
Festspiele das ganze Jahr über: Den Anfang dafür hat Elke Hesse gemacht. Und gleich der ganzen Stadt einen neuen Namen verpasst: „Herzfeld“ heißt Bad Hersfeld jetzt. Jedenfalls wenn es um all die größeren und kleineren Projekte geht, mit denen die neue Intendantin der Bad Hersfelder Festspiele das Festival enger mit der Stadt, die Bürgerinnen und Bürger jedes Alters mit der Stiftsruine und dem Theater verbinden will. Von Kunstevents über einen interkulturellen Chor bis zu einem selbst gehäkelten Sonnensegel als Gemeinschaftsprojekt wird seit Monaten Gemeinschaft gestiftet, und wenn am 26. Juni mit „Parzival“ die 75. Bad Hersfelder Festspiele eröffnen, werden Sonnensegel und roter Teppich, Community und Prominenz in einem Festzug zueinanderfinden. „Ich möchte, dass auch die Politiker sehen, welche Kraft das hat. Das wird eine hohe künstlerische Qualität haben und begeistern“, ist sich Hesse sicher. „Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, und mir liegt die Verbindung außerhalb der Bühne am Herzen. Ich will Menschen das Gefühl geben, was Kunst und Kultur alles für sie tun kann. Mir geht es um ein Verständnis dafür, warum eine Stadt so viel in Kunst und Kultur investiert“, sagt Hesse.
Im nächsten Jahr werde es wieder andere Projekte geben. „Da gibt es so viele Möglichkeiten. Im Grunde genommen ist es diesmal stark auf das Jubiläum 75 Jahre Bad Hersfelder Festspiele fokussiert. Aber das Angebot soll sich über die ganze Zeit meiner Intendanz, die auf fünf Jahre ausgelegt ist, erstrecken.“ Schon in ihrer ersten Intendanz hatte sie Bad Hersfeld kurzerhand passend zur Inszenierung zur „Faust-Stadt“ erklärt, mit lebensgroßen Pudeln aus Beton.
Denn Hesse gehört zu einer absolut raren Spezies: Sie ist nicht nur eine von ganz wenigen Frauen an der Spitze eines großen Festivals, sondern nun auch schon zum zweiten Mal Intendantin in Bad Hersfeld. Vor genau 20 Jahren ist die 1964 geborene Wienerin in eine Lücke gesprungen: Der damalige Intendant Hans Gratzer, mit dem sie jahrelang als Assistentin und Referentin gearbeitet hatte, musste erkrankt die Intendanz aufgeben und starb kurz darauf. Hesse übernahm, es war trotz Vorerfahrung ein Sprung ins kalte Wasser. Noch dazu mit zwei kleinen Kindern, als alleinerziehende Mutter mit zwei Arbeitsstätten, Wien und Hersfeld.
Zwei Hauptberufe, zwei Wohnorte
Am Pendeln hat sich nichts geändert, Hesse hat weiterhin zwei Hauptberufe. Von September bis April ist ihr Hauptsitz Wien, dann arbeitet sie viel online für Hersfeld und ist einmal im Monat präsent – von April bis August ist es umgekehrt. „Ich habe ein tolles Team, das funktioniert. Ich habe alles früh vorbereitet. Es ist nur eine Frage der Organisation.“ Und der Erfahrung: „In meiner ersten Intendanz hatte ich das Gefühl, ich muss rund um die Uhr arbeiten, ich habe zehn Kilo abgenommen. Aber man lernt viel im Leben“, sagt sie im Rückblick. Jetzt kommen die erwachsenen Söhne als Gäste zu den Festspielen: „Der Kleinere hat hier gute Freunde gefunden. Beide kommen mit großer Freude wieder hierher. Es wird ein ganzer Bus aus Wien kommen, mit Freunden und Teammitgliedern.“
Damals ist sie bis 2009 bei den Festspielen geblieben, seit 2010 leitet sie „Muth“, den Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, den sie aufgebaut hat, sie ist im Aufsichtsrat der Staatsoper Wien tätig und weiteren Institutionen. „Ich habe mich weiterentwickelt, die Stadt und die Festspiele, auch die Etats haben sich verändert. Und ich habe mehr Erfahrung. Ich fühle mich sehr wohl hier und gut wieder empfangen“, sagt sie zu ihrer Rückkehr. Das Prinzip der Vielfalt und des Austauschs von Künstlern und Publikum, das sie im „Muth“ verfolgt, soll auch Hersfeld prägen. Und auch von ihrer Expertise in Fundraising und Motivation soll Hersfeld profitieren.
