Ein Schwede, der Ausländern hilft. So stellt sich Ulf Melander vor, als er seinen Rollator langsam aus der Bibliothek schiebt.
Ulf Melander ist 76, ein bärtiger Schwede, der gern erdige Töne trägt. Jeden Mittwochnachmittag kommt er hierher, in die Fußgängerzone von Tensta, am nordwestlichen Rand Stockholms. Die „Hijama-Klinik“ bietet hier eine altorientalische Schröpftherapie an, der Supermarkt wirbt für Baklava als „Esskultur ohne Grenzen“. Viele Frauen tragen Kopftuch, die Schaufensterpuppen auch.
„Es gibt keine Geschäfte mehr für mich“, schimpft Melander auf der Holzbank vor der Bibliothek. Ein Obststand neben ihm verkauft Orangen, Wassermelonen und Aprikosen. „Es sind zu viele Ausländer hier.“
Seit der Flüchtlingskrise macht Schweden dicht
In die Bibliothek geht Melander, um sich mit Ausländern zu unterhalten. Jeden Mittwoch veranstaltet das Rote Kreuz ein Sprachcafé. Die Teilnehmer kommen aus Indien, Usbekistan, Russland, der Türkei, Eritrea und Somalia. Heute sollte es ums Essen gehen. „Was isst du zum Frühstück?“ stand auf den Blättern, die die Leiterin am Anfang ausgeteilt hatte. Als Anregung für die Gespräche, die Freiwillige wie Melander dann mit den Migranten führen. Auf Schwedisch, so gut es eben geht. Dazu gibt es Filterkaffee.

Seit 2002 lebt Ulf Melander in Tensta. Nach seiner Scheidung damals suchte er eine günstige Wohnung – und fand sie in einem der brachialen Plattenbauten, die das Viertel prägen. Mit der U-Bahn war er trotzdem schnell bei seiner Arbeit als Architekt im Stadtplanungsamt. Während Melander von früher erzählt, hebt er die Hand und deutet an, eine Flasche zu leeren. Ja, damals habe er mit den Nachbarn auch mal ein paar Bierchen getrunken, sagt er.
Als er vor gut 20 Jahren nach Tensta gekommen sei, hätten hier noch gleich viele ethnische Schweden wie Migranten gelebt. Das Jahr 2015, sagt er, sei für das Viertel eine „Katastrophe“ gewesen. Heute sei das Verhältnis eins zu neun. Viele der neuen Bewohner könnte bis heute kein Schwedisch, und die meisten hätten auch keine schwedischen Freunde. Ohne Begegnung aber, sagt Melander, könne Integration nicht gelingen. „Sie sind allein“, sagt er.
Trotz allen Grolls will Melander sein Viertel nicht aufgeben. Kaum eine öffentliche Veranstaltung in Tensta lässt er aus. Er hat sich einen Namen als fleißigster Verfasser sogenannter Mitbürgervorschläge gemacht. Er setzt sich damit für neue Bushaltestellen, zusätzliche Sitzbänke oder den Erhalt eines Spielplatzes ein. Ein direkter Fußweg zur ältesten Kirche des Viertels geht auf seine Initiative zurück.
Fortschritte in dem „besonders gefährdeten Gebiet“
Auch Christoph Capelle hat sich Tensta zur Aufgabe gemacht. „Willkommen im Ghetto“, ruft er, als er aus seinem SUV steigt. Ursprünglich stammt Capelle aus Braunschweig. 1989 wanderte er nach Schweden aus, arbeitete in der Hotellerie und im Großhandel. Heute, mit 65, engagiert er sich, um dem größten Problem seiner neuen Heimat etwas entgegenzusetzen. Die schwedische Mehrheitsgesellschaft und die Einwanderer, sagt er, würden viel zu wenig miteinander sprechen.
Seit zweieinhalb Jahren koordiniert Capelle deshalb ein Projekt, das vom staatlichen Erbschaftsfonds finanziert wird: „Drei Generationen treffen sich“. Es soll junge migrantische Eltern und ihre Kinder mit alteingesessenen Rentnern zusammenbringen.
Beim Rundgang zwischen den Plattenbauten bemerkt Capelle: „Du siehst hier keine Kinder auf den Spielplätzen.“ Die seien nämlich in der Schule – ein gutes Zeichen. Zuletzt hat sich die Lage in Tensta tatsächlich verbessert. Der offene Drogenhandel wurde von der Tenstagången, der Fußgängerzone, verdrängt. Seit Herbst 2021 gab es keine tödlichen Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden mehr. Trotzdem führt die Stockholmer Polizei den Stadtteil weiter als „besonders gefährdetes Gebiet“.

