
Vor einigen Jahren hat Zsuzsanna Gahse einen kleinen Leitfaden zu einem Kunstwerk ihres Mannes angefertigt, des Schweizer Künstlers Christoph Rütimann. Der hatte eine wuchtige Skizze im Format einer faltbaren Landkarte entworfen, eine abstrakte Schwarz-Weiß-Zeichnung, die sich wie ein Fluss oder eine langgezogene Gebirgslandschaft über mehrere Seiten erstreckt. Darin lassen sich mit ein bisschen Phantasie Umrisse von Figuren entdecken, vor allem aber Strömungen, zerstückte Linien und Verwirbelungen.
Zsuzsanna Gahse antwortet darauf in Minitexten, in Sprachverwandlungen und kurzen Sätzen. Dort springt sie blitzschnell von „Waagrecht“ zu „Wagen“ und von „Wagen“ zu „Auto“. Natürlich kommt auch der „Sprung“ selbst vor, wird zum „Tänzchen“, das über Lautähnlichkeiten zum Wort „kurz“ führt, „so kurz wie der Brief“. Und flugs wandern die Gedanken der Schreibenden vom „Brief“ zur „Post“, die „sehr viel später ankommt“.
Wenn man Zsuzsanna Gahse nun beim Wort nimmt, kann man selbst assoziativ zu wandern beginnen und von der Post auch zu den Orten kommen, in denen sie ausgetragen wird. In Budapest zum Beispiel, wo Zsuzsanna Gahse 1946 geboren wurde und von wo aus sie mit ihrer Familie nach dem Ungarnaufstand 1956 nach Wien flüchtete. Oder in Stuttgart, wo sie lange Zeit lebte und Helmut Heißenbüttel kennenlernte, mit dem sie nicht nur das schriftstellerische Arbeiten, sondern auch eine Freundschaft verband. Und selbstredend wird auch in dem kleinen Ort Müllheim im Thurgau die Post ausgetragen. Dort wohnt Zsuzsanna Gahse zusammen mit Christoph Rütimann seit fast 30 Jahren.
Lieber Zählen als Erzählen
Die kurzen Notate zu Rütimanns Kunst-Landkarte verraten aber auch etwas über Zsuzsanna Gahses Art zu schreiben. Linearität ist ihr fremd. Ihre Wort- und Satzverwandlungen verbinden eins mit dem anderen oft wie in einer Liste. Nicht von ungefähr sei ihr das „Zählen“ näher als das „Erzählen“, heißt es in ihren Texten immer wieder, es führe zu einer freieren Art des Denkens, als es jeder schnöde „rote Faden“ ermöglichen könne. Dazu gibt es eine große Offenheit für dichterische Stimmen, von Gertrude Stein bis zu Christian Steinbacher, und eine Lust, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Auch Psychologie benötigt sie nicht, wenn sie ihre Figuren skizziert. Das wäre nur Behauptung, hat sie einmal in einem Interview erzählt. Vielmehr wolle sie Menschen so darstellen, dass man sofort erkennen könne, wie es ihnen geht: „Ich kann zum Beispiel eine Person beschreiben, die zusammengekauert in einer Ecke hockt und dadurch traurig wirkt. Ich versuche alles so darzustellen, dass man es sehen kann.“
Das macht Zsuzsanna Gahse auf die ihr eigene zart ironische Weise seit mehr als 50 Jahren. Zunächst waren es kleine Texte für Literaturzeitschriften und den Rundfunk, 1983 wurde schließlich ihr erstes eigenes Buch „Zero“ veröffentlicht. Über 30 Bände sind bis heute herausgekommen, die schöne und vielsagende Titel tragen wie „Instabile Texte“, „Erzählinseln“ „Oh, Roman“, „Donauwürfel“ oder „Südsudelbuch“. Oft begegnet man darin Figuren, die man nicht nur beim Traurigsein oder in euphorischen Momenten sehen kann, sondern ebenso in Gesprächen. In Dialogen, in denen die Stoffe hin und her gewendet werden und die von semantischen Verschiebungen leben. Ihr jüngstes Buch „Angerichtet“, das gerade erschienen ist, beginnt etwas griesgrämig mit einem Abgesang auf die Post, die Briefe kommen darin nicht nur sehr spät, sie kommen oft gar nicht mehr an. Also schnell einen aufmunternden Text aus dem Buch zitiert, in dem die Sprecherin das Sehen feiert. „Ich sitze auf einer Bank, / schaue mich um, beinahe / sitze ich in meinen Augen, / ich bin meine Augen.“
Nicht zu vergessen, dass Zsuzsanna Gahse auch eine großartige Übersetzerin aus dem Ungarischen ist, die vor allem den Büchern von Péter Esterházy ihre Sprache geliehen hat. So wünschen wir ihr zu ihrem 80. Geburtstag mit einem Esterházy-Titel ein sehr herzliches „Donau abwärts“. Auf dass sie noch viele Erzählinseln und Südsudelbücher schreiben möge.