„Wir müssen neue Finanzierungswege finden und uns für die Zukunft aufstellen. Das mache ich auch im Team. Ich hole junge Menschen, die wir aufbauen für die Zukunft.“ Ein neu inszeniertes Fundraising-Format, das Hesse mit dem Team entwickelt hat, gibt es schon: Bei „Jedermanns Tischgesellschaft“ sitzen die Teilnehmer an einer Tafel auf der Bühne, servieren wir das Ensemble. „Ich habe die Verantwortung, aber das kenne ich ja sehr gut aus Wien. Ich leite dort einen Konzertsaal, der vollkommen ohne öffentliche Finanzierung auskommt, die Eigenfinanzierung liegt bei 75 Prozent, 25 Prozent sind Fundraising.“ Als Pionierin hatte sie vor 20 Jahren Unternehmen gezielt angesprochen, erinnert sie sich. „Jetzt habe ich noch viel mehr Erfahrung.“
Die Stadt soll vom Festival profitieren
Hersfeld leide wie viele kleinere Städte unter Leerstand. „Es ist so wichtig, dass die Stadt in der Festspielzeit lebt, pulsiert. Und dass das ansteckend ist – auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer von auswärts. Ich bin sehr positiv, und ich glaube, das kann ich: Menschen motivieren.“ Das Budget der Festspiele allerdings sei in den 20 Jahren eine „Berg- und Talfahrt“ gewesen. Bei Dieter Wedel sei „vieles möglich“ gewesen. „Diese Zeiten sind vorbei“, so Hesse. Sowohl die Bundesförderung sei reduziert worden, als auch die Stadt müsse sparen. Aber das sei auch in Österreich so, hat sie in ihrer Tätigkeit im Management und in Aufsichtsgremien erlebt.
Das Programm der Festspiele selbst ist dicht, Hesse hat gleich zwei Neuinterpretationen bekannter Stoffe für ihre erste Spielzeit ausgewählt: Michael Schachermaier inszeniert „Parzival oder Die Suche nach dem heiligen Gral“ in einer eigenen Fassung nach Wolfram von Eschenbach, als zweite große Premiere inszeniert Marlene Anna Schäfer die antike Komödie „Lysistrata“ in einer aktuellen Überschreibung von Amanda Lasker-Berlin. Eröffnet wird schon vor der großen Premiere am 22. Juni mit dem Kinderstück „Pippi Langstrumpf“. Die Stückauswahl sei jetzt gewagter, „nicht unbedingt Mainstream“, so Hesse. „Es war mir wichtig, wieder ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln.“ Deshalb werde „Parzival“ als eine Art Roadmovie erzählt, und in „Lysistrata“ „werden alle aufs Korn genommen, es gibt eine sehr schnelle Sprache, es ist eine gute Komödie.“
Außerdem wird es erstmals eine deutschsprachige Version des Musicals „Something Rotten“ in Deutschland geben, eingeladen hat sie „Barock am Main“, weil sie den Frankfurter Michael Quast schätzt und befand: „Das muss nach Hersfeld.“ So sei ein sehr buntes und vielfältiges Programm entstanden, mit Höhepunkten wie dem Gastspiel „Holzfällen“ von Thomas Bernhard mit Nicholas Ofczarek, eine Produktion des Wiener Burgtheaters. Und mit einer wesentlichen Neuerung: Keine Inszenierung ist länger als zwei Stunden. „Es soll immer um den Spannungsbogen der Stücke gehen. Daher wussten alle Regisseure, dass die Aufführungen nicht länger als zwei Stunden dauern sollen. Das ist gut machbar, lediglich beim Musical mussten wir etwas kürzen. Das heißt aber nicht, dass das immer so sein wird.“
Die Phalanx fernsehbekannter Schauspielerinnen und Schauspieler wird es so nicht mehr geben, trotz bekannter Namen im Ensemble. „Der größte Star sind die Stadt, die Festspiele, die Ruine und natürlich das Ensemble.“ Der rote Teppich und die Prominenz aus der deutschsprachigen Theaterszene seien zur Eröffnung wichtig, gefeiert wird die Gründung vor 75 Jahren. Aber „mein Credo ist das Miteinander. Wir können das nur miteinander schaffen. Deshalb habe ich ein Ensemble aufgebaut, das wie früher wieder in mehreren Inszenierungen spielt und das sich auch in Community-Projekten engagiert“, sagt Hesse. „Dadurch, dass ich nicht selbst inszeniere, sehe ich meine Aufgabe als Intendantin als die Vermittlerin, Ermöglicherin und als Außenministerin des Festivals.“ Nach innen wirkt sie selbstredend erst recht. Intendanz sieht sie als Aufgabe, „der Kunst den Rücken freizuhalten“, aber durchaus auch zu sagen, was leider nicht möglich ist – „weil wir es uns nicht leisten können oder weil es nicht ins Konzept passt“.
Ihre Tage sind, auch weil das Geschäft in Wien selbstredend weitergeht, dicht, gerade mal einmal in der Woche kommt Hesse zu ein wenig Ausgleich im Krafttraining. Dennoch strahlt sie enorme Energie aus. „Ich bin schon sehr emotional – aber ich ruhe auch in mir selbst“, sagt Hesse. Die vollen Tage sieht sie als notwendigen Teil der Aufgabe. „Aber ich kann das Leben genießen, die Natur. Die Gegend hier ist wunderschön, und ich habe eine sehr schöne Wohnung gefunden. Das alles schätze ich sehr.“
Bad Hersfelder Festspiele, 26. Juni bis 26. August.
