Bei Sotheby’s in London kann man sich gerade ein ziemlich gutes Bild davon machen, wie der englische Milliardär Joe Lewis seine Super-Yacht Aviva dekoriert hat: mit Kunstschätzen von Weltrang im vielfachen Millionenwert. Das fast 100 Meter lange Luxusschiff dient Lewis als bevorzugter Wohnsitz und ankert für gewöhnlich in den Gewässern der Bahamas. Was wirklich schon an Bord war, verrät das Auktionshaus selbstverständlich nicht. Doch dass die Yacht des neunundachtzigjährigen Finanzspekulanten einem schwimmenden Museum gleicht, ist seit Langem ein offenes Geheimnis.

Von welchem Rang und Wert aber die Sammlung ist, die der in den höchsten britischen Geldadel aufgestiegene frühere Gastrohändler aus bescheidenen Londoner Verhältnissen zusammengetragen hat, wird öffentlich erst sichtbar, seit sich Lewis zum Verkauf Dutzender Kunstwerke entschlossen hat. Schon im März dieses Jahres hat Sotheby’s eine erste Tranche der Lewis Collection unter den Hammer gebracht. Mit Gemälden von Francis Bacon, Leon Kossoff und Lucian Freud, die das Interesse des Sammlers für figurative britische Nachkriegsmalerei verrieten, erzielte sie das triumphale Ergebnis von 35,8 Millionen Pfund brutto – gut doppelt so viel wie vorab mindestens erwartet. Der Mann, dessen Familientrust mehrheitlich der Fußballklub Tottenham Hotspurs gehört, hat auch ein Händchen für Kunst.

So glanzvoll seine Kollektion ist, so schattig erscheinen manche Geschäftspraktiken des Milliardärs. 2024 bekannte er sich vor einem New Yorker Gericht des Insiderhandels schuldig, mit dem er Freunden und Liebschaften Millionengewinne ermöglichte. Der Prozess ging glimpflich für ihn aus, weil Präsident Donald Trump, dem man in der Sache eine gewisse Expertise zutrauen kann, Lewis 2025 begnadigte.
Noch staunenswerter aber ist, was am 24. Juni in der New Bond Street aus dem Besitz des Briten auf das Pult des Starauktionators und Sotheby’s-Chairman Oliver Barker kommt. Da wäre etwa ein Schlüsselwerk des 1920 im Alter von nur 35 Jahren gestorbenen italienischen Avantgardisten Amedeo Modigliani: „Nu assis au collier“ hing 1917 in der ersten und einzigen Einzelausstellung, die dem Künstler zu Lebzeiten ausgerichtet wurde, in der Pariser Galerie von Berthe Weill. Die Aktdarstellungen sorgten damals für einen solchen Aufruhr, dass die Schau gleich am Eröffnungstag von der Polizei geschlossen wurde.

Nicht nur frei von Textilien, sondern auch mythologischer oder christlich-religiöser Einkleidung präsentiert der Maler eine nackte Frauenfigur frontal dem Betrachter. Die flächige Gestaltung der Sitzenden verrät die Begegnung mit kubistischer und ethnologischer Kunst. Mit geschlossenen Augen führt sie eine Hand zu der Kette um ihren Hals, die andere zwischen die Schenkel – eine für Zeitgenossen schockierend schambefreite Umdeutung der Gestik der „Venus pudica“ aus der Bildtradition. Seit mehr als 30 Jahren war „Nu assis au collier“ nicht mehr auf dem Markt. Der Taxpreis jetzt: über 45 Millionen Pfund.
Noch ein Angriff auf die Sehgewohnheiten
Für einen Skandal sorgte auch Edgar Degas, als er 1881 das Wachsmodell seiner Plastik „La petite danseuse de quatorze ans“ in Paris vorstellte. Der Materialmix der Figur einer Ballettelevin mit echtem Tutu und Perücke sei vulgär, empörten sich Kritiker damals. Längst gehört sie zu den bekanntesten und beliebtesten Werken des Künstlers und zieht das Publikum etwa im Musée d’Orsay magisch an. Aus der Lewis Collection kommt eine 1922, fünf Jahre nach Degas’ Tod gegossene Bronzeversion und soll 18 bis 25 Millionen Pfund erlösen.

Mit 25 bis 35 Millionen ist Lucian Freuds Angriff auf die Konventionen der Aktmalerei veranschlagt, die er vor 30 Jahren malte: Sein Großformat „Sleeping by the Lion Carpet“ zeigt den Körper einer nackt Schlafenden als Gebirge von Fleisch. Lewis kaufte das Bild unmittelbar nach Entstehung bei den Acquavella Galleries in New York. Werke von Bacon, Caillebotte, Klimt und Picasso gehören zu den weiteren Spitzenwerken der 25 wertvollsten Lewis-Lose. Insgesamt kommen 48 zur Auktion und sollen 200 Millionen Pfund einspielen. Damit dürfte die Sammlung zur teuersten privaten je in Europa versteigerten werden.
Für Sotheby’s geht es noch am gleichen Tag nicht weniger hochpreisig weiter: In der „Modern and Contemporary Evening Auction“ suchen zwei Gemälde von Claude Monet – „Seerosen“ und seine Frau Camille am Strand – für insgesamt 37 bis 50 Millionen Pfund neue Besitzer.
