Ein großer Pulk steht vor einem pinkfarbenen Haus. Eine Frau tritt hinzu, sie hält ein Schild, auf dem steht: „Alle wollen wohnen.“ Einer aus der Menge ruft ihr zu: „Nee, die Demo gegen Wohnraummangel ist da hinten.“ Ein anderer stellt klar: „Das hier ist die Wohnungsbesichtigung um 16 Uhr.“ Die Demo, das sind zwei Leute, die etwas abseits vor einem gelben Wohnblock stehen.
Wohnungsmangel und hohe Mieten – gerade in Großstädten akute Probleme, gegen die tatsächlich nur wenige protestieren. Die meisten versuchen verzweifelt, eine Wohnung zu finden und zu finanzieren – zur Not mit mehr als einem Job, dicker Bewerbungsmappe oder mit einem Tauschangebot in den Kleinanzeigen.
Diese Misere drückt die Karikatur von Katharina Greve aus. Schon sie macht deutlich, was viele Arbeiten in der ihr gewidmeten Einzelausstellung des Frankfurter Caricatura Museums für komische Kunst zeigen: Greves scharfsinnigen Blick auf die Welt. Sie verfolgt nicht nur das aktuelle politische Geschehen. Sie recherchiert viel, in Medien, Büchern, gesellschaftlichen Abgründen.
Katharina Greve als nächste Bundespräsidentin

Als den wohl „klügsten Kopf der Szene“ bezeichnet sie Martin Sonntag, Leiter der Caricatura, und geht noch weiter: „Die nächste Bundespräsidentin soll Katharina Greve werden.“ Die Berliner Karikaturistin, die zur Eröffnung anwesend ist, verdreht die Augen: Sie habe wirklich „keinen Bock, die Baustelle in Bellevue an der Backe zu haben“.
Dann doch lieber Cartoons. Obwohl sie behauptet: „Ich zeichne nicht so gerne.“ Ungläubige Blicke der Besucher. Meint sie das ironisch? Manchmal sei sie einfach faul. Das mag man kaum glauben angesichts ihres umfassenden, vielseitigen und preisgekrönten Werks, das die Ausstellung „Qualitätsideen seit 1972“ auf zwei Etagen zeigt. Greve zeichnet nicht nur, sie malt, näht, modelliert, schreibt, fotografiert und filmt. 545 Arbeiten sind es insgesamt, Kuratorin Stefanie Rohde hat nachgezählt.
Den Anfang macht „Die dicke Prinzessin Petronia“, die seit 2015 in „Das Magazin“ erscheint, mit Skizzen und kolorierten Bildern im Erdgeschoss. Petronia sitzt missmutig auf ihrem Planeten und sieht nicht ganz so gut mit dem Herzen wie ihr beliebtes Vorbild. Die rebellische Cousine des kleinen Prinzen von Antoine Saint-Exupéry ist pummelig, hat graue Locken und ein grünes Kleid. Greve, sehr schlank, rotes, kurzes Haar, schwarzes Minikleid, bezeichnet sie als ihr Alter Ego. Sie stellt damit Rollenbilder, Körpernormen und Anpassung infrage.
Zwischen Pflanzen gießen und Buch vorlesen
Ebenso progressiv tut sie das in ihrem aktuellen Buch „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ (2025), einer warmherzigen Hommage an Erich Ohsers unter dem Pseudonym e. o. plauen verfassten Geschichten von „Vater und Sohn“. Darin erzählt sie ganz ohne Worte, wie eine Frau den modernen Multitasking-Alltag mit ihrer Tochter bewältigt, zwischen Wäschekörben, Buch vorlesen, Restaurantbesuch und Schwertkampf. Seit der Kindheit verfestigte Geschlechterrollen, Normen und Erwartungen einer zunehmend kinderskeptischen Welt hinterfragt Greve, die sich nach ihrem Architekturstudium als Comic-Zeichnerin für Zeitungen und Verlage selbständig gemacht hat.

Kein Wunder also, dass viele ihrer Zeichnungen architektonisch inspiriert sind, darunter eines ihrer bedeutendsten Werke, der unter anderem mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnete Webcomic „Das Hochhaus“. Allein die kreative Herangehensweise erscheint wie eine subtile Kritik am Bauwesen: Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, bis das virtuelle Hochhaus Stockwerk für Stockwerk gewachsen ist. 102 Etagen hat es. Hinter den Fassaden sprechen die Bewohner über Einsamkeit, Arbeits- und Leistungsdruck, Migration und Ungleichheit. Ein Highlight der Ausstellung: Besucher können sich das komplette Hochhaus, fünf Meter hoch, mit Ferngläsern ansehen.
Ideen kämen ihr spontan, sagt Greve, beim Duschen, auf der Couch, beim Spazieren. Manchmal müssten sich die Schnipsel finden. Einige dieser Schnipsel, Skizzen, die nicht unbedingt nach Faulheit aussehen, wie Greve behauptet, auch Fotografien und Objektkunst, sind in der Galerie zu sehen. Bitterböse, herzlich, aber nie belehrend: Diese Ausstellung macht Spaß. Für jeden ist etwas dabei.
Greve selbst hat kein Lieblingswerk, wenn sie aber eines retten wollte, dann wäre das ihr erstes Buch „Ein Mann geht an die Decke“, das vergriffen sei. Wer würde bei all dem Wahnsinn, Klimawandel, Rassismus, Trumpismus, nicht manchmal ans Ende der Welt denken? Oft sei sie wütend, manchmal auch traurig, sagt Greve. Aber Humor sei eine Art der Bewältigung. Die gelingt ihr jedenfalls hervorragend. Vielleicht ist es also gut, dass Greve nicht Bundespräsidentin werden will.
Katharina Greve, Caricatura Museum Frankfurt, bis 17. Januar 2027.