Christoph Capelle kommt für das wöchentliche Treffen des Generationen-Projekts nach Tensta. Bei einem Händler, der nahöstliche und mediterrane Lebensmittel im Angebot hat, kauft er sich erst einmal Äpfel, Bananen und Datteln. „Es riecht hier anders“, ruft er, als er den Laden wieder verlässt.
Danach geht es in eine Vorschule. Drei der Frauen, die an diesem Vormittag kommen, sind in Somalia geboren, eine stammt aus Eritrea, eine aus Ägypten. Auch die einzige in Schweden geborene Teilnehmerin trägt Kopftuch. Alle haben ihre Kinder dabei, manche sind erst wenige Monate alt. Als die Kleinen zu quengeln beginnen, stimmt eine Vorschullehrerin, die ebenfalls dabei ist, das Kinderlied „A ram sam sam“ an. Es wird getrommelt, gestampft und gesungen.
„Müssen bei allem, was wir machen, Geduld haben“
Irgendwann kommt auch Christoph Capelle zu Wort. Zum Anlass der schwedischen Demokratiewoche will er erklären, was eine Wahl ist. Die in Schweden geborene Teilnehmerin fragt, welche Dokumente sie dafür brauche. Dann will sie sich auf den Weg machen. Bisher habe sie mit ihrem kleinen Sohn bei ihren Eltern gewohnt, erzählt sie noch. Bald ziehe sie in eine eigene Wohnung außerhalb von Tensta. Ihr Lächeln verrät: Sie freut sich.

Als Capelle danach versucht, weiterzusprechen, stürzt sich eines der Kinder jauchzend auf eine Spielzeugschildkröte. Und wieder wird gesungen und geklatscht. Capelle nimmt es sportlich. „Wir müssen bei allem, was wir tun, Geduld haben“, sagt er. Immer wieder erlebe er, wie es Teilnehmer erstaune, dass sich Schwedens Regierung schlicht abwählen lasse. Er versuche zu vermitteln, dass Schweden trotz vieler Tendenzen, die man kritisieren könne, ein Rechtsstaat sei. Es ist auch ein Kampf gegen Desinformation. Vor der Wahl 2022 versuchte eine Splitterpartei, unter Wählern mit Migrationshintergrund zu mobilisieren. Sie behauptete, Jugendämter nähmen Muslimen gezielt ihre Kinder weg.
Manchmal versucht Capelle auch, mit den Teilnehmerinnen aus Tensta herauszukommen. So wie neulich, als sie gemeinsam das schwedische Nationalmuseum besuchten. Zehn Mütter aus Tensta seien dabei gewesen. Und eine der Frauen habe nach dem Museumsbesuch zum ersten Mal die Fähre im Zentrum von Stockholm genommen. Ein schöner, kleiner Erfolg, findet Capelle, im Kampf gegen die Segregation, über die in Schweden alle klagen.
Sozialdemokraten haben für Tensta einen Plan
Nur 500 Meter Luftlinie vom Nationalmuseum empfängt Lawen Redar im schwedischen Reichstag. Sie ist Tochter kurdischer Eltern, in Schweden aufgewachsen und seit 2025 integrationspolitische Sprecherin der Sozialdemokraten. Knapp drei Monate vor der Parlamentswahl führt der von ihnen geführte Mitte-links-Block in den Umfragen deutlich. Redar setzt Akzente, die für eine linke Politikerin auf den ersten Blick ungewohnt sind. „Wir müssen von den Einwanderern mehr fordern“, sagt sie. Migranten aus der Arbeiterklasse würden das verstehen. Und anders als Mitleidsbekundungen würden sie das auch ernst nehmen.
Dass Redar wenig mit jenem linken Milieu anfangen kann, das weiter auf eine liberale Einwanderungspolitik setzt, zeigt sich vor dem Reichstag. Zwei Frauen sprechen die Abgeordnete an und fordern, dass sie ihre Politik überdenke. Redar kontert in entschiedenem Ton. Und meint wenig später: Menschen wie die beiden würden kaum in einem Einwandererviertel leben.

