Mehr als 90 Jahre hat man hierzulande auf die Wiederholung dieses Triumphs gewartet, nun ist er da: Nach Boxlegende Max Schmeling hat Deutschland endlich wieder einen Weltmeister im Schwergewicht. Sein Name: Agit Kabayel. Der gebürtige Leverkusener mit kurdischen Wurzeln hat sich den Gürtel des Verbandes WBC gesichert.
Aus Spanien meldete sich der 33-Jährige per Instagrambotschaft lächelnd, adressiert an seine mehr als 875.000 Follower „17 Jahre harter Arbeit und endlich sind wir am Ziel angekommen. And the new!“ sagte Kabyel. „Und jetzt stehen wir in den Geschichtsbüchern drin. Mit Mohamed Ali, Mike Tyson, Nellis Lewis. Also ich kann das wirklich alles noch nicht realisieren.“ Dennoch bleibt dieser Sieg nicht ohne einen etwas bitteren Beigeschmack.
Denn der als „Malocher“ bekannte, ungeschlagene Knockout-Artist erlebte diesen Meilenstein nicht etwa im Ring vor einer jubelnden Zuschauermenge, umgeben von zahlreichen Fotografen und Kameras, wie er es sich gewünscht und es auch verdient hätte, sondern während des Sommerurlaubs mit der Familie. Ein Titelgewinn auf der Strandliege, quasi ohne dabei einen Finger, geschweige denn die Faust zu rühren? Vorwerfen kann man Kabayel nichts.
Usyk kommt Pflichtverteidigung nicht nach
Unumstritten steht fest, dass er mit 27 Siegen aus 27 Kämpfen zu den besten und gefürchtetsten Kämpfern der Welt zählt. Mit seiner Willenskraft, seiner Athletik und seinen brachialen Körperhaken hat sich Kabayel an die Spitze gekämpft. Dass er erst jetzt die Spitze darstellt, liegt nicht daran, was Kabayel getan hat, sondern an dem, was der bis vor kurzem amtierende Weltmeister Oleksandr Usyk nicht getan hatte. Nämlich seiner Pflichtverteidigung nachzukommen.
Usyk gilt als einer der besten Schwergewichtsboxer der vergangenen Jahrzehnte. 2012 gewann der Ukrainer olympisches Gold in London im Schwergewicht, es folgten weitere Titel, darunter der als unumstrittener Weltmeister aller großen Verbände im Cruisergewicht. Nach dem Wechsel zum Schwergewicht gelang Usyk 2024 dieses Meisterstück auch in der Königsklasse des Boxens. Damit wurde er aber mit einer schier unmöglichen Aufgabe konfrontiert, die Gürtel gegen alle im Ranking der jeweiligen Verbände dafür infrage kommenden, aufstrebenden Kämpfer zu verteidigen. Im WBC war dies Agit Kabayel, der laut Statuten des Verbandes längst um die Krone hätte kämpfen müssen.
Stattdessen aber arrangierte der saudische Sportfunktionär und mächtigste Strippenzieher im Boxgeschäft, Turki Al-Sheikh, ungeachtet irgendwelcher Ranglisten Kämpfe für Usyk mit bekannteren Namen, die aus seiner Sicht eher ein Spektakel und ausverkaufte Arenen garantierten. Dem besten deutschen Schwergewichtsboxer, der lieber mit seiner Wucht im Ring als mit einer schillernden Persönlichkeit oder kontroversen Sprüchen auffällt, wurde allem Anschein nach zu wenig Starpotenzial zugesprochen, um gegen Usyk antreten zu dürfen. An Kabayels Schlagfertigkeit lag es zumindest nicht.
Kabayel ließ sich nicht entmutigen und blieb in der Zwischenzeit fleißig, erkämpfte sich 2025 gegen den chinesischen Hünen Zhilei Zhang zumindest den sogenannten Interims-Gürtel im WBC – einen Übergangstitel, der oft ausgestellt wird, wenn der amtierende Champion temporär seiner Pflichtherausforderung nicht nachkommen kann, wie etwa aufgrund einer Verletzung.
Für Usyk schien aber „temporär“ zum Dauerzustand zu verkommen aufgrund anderer, lukrativerer Kämpfe. Immer wieder drängten Kabayel und sein Management darauf, gegen den Ukrainer um den vollwertigen WBC-Titel boxen zu können – zumal Usyk mit fast 40 Jahren bereits mehrfach seinen Rückzug aus dem Sport angedeutet hatte. Doch in Riad hatte man andere Pläne für die letzten Kämpfe seines Stars.
„Ich bin bereit, zu übernehmen“
So stieg Usyk Ende Mai zunächst gegen die Kickboxlegende Rico Verhoeven in den Ring, nur um den Niederländer mit reichlich Mühe und nur dank eines kontroversen Knockouts in der vorletzten Runde zu besiegen. Endlich sah Kabayel seine Chance für den Mega-Kampf gekommen, nach dem er sich seit Jahren schon sehnte und der ihm nicht nur den Titel, sondern auch internationale Anerkennung und eine immense Geldbörse in Aussicht stellte. Doch dazu sollte es nicht kommen.
„Ich lege meine Gürtel nieder, verlasse aber nicht den Boxsport. Es wird mehr kommen“, verkündete Usyk am Freitag in einer Instagram-Botschaft. Am Sonntag erkor der Verband WBC schließlich Kabayel zum Weltmeister. Trotz freudiger Nachricht konnte Kabayel eine Spur von Enttäuschung nicht verbergen: „Natürlich wollte ich mit ihm in den Ring steigen, aber ich habe nichts als Respekt vor ihm“, sagte Kabayel in einer Botschaft auf Instagram, der auch gleich eine Warnung an seine Konkurrenz folgte: „Eins ist klar: Ich bin bereit, zu übernehmen.“
Der goldene Moment, vor einem Millionenpublikum zum Weltmeister gekrönt zu werden, ist Kabayel trotz seines Talents verwehrt geblieben. Seine nun anstehenden Pflichtverteidigungen, die nächste könnte bereits im Herbst anstehen, würden das aber künftig schnell in den Hintergrund rücken lassen. Als Vorbild dafür kann ebenso Max Schmeling dienen. Denn beim Jahrhundertboxer wird oft außen vor gelassen, dass er seinen eigenen goldenen Moment, in dem er den Weltmeistergürtel gewann, einer Disqualifikation seines Gegners nach einem Tiefschlag verdankte.
