Der Weg ins Schloss beginnt im Linienbus. Der freundliche, rundgesichtige Fahrer aus der Ukraine trägt eine weiß-blaue Bayernkrawatte und ein Käppi mit dem Bundesadler, geduldig kassiert er das Geld für die Fahrkarten. Deutsch spricht niemand, aber das macht nichts: Die Stimmung ist gut bei der italienischen Familie, bei dem Ehepaar aus Taiwan, bei den jungen Leuten aus Polen, die sich am frühen Morgen am Füssener Bahnhof aufmachen, um sich einen Traum zu erfüllen: einmal im Leben Neuschwanstein sehen, das Schloss des bayerischen Königs Ludwig II. Fragt man die Fahrgäste, warum sie hier sind, sind sie sich einig: „It’s a once-in-a-lifetime experience.“
Der Bus fährt unter Volksmusikbeschallung durch grüne Wiesen, in denen Löwenzahn gelb explodiert, die Taiwaner lächeln entzückt. Ehemann Timothy erzählt, er habe Neuschwanstein durch ein Youtube-Video entdeckt, das die zehn wichtigsten Orte Deutschlands vorstellt, und da er aktuell in Dresden arbeite, wolle er sich in die deutsche Mentalität einfühlen. Die italienische Familie studiert gemeinschaftlich den Reiseführer und findet heraus, dass sich der König an den mittelalterlichen Burgen inspiriert habe; dann geht es schon hinauf in den Ort Hohenschwangau, vorbei an schon gut gefüllten Parkplätzen. Eine Handvoll Lokale, Hotels und Souvenirläden breitet sich zu Füßen des Schlosses aus, Kutscher warten auf Kundschaft. Familienvater Francesco ist ein kleines bisschen enttäuscht: „Ich dachte, Neuschwanstein liegt viel weiter oben im Gebirge.“ Tut es nicht, der Weg hinauf ist auch für Unsportliche in 40 Minuten zu bewältigen, mit der Kutsche in zwanzig. Das ist ein Glück. Oder ein Pech, wie man es nimmt.

Denn eigentlich wollte ja König Ludwig II. nichts weniger als ein Schloss voller Menschen. 1,1 Millionen Besucher zählte Neuschwanstein im vergangenen Jahr, dabei war es ursprünglich als Rückzugsort gedacht. Gerade einmal 24 Jahre alt war der König bei der Grundsteinlegung 1869, ein unglücklicher Mensch, der die Einsamkeit suchte. Nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen war er kein souveräner Herrscher mehr und wollte sich eine Traumwelt schaffen, in der er ein König in einem mittelalterlichen Ritterschloss sein konnte. Auf Neuschwanstein verschlief Ludwig den Tag und wandelte nachts allein durch die Räume, las, speiste. Nur seine Mutter Marie durfte das Schloss anlässlich ihres sechzigsten Geburtstags für ein paar Stunden besichtigen. Es ist anzunehmen, dass der König beim Anblick der heutigen Besuchermassen im Grab rotieren würde.
Ludwig hat noch andere historisierende Schlösser gebaut: das von Versailles inspirierte Schloss Herrenchiemsee, auf einer Insel im Chiemsee, Bayerns größtem See gelegen. Die Rokoko-Interpretation Linderhof mit der spektakulären Venusgrotte. Das Königshaus am Schachen mit seinem maurischen Saal. Aber Neuschwanstein ist der größte Besuchermagnet von allen. „It’s absolutely unique, es ist absolut einzigartig“, sagt strahlend Sabina Pereira, eine junge Mama aus England in schickem Sommerkleid, die gerade auf halbem Weg zum Schloss Mann und Kinder so zu fotografieren versucht, dass der charakteristische Turm im Hintergrund zu sehen ist. Die Familie ist eigens an einem verlängerten Wochenende aus der Nähe von London hergefahren, um Neuschwanstein zu sehen, obwohl es in England doch eigentlich genug Burgen und Schlösser gibt: „Es ist das Schloss von Walt Disney, das Schloss von Cinderella, man muss es einmal gesehen haben, und ich denke, man muss es auch besucht haben, um Deutschland zu verstehen. In England assoziieren wir Deutschland oft mit Krieg. Neuschwanstein ist positiv besetzt, es ist gut für Deutschland, dass es das Schloss gibt, isn’t it?“
Dem König hätte das Bild nicht gefallen
Oben im Schlosshof sind jedenfalls alle gleich einmal beeindruckt von der deutschen Organisation. Einlass ist im Fünf-Minuten-Takt, auf einer digitalen Anzeigentafel erscheint die online gebuchte Führung, genau zu Beginn des reservierten Timeslots hält man die Eintrittskarte mit dem QR-Code unter ein Gerät und ist drin. Vorbei sind die Zeiten, in denen unten in Hohenschwangau die Besucher in kilometerlangen Schlangen vor dem Ticketoffice anstanden, und obwohl das Schloss an diesem Tag restlos ausgebucht ist, hat man nicht den Eindruck, es sei völlig überfüllt. Drinnen wartet schon Kastellan Maximilian Schranner auf die Gruppe der Tour Nummer 444, 45 deutschsprachige Besucherinnen und Besucher, die sich in Funktionskleidung und bequemen Plastikschuhen dem nationalen Mythos annähern. Dem König hätte dieses Bild nicht gefallen.
