
Es gab in den vergangenen Jahrzehnten eine schier endlose Kaskade öffentlicher Diskussionen, in denen der Niedergang der intellektuellen Leistungsfähigkeit der Bevölkerung im Allgemeinen und der jungen Generation im Besonderen beklagt wurde. Als Ursache dieses vermeintlichen Niedergangs wurden immer neue Entwicklungen in der Medienwelt genannt. In der Reihenfolge ihres Erscheinens: das Fernsehen, die Gewalt in den Fernsehkrimis, Horrorvideos, Videospiele mit Gewaltinhalten, das Internet, die sozialen Medien und schließlich die Künstliche Intelligenz. Wahrscheinlich kann man die Liste auch in die Vergangenheit verlängern. Vermutlich gab es auch schon Diskussionen über den Niedergang der Kultur wegen des Radios und des Buchdrucks.
Doch eine Klage muss nicht falsch sein, nur weil sie alt ist. Die problematischen Folgen der Durchsetzung des Fernsehens gegenüber der gedruckten Information sind gut dokumentiert. Hirnforscher haben darauf hingewiesen, dass Lesen im Jugendalter Hirnstrukturen festigt, die später für die Fähigkeit von Bedeutung sind, rationale Entscheidungen zu treffen. So sind die Fragen, ob die geistige Leistungsfähigkeit der Bevölkerung zurückgeht und falls ja, welche Rolle die neuesten Entwicklungen der Medienwelt dabei spielen, nicht banal. Deswegen wurde ihnen die aktuelle repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der F.A.Z. gewidmet.
Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob überhaupt stimmt, dass – wie oft behauptet wird – Bildung und Wissen auf dem Rückzug sind. In der Bevölkerung ist eine relative Mehrheit davon überzeugt. Auf die Frage „Haben Sie den Eindruck, die Jugend von heute ist weniger gebildet beziehungsweise kann weniger als früher, oder kann die heutige Jugend mehr beziehungsweise ist besser gebildet als die Jugend früher, oder gibt es da keinen Unterschied?“ antworten in der aktuellen Umfrage 43 Prozent der Bevölkerung, die Jugend sei weniger gebildet als früher. Nur 15 Prozent halten sie für besser gebildet. Selbst die unter Dreißigjährigen zeigten kein eindeutiges Meinungsbild: Von ihnen glauben 19 Prozent, ihre Generation sei weniger gebildet als frühere; 24 Prozent vertreten die Gegenposition. Bei allen älteren Befragten überwiegt bei Weitem der Anteil derer, die die junge Generation für weniger gebildet halten als früher.
Das Bildungsniveau in Deutschland sinkt nicht
Doch stimmt das? Die Frage, ob das Bildungsniveau in der Bevölkerung zu- oder abgenommen hat, ist schwer zu beantworten, denn im Laufe der Zeit hat sich die Vorstellung von dem verändert, was man wissen sollte. Vor einem halben Jahrhundert waren Kenntnisse über die Funktion von Computern ebenso nebensächlich wie heute das Wissen um die Funktion von Dampfmaschinen. Mit der Demoskopie kann man nicht die Bevölkerung als Ganzes einer Art von PISA-Test unterziehen. Doch man kann immerhin prüfen, wie sich das Wissen in einzelnen Punkten entwickelt hat. Seit den Fünfzigerjahren stellt das Institut für Demoskopie Allensbach immer wieder einfache Wissensfragen, beispielsweise: „Wissen Sie das zufällig: Hat Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt oder nach dem Dreißigjährigen Krieg?“ Bei einer anderen Frage wird den Befragten eine einfache Rechenaufgabe vorgelegt: ½ plus 5/10. Bei beiden Fragen hat sich der Anteil derjenigen, die die richtige Antwort geben, seit fast 70 Jahren nicht verändert.
Das Gleiche gilt für eine Frage, bei der die Interviewer ein Bildblatt mit der Abbildung von vier verschiedenen Baumblättern vorlegen. Dazu wird die Frage gestellt: „Die meisten Menschen können heutzutage kaum noch die Blätter von verschiedenen Bäumen unterscheiden. Wenn Sie diese vier Blätter hier ansehen – welche davon kennen Sie?“ Bemerkenswert ist, dass schon 1953, als die Frage zum ersten Mal gestellt wurde, die kulturpessimistische Annahme in die Formulierung aufgenommen wurde, dass das Wissen um die Baumblätter zurückgehe. Doch tatsächlich spricht nichts dafür: Damals wurden die Blätter durchschnittlich von 62 Prozent der Befragten richtig zugeordnet, in der aktuellen Umfrage waren es mit 63 Prozent praktisch gleich viele.
Dies alles sind natürlich nur punktuelle Messungen, doch sie deuten darauf hin, dass die verbreitete Annahme nicht stimmt, wonach allgemeines Basiswissen in der Bevölkerung zurückgehe.
KI: Hilfreich und effizient, aber auch unheimlich
Man kann diesen Befund als Ohrfeige für das Bildungssystem betrachten, denn seit den Fünfzigerjahren hat sich die Zahl derjenigen, die über eine formal höhere Bildung verfügen, vervielfacht. Dennoch hat sich das Wissen bei den immer wieder gestellten Wissensfragen nicht verändert. Bei der Frage, ob Luther vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hat, verfügen Abiturienten heute über das gleiche Wissen wie vor 50 Jahren die Absolventen von Realschulen. Eine Zunahme der hohen Bildungsabschlüsse bedeutet nicht eine Zunahme von Allgemeinwissen in der Bevölkerung, doch von einem Rückgang der Kenntnisse kann auch keine Rede sein.
