„Willkommen in der heißen Hölle von Frankfurt“, ruft Campino zur Begrüßung. Bei mehr als 40 Grad – auf der Bühne wohl noch deutlich mehr – perlt ihm der Schweiß von der Stirn. Statt über das Wetter zu jammern, macht der Sänger der Toten Hosen die Hitze zum Teil der Show. „Tausende Leute zahlen 5000 Euro, um in die Sonne zu fliegen. Wir kriegen das alles umsonst“, scherzt er.
Wenige Stunden vor dem Konzert wollten viele Besucher ihre Tickets wegen der Temperaturen in den sozialen Netzwerken noch loswerden. Fans diskutierten darüber, ob eine Absage oder Verschiebung nicht sinnvoll wäre, und appellierten an die Veranstalter. Die setzten hingegen auf die Eigenverantwortung der Besucher, stellten kostenlose Trinkwasserbrunnen über das Stadiongelände verteilt auf und lockerten die Einlassregeln.
Schließlich kamen rund 44.000 Fans ins Stadion, um sich von ihrer Lieblingsband zu verabschieden. Die Toten Hosen machen nämlich mit ihrer Tour „Trink aus! Wir müssen gehen“ nach 44 Jahren Schluss.
Mit wenig Geld die erste Platte produziert
Die Toten Hosen beginnen, wo der deutsche Punk begann: Am 27. Februar 1982 gründeten die damaligen Schüler im Düsseldorfer Ratinger Hof die Band ZK – wie „Zahnarzt-Komplex“. Über „Die Roten Rosen“ finden sie schließlich zu ihrem endgültigen, bewusst sinnlosen Namen. Die ersten Alben „Opel-Gang“ (1983), „Unter falscher Flagge“ (1984) entstehen mit wenig Geld, stundenweise in einem Bochumer Tonstudio.
Den kommerziellen Durchbruch bringt 1988 „Ein kleines bisschen Horrorschau“ – erste Goldene Schallplatte, erster großer Hit mit „Hier kommt Alex“. In den Neunzigerjahren folgen Chartplatzierungen und große Bühnen. Den vorläufigen Gipfel erklimmt die Band 2012: „Tage wie diese“ erreicht Platz eins der Charts und wird von der deutschen Nationalmannschaft zur Einstimmungshymne der Europameisterschaft gekürt.
Dass sie in ihren Sechzigern noch auf der Bühne stehen würden, hätten sie selbst nie gedacht, so Campino. Jetzt, wo es am schönsten sei, wollten sie gehen. Und wie schön es trotz Rekordtemperaturen werden kann, beweisen Band und Publikum an diesem Abend. „Viele von euch fragen sich: Was mach ich bei 40 Grad beim Tote-Hosen-Konzert?“, ruft Campino ins Mikrofon. „Träumt euch einfach weg an den Wannsee“ – und stimmt „Wannsee“ an.

Die Besucher tun ihr Bestes, um sich abzukühlen, das geschlossene Stadiondach schützt zwar vor direkter Sonneneinstrahlung, verwandelt den Innenraum aber in eine riesige Sauna. Noch heißer wird es, als die Menge anfängt, lautstark mitzusingen und mit zu springen.
Mit jugendlichem Elan noch auf der Bühne
Der 64 Jahre alte Campino fegt über die Bühne, als wäre er Mitte zwanzig. Breiti alias Michael Breitkopf und Kuddel alias Andreas von Holst suchen auf dem Laufsteg immer wieder den direkten Kontakt zu den Fans. Vom Ritchie prügelt mit jugendlichem Elan auf sein Schlagzeug ein, und Keyboarder Jet Baker fügt sich so selbstverständlich ins Bandgefüge ein, als gehöre er schon seit Jahren dazu. Mit „Opel-Gang“ starten die Düsseldorfer dort, wo vor mehr als vier Jahrzehnten alles begann. Direkt danach folgt „Die Show muss weitergehen“, einer der Songs des aktuellen Albums. Überhaupt fügen sich die neuen Stücke wie selbstverständlich zwischen die Klassiker.
Die große Stärke der Toten Hosen liegt seit jeher in ihrer bedingungslosen Hingabe. Jede Show wirkt, als sei sie die wichtigste ihrer Karriere. Die Band sucht immer wieder die Nähe zum Publikum.

Campino erzählt ausführlich von den ersten Begegnungen der Band mit der Frankfurter Batschkapp Ende 1982. „Warum lädt uns diese Batschkapp nicht mal ein? Vielleicht suchen wir mal das direkte Gespräch mit denen“, erinnert er sich. Also fuhren sie nach Frankfurt – und wurden mit Misstrauen empfangen. „Düsseldorfer und dann auch noch so ein Name“, sagt er. Man einigte sich schließlich auf einen künftigen Gig. Doch die Punker verbauten sich die Chance selbst, als sie im Lokal Elfer die Zeche prellten – ausgerechnet dort, wo sie auf den baldigen Auftritt in der Batschkapp angestoßen hatten.
Jahrelanges Hausverbot in der Batschkapp
Die Folge: jahrelanges Hausverbot. „Doch irgendwann rauchten wir die Friedenspfeife mit Ralf Scheffler, und wir sind dicke Freunde geworden“, so Campino. Seither hatte die Batschkapp alle hiesigen Konzerte der Band organisiert. Die Hosen widmen dem kürzlich verstorbenen Batschkapp-Chef Ralf Scheffler und dem langjährigen Security-Mitarbeiter Patrick Meyer „Augen zu“. Für einen bewegenden Moment wird es still im Stadion.

Momente der Nachdenklichkeit gehören genauso zum Markenzeichen der Band wie die großen Mitsinghymnen. Beim neuen Lied „Was ist mit uns los?“ fragt Campino, woher all der Hass komme, obwohl es den Menschen in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern gut gehe. Wenig später würdigt er den ehemaligen Präsidenten von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, für dessen Einsatz gegen Rechtsextremismus. Es sind politische Botschaften, die nie aufgesetzt wirken.
Natürlich fehlen auch die großen Klassiker nicht. „Hier kommt Alex“, „Alles aus Liebe“, „Pushed Again“, „An Tagen wie diesen“ oder zum Finale „You’ll Never Walk Alone“ verwandeln das Stadion in einen einzigen Chor. Überraschungsgast Marteria sorgt bei „Welt der Wunder“ für zusätzlichen Jubel, ehe Vom Ritchie bei „Eisgekühlter Bommerlunder“ endgültig alle Sicherungen durchbrennen lässt.
Als Campino gegen Ende im Fortuna-Düsseldorf-Trikot noch einmal auf die Bühne stürmt und ins Mikrofon brüllt: „Ich hab eigentlich noch gar keinen Bock, jetzt aufzuhören!“, nimmt man ihm das ab. Diese Abschiedstour fühlt sich nicht nach Abschied an. Nach mehr als zweieinhalb Stunden sind Band und Publikum gleichermaßen durchgeschwitzt beim vielleicht heißesten Konzert, das Frankfurt je erlebt hat. Dafür gibt es Respekt und eine Liebeserklärung an Frankfurt von Campino: „Das werden wir nicht vergessen.“
