Gut, dass ein Tag 24 Stunden hat. Und eine Woche 168. Da lässt sich einiges unterbringen. Julian Becker zum Beispiel arbeitet in seinem Start-up rund 60 Stunden pro Woche. Dazu knapp 30 Stunden Training als Triathlet – bleiben rund 78 Stunden privat. Gut elf am Tag: für Schlaf, Regeneration, Essen, für den Rest des Lebens. Viel ist das nicht. Aber das hatte Becker schon während seines Studiums festgestellt: „Das kriegt man hin.“
Becker ist 26 Jahre alt, Unternehmer und seit dieser Saison Triathlonprofi. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat er in Darmstadt die Firma a68 gegründet. Sie entwickelt Software für Versicherungen, die Betrugsfälle erkennen soll. Seine beiden Mitgründer kümmern sich um die Technik, Becker übernimmt den betriebswirtschaftlichen Teil. Er hat BWL studiert. Zunächst in Darmstadt, später in Koblenz und an der University of Florida. „Das Unternehmen“, sagt er, „ist der Fokus, und dann versuche ich, Triathlon so gut es geht drum herum zu legen.“ Dieses Drumherum umfasst Schwimmen, Radfahren, Laufen, Athletik, Physiotherapie und alles, was sonst noch anfällt, wenn man Ironman-Athlet ist und im Wettkampf 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und einen Marathon laufen will.
Am Sonntag startet Becker bei der Ironman-EM in Frankfurt. Vor zwei Jahren wagte er sich dort an seine erste Langdistanz und wurde Europameister seiner Altersklasse. Diesmal startet er nicht mehr bei den Amateuren, sondern im Profifeld – wenn auch auf einer aufgrund der extremen Hitze kurzfristig entschärften Strecke (siehe Kasten). Dennoch bleibt es eine andere Welt. Er startet nun nicht mehr irgendwann im Feld der Altersklassen. Er geht am frühen Morgen um 6.20 Uhr am Langener Waldsee mit einigen der besten Triathleten der Welt ins Rennen. Darunter sind der Ironman-Weltmeister Casper Stornes und der Hawaii-Champion Gustav Iden, beide aus Norwegen.

Becker war nie das große Talent auf den kurzen Distanzen. Er gehörte nie einem Kader an. Er startete in der ersten und zweiten Bundesliga für den TuS Griesheim, den DSW Darmstadt und den VfL Münster, fand aber wenig Gefallen an den schnellen Rennen. Er wechselte auf die Mitteldistanz, später auf die Langdistanz. Je länger die Strecke, desto wohler fühlte er sich. „Ich wollte einfach immer besser werden. Das war die Triebfeder.“
„Bei den Profis musst Du ins Risiko gehen“
Auf Hawaii wurde er als Amateur WM-Zweiter seiner Altersklasse. Auf der olympischen Distanz war er zweimal deutscher Meister. Im vergangenen Jahr gewann er den Ironman im spanischen Vitoria-Gasteiz. Er fügt hinzu, dass dies kein Profirennen war. Auch seine Meistertitel ordnet er bescheiden ein. Sie würden sich cooler anhören, als sie seien, „weil die richtig Guten nicht dabei gewesen sind“.
Nun sind die richtig Guten dabei.
Im Profirennen gelten andere Regeln als im Wettkampf der Altersklassen. Bei den Amateuren starten die Athleten in Wellen nacheinander, oft in größeren zeitlichen Abständen. Wer überholt wird, weiß nicht unbedingt, ob der andere im Rennen vor oder hinter einem liegt. Becker hatte daran zuletzt wenig Freude. „Ich will im Profifeld schauen, was ich maximal erreichen kann. Dazu kommt, dass mich die Struktur der Amateurrennen nicht mehr gereizt hat. Durch diese Rolling Starts fehlt ein bisschen der Renncharakter. Es ist schon etwas anderes, sich bei den Profis mit der Weltelite zu messen.“
Es ist ein Rennen, und das verändert vieles, vor allem auf dem Rad. Ein Altersklassenathlet orientiert sich an den Wattwerten, die er über viele Stunden treten kann. „Du fährst deine Werte und gehst nicht drüber. Bei den Profis musst du auch mal drübergehen, musst ins Risiko gehen, wenn du in eine Gruppe willst. Wenn die vorne zehn Watt mehr fahren, muss ich schauen, dass ich dranbleibe.“
Seine Ironman-Premiere als Profi hat Becker im April in Texas auf Platz 26 beendet. „Das war ganz solide.“ Ein kleiner Wermutstropfen war die Zeit: Er blieb 24 Sekunden über acht Stunden. „Das war schon sehr bitter, aber okay.“
Jetzt also Frankfurt. Für sein Heimrennen hat sich der Südhesse einen Platz unter den Top 25 vorgenommen. An einem sehr guten Tag könnte er vielleicht noch besser abschneiden. Vielleicht auch nicht. Die erwartete extreme Hitze macht die Rechnung unsicher. „Ich werde versuchen, viel zu trinken, viele Elektrolyte, viel Salz zu mir zu nehmen und mich so gut es geht herunterzukühlen. Ich hoffe, dass die genügend Eis unterwegs haben.“
Den Aerohelm will er trotz der Temperaturen tragen. Nur beim Visier überlegt er noch. Verzichtet er darauf, geht das auf Kosten der Aerodynamik. Verzichtet er nicht darauf, geht es auf Kosten der unter dem Aerohelm ohnehin nicht idealen Belüftung. Eine heikle Entscheidung. So oder so wird dieser Sonntag zu einer Hitzeschlacht. Am Montag dann wartet wieder a68. Beckers Woche hat schließlich sieben Tage.
Der Ironman und die Hitze
Bis zu 36 Grad im Schatten sind für den Wettkampf am Sonntag gemeldet. Ein Problem vor allem für die Altersklassenathleten, die in der Mittagssonne starten. Viele Amateurwettkämpfe am Wochenende, etwa der Hamburger Halbmarathon, sind abgesagt worden. Auch der Ironman in Nizza fällt wegen der Hitzewelle in Frankreich aus.
Die EM in Frankfurt aber soll weiter stattfinden, sagt Markus Hanusch, Pressesprecher von Ironman Germany. „Wir treffen zusätzliche Vorkehrungen, um die Sicherheit der Athletinnen und Athleten bestmöglich zu gewährleisten“, schreibt er auf F.A.Z.-Anfrage. Dazu zählen mehr Trinkflaschen und Becher an den Verpflegungsstationen sowie zusätzliche Kühlmöglichkeiten wie Eisbäder und Duschen.
Im Ziel wird es mobile Klimaanlagen geben. Zusätzlich werden die Radfahrstrecke auf insgesamt 125 Kilometer und der Lauf auf einen Halbmarathon verkürzt. „Die Sicherheit der Teilnehmenden hat höchste Priorität“, sagt Hanusch. (kori.)