Wie beeinflusst nun die Künstliche Intelligenz das Denken der Menschen? Hier ist zunächst einmal festzuhalten, dass sich die neue Technik binnen kürzester Zeit weit durchgesetzt hat. 41 Prozent der Bevölkerung sagten in der aktuellen Umfrage, sie nutzten solche Programme mindestens mehrmals in der Woche, weitere 30 Prozent wenigstens gelegentlich. Nur 29 Prozent geben an, dass sie niemals Künstliche Intelligenz nutzen oder nicht wüssten, was das sei.
Die Bevölkerung urteilt also mehrheitlich aus eigener Erfahrung, nicht nur auf der Grundlage von Gehörtem oder der Medienberichterstattung, wenn sie sich über Künstliche Intelligenz äußert. Und sie äußert sich bemerkenswert differenziert. Dies zeigen die Ergebnisse eines Assoziationstests, bei dem die Interviewer verschiedene Begriffe vorlasen und die Befragten baten, anzugeben, ob sie beim Stichwort „Künstliche Intelligenz“ an sie dächten: 77 Prozent denken an Fortschritt, 70 Prozent assoziieren mit dem Stichwort „Künstliche Intelligenz“ den Begriff hilfreich, 55 Prozent das Stichwort Effektivität, ebenso viele Kontrollverlust. Dann folgen weitere negative Assoziationen wie undurchschaubar (53 Prozent) und unheimlich (44 Prozent). Es überwiegen also die positiven Assoziationen, doch eine Mehrheit der Befragten assoziiert auch negative Aspekte.
Fatalistischer Blick auf neue Techniken
Der Einfluss der KI auf das eigene Leben wird von der Mehrheit der Bevölkerung derzeit noch als eher klein eingeschätzt. Vier Prozent geben in der aktuellen Umfrage an, dass die Künstliche Intelligenz ihr Leben sehr stark beeinflusse, weitere 14 Prozent meinen, die KI beeinflusse ihr Leben stark. Eine deutliche Mehrheit von 79 Prozent sagt dagegen, die Künstliche Intelligenz beeinflusse ihren Alltag weniger stark oder gar nicht. Auf die Frage, wie es in zehn Jahren sein werde, antworteten 53 Prozent, sie rechneten damit, dass dann die Künstliche Intelligenz ihr Leben sehr stark oder stark beeinflussen werde.
Man bekommt den Eindruck, dass viele angesichts der Faszination, die von neuen Kommunikationstechniken ausgeht, und den Gefahren, die man in ihnen sieht, hin- und hergerissen sind. Das gilt nicht nur für die KI, sondern auch für soziale Netzwerke: So sagen 69 Prozent, sie befürworteten ein Verbot von sozialen Netzwerken für Jugendliche unter 16 Jahren, wie es kürzlich in Australien eingeführt worden ist. Gleichzeitig vertritt aber nur eine Minderheit von 33 Prozent die Ansicht, dass die Jugendlichen durch ein solches Verbot wirksam vor den Gefahren geschützt würden, die von sozialen Netzwerken ausgehen. Eine relative Mehrheit von 47 Prozent meint dagegen, solche Verbote würden nicht viel bringen.
Hier zeigt sich ein fatalistischer Zug in der Einstellung zu den neuen Kommunikationstechniken. Auch in der Haltung zur Künstlichen Intelligenz ist, trotz aller grundsätzlichen Aufgeschlossenheit, ein gewisser Pessimismus erkennbar: Auf die Frage „Glauben Sie, dass es alles in allem mehr Chancen oder mehr Risiken mit sich bringt, wenn Entscheidungen auf der Grundlage von KI getroffen werden?“ antworten 41 Prozent, dies brächte ihrer Ansicht nach mehr Risiken mit sich. Nur 30 Prozent sehen überwiegend die Chancen. Bei einer anderen Frage vertraten ebenfalls 41 Prozent die Ansicht, dass die KI dazu beitrage, dass die Menschen Wissen und bestimmte Fähigkeiten verlieren. Lediglich 16 Prozent meinen umgekehrt, die KI führe dazu, dass die Menschen neues Wissen und neue Fähigkeiten hinzulernten.
Muss man noch selbst lernen?
Dass die Künstliche Intelligenz den Menschen das Lernen und Denken erspart, glauben nur wenige. Nur 19 Prozent stimmen der These zu: „Durch KI bekommt man heute alle Informationen, die man benötigt. Da ist es nicht mehr so wichtig, selbst ein breites Allgemeinwissen zu haben.“ 71 Prozent widersprechen ausdrücklich. Allerdings gibt es hier einen deutlichen Unterschied zwischen den Altersgruppen: Unter Dreißigjährige vertreten immerhin zu 37 Prozent die Ansicht, es sei in Zeiten der KI nicht mehr wichtig, ein breites Allgemeinwissen zu haben.
Darauf, dass die Nutzung von KI tatsächlich das Wissen in der Bevölkerung ersetzt, gibt es bisher keinen Hinweis. Bei den eingangs beschriebenen Wissenstests schneiden KI-Nutzer nicht anders ab als diejenigen, die die neue Technik nicht verwenden.
Man muss sich vor Augen halten, dass die Debatten über die Sinnhaftigkeit des Lernens nicht neu sind. Bereits vor rund 25 Jahren gab es eine öffentliche Diskussion darüber, ob man angesichts jederzeit zugänglicher großer Datenbanken noch eigenes Wissen haben müsse, oder ob es reiche, zu wissen, wo man Informationen findet. Elisabeth Noelle-Neumann, die Gründerin und langjährige Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, sagte damals trocken: „Wie soll ich mit dem denken, was ich nicht im Kopf habe?“
