Der komischste Moment der WM 1974 ist für viele Zeitzeugen eine Szene aus dem Spiel des Titelverteidigers Brasilien gegen WM-Neuling Zaire. Zwölf Minuten vor Ende erhält der mit 2:0 führende Favorit einen Freistoß in günstiger Lage. Bevor Rivelino ihn ausführen kann, spurtet ein Zairer aus der Mauer und schießt den Ball weit in die gegnerische Hälfte. Zuschauer schlagen sich auf die Schenkel, amüsiert über angebliche Ahnungslosigkeit. In Wahrheit steckt hinter dieser einmaligen Szene nackte Angst.
Zaire, der heutige Kongo, ist damals das erste Land Subsahara-Afrikas bei einer Fußball-WM. Und das erste, das dabei den Rassismus weißer Gegenspieler erlebt. Im Auftaktspiel wird Kapitän Ndaye Mulamba von Billy Bremner, dem Kapitän der Schotten, angespuckt, mit dem N-Wort beschimpft und angeschrien: „Geh zurück nach Afrika!“
Angst vor dem Diktator
Zaire verliert 0:2, ein achtbares Ergebnis, doch bei Präsident Mobutu hat der Gewinn des Afrika-Cups im März 1974, bei dem Mulamba neun Tore schoss, bis heute Turnierrekord, hohe Erwartungen geschürt. Bei den Spielern auch, denn Mobutu versprach jedem als Prämie ein Haus, einen VW Passat und 20.000 Dollar. Doch nichts davon wird wahr.
Während der WM erhalten sie nicht mal ein Taschengeld. Frustriert stimmt das Team vor der Partie gegen Jugoslawien über einen Streik ab. Acht sind dafür, die anderen scheuen die Revolte – wohl auch, weil der Fußball-Weltverband FIFA, wie es heißt, hastig 3000 Mark pro Spieler organisiert habe, um eine Spielabsage abzuwenden. Zaire spielt also – und verliert 0:9. Worauf der tobende Diktator droht, sie würden Heimat und Familien nie wiedersehen, sollten sie gegen Brasilien mehr als drei Tore kassieren.
Mulamba ist beim 0:9 fälschlich vom Platz gestellt worden. Nicht er trat dem kolumbianischen Schiedsrichter in den Hintern, sondern Mwepu Ilunga, der dann auch gegen Brasilien die Nerven verliert und den Ball wegschießt. „Ich geriet in Panik“, beteuert Ilunga Jahre später: „Ich wollte das Spiel verzögern.“ Wie groß die Furcht vor Mobutu war, kann sich wohl niemand vorstellen, der nicht aus Zaire kam. Den Oppositionellen Pierre Mulele hat der Despot 1968 mit einem Amnestieversprechen zurück ins Land gelockt und dann öffentlich foltern und zerstückeln lassen.
Leben und sterben in Armut
Obwohl es am Ende gelingt, nur 0:3 zu verlieren, will mancher nicht zurück. Wie Etepe Kakoko, der einen Job bei Mercedes findet und in Stuttgart und Saarbrücken Fußballprofi wird. Die, die heimkehren, setzt man im Präsidentenpalast fest, wo über ihr Schicksal entschieden wird. Nach vier Tagen kommen sie frei. Die meisten leben und sterben danach in großer Armut. Als Fußballer dürfen sie unter Mobutu nicht ins Ausland und verdienen in Zaire keinen Cent.
Am härtesten trifft es den Kapitän und Torjäger. Als der Kontinentalverband sich seiner 1994 erinnert und ihn für den Torrekord beim Afrika-Cup mit einer Medaille ehrt, wird gerade das zu Mulambas Verhängnis. In den Bürgerkriegswirren der Neunzigerjahre überfallen ihn Söldner, die von der Ehrung hörten und daraus schlossen, er müsse reich sein. Sie erschlagen seinen neunjährigen Sohn und verletzen Mulamba schwer mit zwei Schüssen ins linke Bein. Er flieht nach Südafrika, lebt fast mittellos in einer Township in Kapstadt, wo ihn niemand kennt. Einem Reporter, der ihn aufspürt, sagt Ndaye Mulamba kurz vor seinem Tod 2019 über die WM in Deutschland: „Ich weine, wenn ich daran zurückdenke.“