Schranner, weißes Hemd, schwarze Hose, eine akkurat-sportliche Erscheinung mit blondem Haar, lotst sie souverän durch die Räume, ausnahmsweise hilft er heute höchstpersönlich aus. Eigentlich ist er im Schloss für die Dienstpläne zuständig und dafür, dass alles läuft, wofür er selbst ständig unterwegs ist über die rund 350 Stufen des Schlosses. Schranner erzählt von Ludwigs ganz eigener Welt auf sorgfältig komprimierte Art und mit einem Lächeln. Eine halbe Stunde dauert die Führung, das muss reichen, um Blicke auf diese riesige unvollendete Theaterkulisse zu werfen, in der der König dem von ihm verehrten Komponisten Richard Wagner huldigte: den gülden glänzenden Thronsaal im Stil einer byzantinischen Kirche, mit Sternen im Kuppelgewölbe und Tiermosaiken auf dem Boden. Den Sängersaal, der die Wartburg zitiert und der ganz mit Bildern aus der Parzival-Sage ausgemalt ist.
Das Schlafzimmer, in dem Ludwig II. in seinem Bett unter einem Schnitzwerk ruhte, das gotische Kathedralen nachempfindet – doch ebenso gibt es ein Waschbecken mit fließendem Wasser, das ein versilberter Schwan ausspeit, und ein Spülklosett. Der König nämlich war kein weltfremder Träumer, sondern begeistert von den technischen Neuerungen des 19. Jahrhunderts, er ließ, wie Schranner erklärt, eine Heizung einbauen, Fenster mit Stahlrahmen, eine elektrische Klingelanlage und Bayerns erstes Telefon, und die kleine künstliche Tropfsteinhöhle zwischen Wohn- und Arbeitszimmer, die der Venusgrotte aus der Tannhäuser-Sage nachgestaltet ist, hat eine elektrische Beleuchtung. Obwohl das moderne Mittelalter-Schloss nach 17 Baujahren immer noch nicht vollendet war, erschien es doch als so außergewöhnlich, dass die königliche Familie es nur wenige Wochen nach Ludwigs geheimnisvollem Tod im Starnberger See der Öffentlichkeit zugängig machte und Eintrittskarten verkaufte.

„Faszinierend an Neuschwanstein ist, dass uns das Schloss so erhalten ist, wie es gedacht war, aus einem Guss, ohne Umbauten späterer Generationen“, sagt die Restauratorin Tina Naumovic. Sie sitzt in ihrem Büro bei der Bayerischen Schlösserverwaltung in München, im bezaubernden Schloss Nymphenburg, in dem Ludwig II. geboren wurde. In den vergangenen neun Jahren, in denen die Innenräume von Neuschwanstein bei laufendem Betrieb aufwendig renoviert wurden, hat Naumovic als Leiterin des Fachbereichs Präventive Konservierung das Schloss kennengelernt wie nicht viele Menschen. Sie weiß: „Ludwig war wie ein Regisseur, der ganz in seinem eigenen Film aufgeht – und ein ungeduldiger Bauherr.“
Auf ihrem Computer zeigt Naumovic Fotos der Wandmalereien, die in Öl direkt auf den Putz gemalt wurden: „Sie wurden nicht als Fresko ausgeführt wie in anderen Schlössern üblich, sondern in einer Ölmalerei direkt auf Putz oder als sogenannte Tüchleinmalerei. Das ist eine seltene Technik, die es ermöglicht, großformatige Leinwandgemälde als Illusionen einer Wandmalerei auszuführen.“ Dem König nämlich pressierte es, der Bau konnte ihm nicht schnell genug gehen. Aber: „Die Stickereien, die Goldschmiedearbeiten, die Holzausstattung – das ist hochwertige Qualität, absolute Kunstfertigkeit, und das in Kombination mit den neuesten technischen Errungenschaften seiner Zeit“, sagt Naumovic: „Ludwig hat seine Ideen sehr ernsthaft umgesetzt.“
Die Romantik, die Ernsthaftigkeit, das Maßlose
Ernsthaftigkeit ist auch etwas, was auffällt bei Begegnungen mit Deutschen im und ums Schloss herum. Familie Spitzl aus Niederbayern etwa hat der Tochter den Schlossbesuch zum vierzigsten Geburtstag geschenkt, weil sie noch nie in Neuschwanstein war, „und das ist doch Teil unserer Kultur, darüber muss man Bescheid wissen“. Eine passionierte Kennerin der Ludwig-Schlösser ist die Kunsthistorikerin Christine Baingo-Oftring aus Frankfurt, sie war schon viele Male da, jetzt zusammen mit ihrem Mann. Die Psychiaterin Katharina Grobholz will unbedingt ihrem zukünftigen Ehemann das Schloss zeigen, weil er gerade aus Nordrhein-Westfalen zu ihr nach München gezogen ist und sich akklimatisieren soll – dabei interessiert sie vor allem die Persönlichkeit des Königs, die Spekulationen um seinen Geisteszustand, der nicht auszuschließende Suizid, „das Opulente, das Maßlose“.