Redar selbst kennt Tensta gut. Als junge Frau arbeitete sie dort in der Jugendhilfe. Auch Ulf Melander kennt sie noch aus dieser Zeit. Ein „kluger Mann“, sagt sie. Und wie Melander fordert auch sie: Kein Flüchtling solle mehr in Viertel wie Tensta ziehen. Erst wer einen positiven Asylbescheid erhalte, solle die Asylzentren verlassen dürfen. Und dann in einem Ort leben, in dem es Arbeit für ihn gebe. Ansonsten gebe es keine Sozialleistungen mehr. Zugleich fordert Redar mehr soziale Durchmischung: In Siedlungen wie Tensta sollen mehr Reihenhäuser und Eigentumswohnungen gebaut werden.
Auch ihre eigene Partei kritisiert Redar: „Der Wohlfahrtsstaat ist nicht nur wirtschaftliches Modell, sondern auch getragen von Solidarität und Vertrauen zwischen den Menschen“, sagt sie. Wenn eine gemeinsame Sprache und grundlegende kulturelle Bindungen fehlten, erodiere diese Solidarität. Man habe das lange unterschätzt. Und dem Wachstum der Parallelgesellschaften zugesehen. Darum müsse in Zukunft gelten: „Alle, die schwedische Bürger werden wollen, müssen die Sprache lernen.“
Dann attackiert Redar den politischen Gegner. Offene Grenzen seien kein linkes, sondern ein rechtes, neoliberales Modell, sagt sie. Tatsächlich sind die Öffnungen von der bürgerlichen Regierung unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt von 2006 bis 2014 beschlossen worden. Die hatte während ihrer Minderheitsregierung, als vor dem Aufstieg der Schwedendemokraten ein ganz anderer Geist herrschte, sowohl die Arbeitsmigration als auch die Asylzuwanderung liberalisiert wie kein anderes Land in Europa. Das habe, beklagt Redar, eine große Sogwirkung geschaffen. Mittlerweile sind gut 20 Prozent der schwedischen Bevölkerung, also rund 2,2 Millionen Menschen, im Ausland geboren.
Von rechts heißt es zu den Plänen von Redars Sozialdemokraten: „Zwangsdurchmischung“. Die Schwedendemokraten plakatieren Plattenbauten in Häuschensiedlungen als Schreckgespenst. Redar nimmt das gelassen. Und sagt, das Schlagwort habe sie erst richtig bekannt gemacht. Lob erhält Redar gar von Fredrik Kopsch, dem Chefökonomen des politisch den bürgerlichen Parteien nahestehenden wirtschaftsliberalen Thinktanks Timbro. Kopsch sagt im Videogespräch: „Sie hat recht, wenn sie beim Wohnungsmarkt ansetzen will.“ Schwedens Segregation hält er für wirtschaftlich höchst schädlich.

Seine Rezepte unterscheiden sich aber auch von denen Redars. Kopsch spricht sich für eine Liberalisierung des schwedischen Mietmarkts aus. Wer heute eine Wohnung in Stockholm suche, warte Jahre und manchmal Jahrzehnte auf den Zuschlag der kommunalen Wohnungsbehörde. Solange das so bleibe, landeten die Schwächsten dort, wo es Leerstand gebe. In Orten mit untergegangener Industrie drohten bei einer neuen Zuwanderungswelle neue, von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelte Brennpunkte. Für alle, die am Markt scheitern, schlägt Kopsch den Bau von Sozialwohnungen vor. Das aber nur an Orten mit funktionierender Wirtschaft.
Ulf Melander denkt bei seiner Kritik auch an sich
Mit der Migrationspolitik der amtierenden Regierung geht der Ökonom hart ins Gericht. Seit vor einem halben Jahr sein Buch „Ausgewiesen“ erschienen ist, gilt Kopsch als bürgerlicher Kritiker einer immer stärker von den Schwedendemokraten geprägten Einwanderungspolitik. Er sagt, die Regierung habe wohl erwartet, dass jegliche Verschärfungen von der öffentlichen Meinung honoriert werden. Mit den Ausweisungen von in Schweden aufgewachsenen jungen Menschen habe sie sich aber „verkalkuliert“. Laut einer Umfrage lehnen drei Viertel sie ab.
Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2023 mussten junge Migranten mit ausländischem Pass einen eigenen Aufenthaltstitel beantragen. Viele scheiterten an unrealistisch hohen Gehaltsanforderungen. Im vergangenen Jahr erhielten deshalb 92 Jugendliche einen Ausweisungsbescheid, als sie volljährig wurden. Ihre Eltern durften in Schweden bleiben. Nach einem öffentlichen Aufschrei verkündete die Regierung Anfang Juni eine Neuregelung, sodass Kinder von Einwanderern künftig bis zum 21. Geburtstag von der Aufenthaltsgenehmigung ihrer Eltern profitieren sollen.
Ulf Melander sagt zu dieser Politik der konservativen Regierung nur: „So dumm.“ Und er denkt dabei auch an sich selbst. „Ich bin alt und brauche Hilfe.“ Er weiß: Diejenigen, die ihn vielleicht einmal pflegen werden, werden kaum Emma oder Lars heißen. Statistiken zeigen, dass in Schweden mehr als die Hälfte der Pflegeassistenten, Reinigungskräfte und Müllarbeiter im Ausland zur Welt gekommen ist. Zuletzt häuften sich Berichte, dass sich Menschen, die das Land mit ihrer Arbeit am Laufen halten, vor der Ausweisung fürchten.
Für Melander ist deshalb klar: Wer Schwedisch lerne und sich integriere, solle in Schweden bleiben dürfen, sagt er auf der Holzbank vor der Bibliothek. Mit seinen wöchentlichen Besuchen im Sprachcafé will er denjenigen helfen, die dazu bereit sind.
