Eine Frau schließt die Augen, während ein junger Mann im Priestergewand ihr beide Hände auf die Stirn legt. Kurz darauf sinkt sie vor den Augen Dutzender Gläubiger zu Boden. Die Szene spielt sich nicht in einer Kirche ab, sondern im Untergeschoss eines kleinen Einkaufszentrums, wenige Gehminuten vom Gelände des Heiligtums von Fátima entfernt, einer der meistbesuchten Wallfahrtsstätten der katholischen Kirche.
Einmal im Monat finden hier sogenannte Exorzismus-Exerzitien statt, die kirchliche Behörden zunehmend beunruhigen. Laut ihnen laufen die Veranstaltungen ohne jede kirchliche Kontrolle ab, werden von selbst ernannten Geistlichen geleitet und stehen im Verdacht, Gläubige auszubeuten.



An einem Samstag im Mai warteten mehr als 100 Menschen darauf, dass der 27-jährige Francisco Marques ihnen nacheinander die Hände auflegen würde. In schwarzer Soutane und römischem Kragen sieht Marques einem Geistlichen zum Verwechseln ähnlich, aber weder der Vatikan noch die zuständigen Kirchenbehörden erkennen sein Amt an.
Bei seinen „Exerzitien“ legt er den Teilnehmern beide Hände auf die Stirn und verharrt in stiller Konzentration. Manche fallen anschließend rückwärts in die Arme bereitstehender Helfer und werden auf Matten abgelegt, die über den Boden verteilt sind. Meist sind es Frauen.
„Man spürt eine tiefe innere Ruhe. Es ist eine Befreiung. Ich gehe gereinigt hier raus, mit einer leichteren Seele“, sagt Lurdes Ramisio, eine 56-jährige Krankenschwester. „Seine Hände übertragen mir etwas. Ich glaube, er hat eine besondere Kraft.“



„Dämonen austreiben“
Organisiert werden die Sitzungen von Marques und seiner Familie, unterstützt von Salvatore Micalef, einem Italiener, der sich als sein Bischof bezeichnet. „Als ich Francisco traf, erkannte ich, dass er die Gabe hat, Dämonen auszutreiben“, sagt Micalef. „Ich habe ihn daher per Dekret als Exorzisten autorisiert.“
Bischof José Ornelas von Leiria-Fátima berichtet der Nachrichtenagentur AFP, dass die Kirche mit dem Thema „mit großer Besonnenheit“ umgehe. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, Priester seien „Gurus“ mit besonderen Mächten über Dämonen. Bereits 2023 hatte seine Diözese öffentlich vor „verdächtigen Exerzitien“ eines „angeblichen Seminaristen und Freundes des Papstes“ gewarnt.
2024 äußerte sich daraufhin sogar die Diözese Rom dazu und distanzierte sich ausdrücklich von Salvatore Micalef. Der 51-jährige Italiener stehe nicht in Gemeinschaft mit der katholischen Kirche und verfüge nicht über die notwendigen Amtsbefugnisse, um Sakramente zu spenden, berichtete der Österreichische Rundfunk.



Weihwasser und „exorziertes“ Salz
Eine rechtliche Handhabe, solche Veranstaltungen zu verbieten, hat die Kirche nicht. Bischof Ornelas sieht es dennoch als ihre Pflicht, Missbrauch durch jene anzuprangern, die das Leid der Menschen für eigene Zwecke ausnutzten.
Marques sieht das anders. Er betrachtet sich als Opfer einer Verleumdungskampagne und hat nach eigenen Angaben rechtliche Schritte gegen die Kirchenvertreter eingeleitet. „Wir wurden verleumdet. Man hat uns falsche Priester, falsche Bischöfe, Betrüger genannt. Wir müssen unsere Würde verteidigen“, sagt er.
Neben den Treffen in Fátima hält Marques jeden Sonntag Gottesdienste in einer Privatkapelle ab, rund 100 Kilometer nördlich des Wallfahrtsorts. Die Teilnahme an den Exorzismus-Sitzungen sei kostenlos, betont er, räumt aber ein, dass Spenden die Aktivitäten mitfinanzieren.
Käuflich zu erwerben gibt es bei seinen Exorzismus-Seminaren noch einiges mehr: „exorziertes“ Salz, Weihwasser und von Marques hergestellte Salben. Auf dem Tisch neben den Produkten liegen Visitenkarten mit einem Foto von ihm und Papst Franziskus, inklusive Telefonnummer und Kontonummer für Überweisungen.