Viele besuchen pflichtbewusst auch Hohenschwangau, das Schloss gegenüber, mit dem Ludwigs Vater Maximilian, damals noch Kronprinz, als junger Mann die baufällige Burg Schwanstein wiederaufbauen ließ – die hatte er auf einer Wanderung in dieser wilden, einsamen Landschaft entdeckt. Seine Mittelalterbegeisterung, seine Bauleidenschaft ähneln der, die sein Sohn später an den Tag legte. Ludwig verbrachte auf Hohenschwangau viele Sommer mit dem Vater, der preußischen Mutter Marie und dem Bruder Otto, und man versteht eigentlich Neuschwanstein nicht, wenn man nicht dieses gemütliche kleine Schloss gesehen hat, in dem bereits Maximilian das Mittelalter feierte: mit bunt-sentimentalen Malereien zu mittelalterlichen Sagen und bayerischer Geschichte, die der romantische Maler Moritz von Schwind entwarf.

Die Romantik, die Ernsthaftigkeit, das Maßlose. Ist Neuschwanstein vielleicht ein besonders deutscher Ort, an dem sich verdichtet, was die Welt den Deutschen oft zuschreibt, nämlich ein Volk zwischen Genie und Wahnsinn zu sein? Unten im Hotel in der Fußgängerzone von Füssen meint der junge Fehmi, der an der Rezeption sitzt, dasselbe, was schon die englische Familie auf dem Weg zum Schloss sagte: „Es ist gut für Deutschland, dass es Neuschwanstein gibt, denn es reisen Leute aus der ganzen Welt hierher, um dieses Deutschland zu sehen.“
Fehmis Großeltern sind Aramäer, sie kamen als junge Leute ins Allgäu und eröffneten das Hotel, das die Familie bis heute führt. Ein Foto von den beiden hängt an der Wand, sie stehen an einem Bergsee in ihrer neuen Heimat, er im dunklen Anzug, sie im Sommerkleid mit Perlenkette. Es träten durchaus immer wieder Gäste über die Schwelle, die es nicht gut fänden, dass hier keine blonden Menschen die Zimmerkarten überreichen und beim Frühstück das Geschirr abräumen, sondern solche, denen man ansieht, dass sie nicht aus der Gegend stammen, erzählt Fehmi: „Da gibt es dann schon mal blöde Bemerkungen.“ Das romantische Märchendeutschland und das moderne Deutschland, es scheint nicht in allen Köpfen zusammenzugehen.
Wie rettet man einen Ort, den alle lieben, vor dieser Liebe?
Auf Neuschwanstein als die positive Seite des Deutschtums aber können sich alle einigen: Irgendwie scheint das Schloss ein Ort zu sein, den jeder versteht, an dem jeder ähnlich fühlt. Alle hätten Anteil nehmen wollen an der Renovierung, erzählt Tina Naumovic, die größte Attraktion sei in der Zeit der aus der Kuppel herabgelassene Leuchter im Thronsaal gewesen, den eine Restauratorin vor den Augen der Welt sechs Monate lang von Schmutz befreite: „Die Leute fanden es toll, dieses Making-of sehen zu können.“ Dutzende Restauratoren von mehr als fünfzig Firmen hantierten in den vergangenen Jahren mit Staubsaugern, Farben, Lösungsmitteln, während die Besucher durchs Schloss strömten.
