen, die erstaunlich schnell wieder verschwinden. „An solchen Tagen bereiten wir uns ganz besonders gut vor“, sagt Fabienne Keck. Bier, Pommes und Eis gehörten bei den Extremtemperaturen zu den Rennern, deshalb starte das Team mit vier komplett gefüllten Eistruhen in den Tag. Etwa 20 Mitarbeiter seien an diesem Samstag im Einsatz, davon allein drei im FKK-Bereich. Kühltücher gehören inzwischen ebenso zur Ausstattung wie Badekleidung unter der Dienstkleidung. „So können sich unsere Kollegen in den Pausen und nach Schichtende schnell abkühlen.“

Die meisten Besucher sind Vollprofis. Sie schieben Bollerwagen hinter sich her, schleppen kiloschwere Kühlboxen, balancieren Schirme und Klappstühle. Manche wirken, als wollten sie das gesamte Wochenende hier verbringen. Eine siebenköpfige Freundesgruppe aus Frankfurt hat den See bewusst ausgewählt. „Hier gibt es mehr Schatten als an anderen Seen“, sagt Juliette. Außerdem könne man die Tickets bereits vorab online kaufen. Auf ihren bunten Decken stapeln sich Aprikosen, Kirschen, Ananas und mehrere kalte Getränke und Kartenspiele. Bleiben wollen sie bis zum Nachmittag. Mehr Zeit lasse der Tag nicht zu, und die Hitze sowieso nicht.
Trotz der entspannten Urlaubsatmosphäre ist der Tag für die Mitarbeiter des Badesees vor allem eines: Hochkonzentration. Schon jetzt habe es in dieser Saison „relativ viele Einsätze“ gegeben, sagt Kim Leimeroth, Fachdienstleitung für Sport und Kultur bei der Stadt Rodgau. Das liege an dem guten Wetter, den vielen Badegästen und daran, dass immer mehr Menschen ihre Schwimmfähigkeiten überschätzten. „Ein Badesee ist kein Schwimmbad. Dort kann ich mich jederzeit am Beckenrand festhalten. Hier wird es plötzlich tief.“ Deshalb wirbt das Strandbad seit einiger Zeit verstärkt für seine kostenlosen Schwimmbojen, mit denen die Badenden an der Wasseroberfläche sichtbar bleiben. Selbst gute Schwimmer könnten einen Krampf oder Kreislaufprobleme bekommen. In den vergangenen Wochen sind in Flüssen und Badeseen mehrere Menschen ertrunken.

„Immer weniger Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, haben sichere Schwimmkenntnisse“, stellt Leimeroth fest. Daher müssen die 13 Bademeister und Mitarbeiter der DLRG, die mittags vor Ort sind, ständig wachsam bleiben. Oft reichten Hände, Gesten, ein lauter Pfiff und ein strenger Blick aufs Wasser, um Badende in sichere Schranken zu weisen. Wenn Badegäste Anweisungen ignorierten, habe das häufig nichts mit der Sprache zu tun, sagt Leimeroth. Die einen hätten die Durchsage einfach nicht gehört, die anderen wollten sie wohl nicht hören. Dann steigen die Rettungskräfte ins rote Kontrollboot oder laufen den Strand entlang und sprechen die Menschen persönlich an. Wer andere gefährde und uneinsichtig bleibe, müsse das Gelände verlassen. In schweren Fällen gebe es sogar Hausverbote.

Mit jeder Stunde entwickelt der Badesee seine eigenen Regeln. Schatten wird zur begehrtesten Währung, und die Badeinseln werden zu belebten Treffpunkten. Aus den Lautsprechern kommen regelmäßig Sicherheitsdurchsagen, an Land regeln Security und Mitarbeitende den Besucherandrang, kontrollieren Taschen auf Alkohol, Waffen und Drogen. Kurz nach zwölf beginnt auf dem Beach-&-Beats-Gelände hinter der Liegewiese die Musik. Eigentlich stehen Beachhandball und Livemusik auf dem Programm. Doch der Platz liegt vollständig in der Sonne. Die Musik spielt gegen die Hitze an. Gewonnen hat sie nicht. Dafür bewegt sich plötzlich etwas anderes. Ein Windhauch. Für einen kurzen Moment wackeln die Sonnenschirme. Es ist fast so etwas wie ein kollektives Aufatmen. Nach kaum einer Minute ist alles wieder vorbei. Es bleibt der letzte Wind des Tages. Mittlerweile ist der Sand so heiß geworden, dass er barfuß kaum betretbar ist. Auf dem Wasser herrscht dichtes Gedränge. Bei etwa 9.500 bis 10.000 Gästen ist Schluss.
Über den See fährt inzwischen regelmäßig das rote Kontrollboot. Es erinnert Schwimmer und Paddler daran, vor den orangefarbenen Bojen des bis zu 35 Meter tiefen Sees zu bleiben. Bis 15.30 Uhr strömen immer noch Besucher auf das Gelände. Man fragt sich irgendwann, wo eigentlich noch Platz sein soll. Die Antwort gibt der Einlass. Gar keiner mehr. Vor dem Tor endet der Sommertag für Hunderte, bevor er wirklich angefangen hat. An einem Tag, an dem sich für viele Gäste fast alles um Hitze, Sonnencreme, Schatten und Abkühlung dreht, entscheidet am Ende nicht der Platz, wann Schluss ist. Die wichtigste Entscheidung eines Wachleiters liegt manchmal auch darin, niemanden mehr hereinzulassen.
