König Fußball mag keine Autokraten. Von 22 Weltmeistertiteln gingen nur vier an Länder mit Diktatoren, der letzte vor fast fünfzig Jahren. Und während die Triumphe von Italien 1934 unter Mussolinis Faschisten (1938 wiederholt) und von Argentinien 1978 unter Videlas mörderischer Militärdiktatur wegen suspekter Entscheidungen bis heute im Verdacht stehen, dass von außen kräftig mitgeholfen wurde, steht nur einer der vier autokratischen WM-Siege außerhalb jeder derartigen Diskussion. Denn die Elf, der das gelang, gilt als bestes Team der WM-Geschichte – die brasilianische Seleção, die 1970 die Fußballwelt verzückte.
Doch hat womöglich auch bei diesem Triumph, den Pelé & Co. mit unaufhaltsamer Angriffslust beim 4:1-Finalsieg gegen Italien vollenden, ein Militärregime einige Strippen in der Hand gehalten? Es kam in Brasilien 1964 durch einen Staatstreich mit Hilfe der CIA an die Macht – und wird sie erst nach 21 Jahren mit unzähligen Verbrechen an der eigenen Bevölkerung wieder abgeben.
Keine Angst vor dem General
Trainer des Teams in Mexiko 1970 ist Mario Zagalo, der als Spieler zweimal Weltmeister war. Geformt hat es ein anderer, der kein Fußballstar war, sondern ein Star unter den Sportreportern. In Brasilien nennen sie ihn João Sem Medo, João ohne Angst. Weil João Saldanha Kommunist ist. Und offen seine Meinung sagt, auch den Generälen.
Als Vorgänger Zagalos weigerte er sich, Stürmer Dario zu nominieren, den Favoriten des Staatspräsidenten, des Generals Médici – und soll diesem erwidert haben, auch er habe einige Empfehlungen, wen der Präsident in sein Kabinett aufnehmen solle. Ob es ihn da überraschen konnte, drei Monate vor der WM entlassen zu werden?
Der Spielzug des Königs
Saldanha fährt trotzdem nach Mexiko. Und kommentiert für TV Globo die Spiele der Seleção, die mit ihm alle sechs Qualifikationsspiele gewann (23:2 Tore) und nun ohne ihn alle sechs WM-Spiele gewinnt (19:7 Tore). Dem Erfolg nachhelfen müssen die Generäle 1970 gewiss nicht. Zu sehr bevorteilen Mexikos Hitze und Höhenluft brasilianische Spielkunst gegenüber den eher kraftorientierten Europäern.
Aber zumindest haben sie wohl sichergestellt, dass sich kein Kommunist als Vater des Erfolges mit dem WM-Pokal schmücken konnte. Was nichts daran ändert, dass an der Legende des besten Weltmeisters, den es je gab, der furchtlose João seinen Anteil hat. Ihre Krönung ist das Tor zum 4:1, das die Exzellenz dieser Mannschaft in einem einzigen Spielzug abbildet.
Acht Spieler sind daran beteiligt, eine halbe Minute mäandriert der Ball von der linken Abwehrseite in gemächlicher Passfolge übers Zentrum auf den linken Flügel und zurück in die Mitte, wo ihn vor dem Strafraum Pelé erhält, „O Rei“, der König – der dann in majestätischer Ruhe jene Pause einlegt, die das Ganze erst zum Kunstwerk macht. Erst als Kapitän Carlos Alberto von hinten eintrifft, spielt Pelé nach rechts den kleinen, präzisen Pass in den Lauf des Außenverteidigers. Dessen Direktschuss, Vollendung eines vollendeten Angriffs, landet im langen Eck.
„Erst nach dem Spiel“, erzählte der Schütze, „begriffen wir, wie schön dieses Tor war.“ Das perfekte Team-Tor. Ein Destillat der vielen kleinen Künste, deren Addition die Größe des Fußballs ausmacht. Allen voran die größte Kunst: der echte, selbstlose Teamgeist, die stete Suche nach dem besser postierten Mann. Sie überstrahlt jeden, der sich den Fußball nur zunutze machen will, ob für Geld oder Macht.