Ein Großprojekt, das nicht mehr zu vermeiden war, denn das Schloss hat gelitten seit Ludwigs Tod. Naumovic erzählt von ständig geöffneten Fenstern, durch die das Sonnenlicht hereinfiel, durch die Vögel und Insekten hereinflogen, Pollen hereinwehten. Von zu vielen Menschen, die atmen, von Haaren, Hautschuppen und Kleidungsfasern, von Kondenswasser und von Staub, der sich mit Feuchtigkeit zu einer Kruste verdickt.
Wie rettet man einen Ort, den alle sehen wollen und lieben, vor genau dieser Liebe? Ludwig hätte die Lösung wohl gefallen: Naumovic berichtet stolz von der eigens für Neuschwanstein konzipierten neuen Lüftungsanlage, einem Unikat, das über die historische königliche Heizungsanlage frische Luft von draußen in das Gebäude hineinbläst. Auf den Rat der Restauratoren hin wurden die Besuchergruppen verkleinert, die Fenster haben jetzt einen Lichtschutz. Die Farben an den Wänden leuchten, die Vorhänge sind vom Staub befreit, die Stoffe der Sofas wirken frisch – sehr selbstverständlich sieht das alles aus und hat doch noch eine Patina. „Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, sagt Naumovic und strahlt. Dass Ludwigs Schlösser vergangenes Jahr in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden – umso schöner. Die Besucherzahlen freilich sind so oder so nicht mehr zu steigern.
Warum ist ausgerechnet dieses Schloss ein Mythos?
Bei der Tour Nummer 444 von Kastellan Schranner äußern die deutschen Besucher ihre Begeisterung nicht so ausdrucksvoll wie die internationalen, sie heben sich eher durch Schweigen ab vom babylonischen Sprachengewirr des Schloss-Sounds, aber man merkt: Das Schloss bewegt sie, und spätestens auf dem Balkon, von wo der Blick auf blaue Berge und Seen fällt wie in einer Märchenlandschaft, geraten auch die Deutschen in so etwas wie Verzückung: „Guck mal, Hammer.“ Handykameras werden gezückt, dann spült die Neuschwanstein-Maschinerie auch schon wieder alle gen Ausgang.
Unterhalb des Schlosses wartet Kutscherin Lou Pfeiffer auf die Müden, die keine Lust mehr haben, den Berg hinunterzugehen, und sich lieber in ihre Kutsche sinken lassen. Die junge Frau mit der roten Haarsträhne tränkt gerade ihre beiden Süddeutschen Kaltblüter und meint: „Ich habe das Schloss aus meinem Kinderzimmerfenster gesehen, aber ich musste erst weggehen, nach Australien, Kanada, Neuseeland, um zu begreifen, wie schön es hier ist.“ Die Berge, die Seen, dazu das Schloss – dem könne sich kaum jemand entziehen. „Diese Entschleunigung in dieser grandiosen Landschaft, dass man sich vor dieser Kulisse selbst ein bisschen wie ein König oder eine Prinzessin fühlen kann – das macht die Menschen glücklich“, sagt Pfeiffer. Dann wirft sie den Elektromotor der Hybrid-Kutsche an und surrt sanft bergab, die Hufe der Pferde klackern anmutig auf dem Asphalt.
Warum ausgerechnet Neuschwanstein zum Mythos geworden ist – die Antwort auf diese Frage findet man am ehesten, wenn man sich ein paar Schritte vom Trubel wegbewegt. Am Alpsee etwa, an dessen dem Schloss zugewandten Ufer die Leute aus dem Gewühl heraus ein Foto machen, bevor sie wieder in die Busse steigen. Die wenigsten machen sich die Mühe oder haben die Zeit, um diesen tiefen Bergsee herumzugehen, in dem die königliche Familie schwamm und angelte und auf dem Ludwig II. einmal die Ankunft des Schwanenritters Lohengrin aus Richard Wagners Oper aufführen ließ, mit künstlichem, elektrisch beleuchtetem Schwan, Ludwigs Adjutanten Paul von Thurn und Taxis als Lohengrin und einem Orchester am Ufer.
Heute baden hier die Einheimischen im Strandbad, ansonsten ist es ruhig, und es kann passieren, dass man plötzlich ganz allein am Ufer sitzt. Das Türkis des Wassers wirkt fast unwirklich, Buchen und Fichten werfen mit ihrem grünen Blätterwerk Schatten hinein, die Berge bauen sich dunkel ringsum auf. Es ist eine sagenhafte Landschaft, und man würde sich nicht wundern, würde ein Ritter in roten Strumpfhosen mit einem Pferd zwischen den Bäumen hervortreten. Neuschwanstein ist von hier als kleine, am Felsen klebende Burg zu sehen, als Teil eines romantischen Gemäldes, das in Bayern inszeniert ist. Das hier, das ist Deutschland, das gute Deutschland, wie es der Welt gefällt.
