Billy Dickson hängt jeden Samstagmittag die Flagge vor den Toren des Rathauses in Belfast auf. Auch diesen Samstag steht Billy um 13 Uhr vor dem britischen „Union Jack“. Eine Schiebermütze versteckt die buschigen Augenbrauen des 79 Jahre alten Mannes. Ein Button an der Waffeljacke neben Krawatte und Hemdkragen verrät den Grund, warum Billy das macht: „Loyal Union Flag Protesters“, steht dort.
Er ist Unionist, verteidigt also den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich. Deswegen will er, dass die Flagge des Vereinigten Königreichs jeden Tag auf dem Rathaus gehisst wird – Billy ist ein sogenannter „Flegger“.
Das klingt erst mal harmlos, aber in Belfast eskalierte vergangene Woche ein ausländerfeindlicher Protest, der ebenfalls mit wehenden britischen Fahnen begann. Schwarz gekleidete Mobs zogen bei Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen, warfen Brandsätze auf Polizisten, zündeten Autos und Häuser an. Der Auslöser: Ein sudanesischer Flüchtling soll einen Mann mit einem Messer angegriffen haben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Noch bevor die Tat aufgeklärt werden konnte, machten Rechtsextreme mit Adresslisten Jagd auf Ausländer – so wie auch schon bei den Ausschreitungen in Ballymena im vergangenen Jahr. Auch damals spielten Fahnen eine wichtige Rolle. Die Einwohner hatten solche Angst vor den gewalttätigen Mobs, dass sie zu ihrem Schutz britische Flaggen in die Fenster hängten – das sollte den Rechtsextremen signalisieren, dass hier keine Ausländer wohnten.
Billy ist ein freundlicher älterer Herr, steht ruhig vor den Eisentoren des Rathauses und beantwortet Fragen. Steinewerfen ist nicht seine Art, doch die Gewalt, die sich hier entlud, schockiert ihn nicht im Geringsten. Er hat schließlich einiges mit den Randalierern gemein: Auch Billy ärgert sich über Migration. Auch wenn Nordirland einen deutlich geringeren Anteil an Migranten aufnimmt als der Rest des Königreichs, fühlt er sich von der Veränderung bedroht. Er sagt, Migranten hätten oft eine andere „Lebensweise“, würden also nicht reinpassen. Als einziges Gegenbeispiel fällt ihm eine deutsche Familie in seiner Gemeinde ein, die durchaus gut integriert sei.
Was Billy vor allem wütend macht, ist eine neue Regel, deren Sprengkraft sich Beobachtern außerhalb Nordirlands nicht sofort erschließt: Früher musste an jedem Tag der „Union Jack“ über allen Rathäusern des Vereinigten Königreichs wehen. Um den Stadtregierungen mehr Flexibilität zu geben, wurde dann aber die Richtlinie beschlossen, dass dies nur noch an wichtigen Feiertagen geschehen muss.

In Wales, Schottland und England wurde die neue Richtlinie geräuschlos umgesetzt. Aber Nordirland war und ist nicht wie der Rest Großbritanniens. In Reaktion auf die Entscheidung flogen Molotowcocktails und Steine, Demonstranten versuchten mehrfach, das Rathaus zu stürmen, Politiker, die für die flexiblere Handhabung gestimmt hatten, erhielten Morddrohungen. Es war die Geburtsstunde des Flaggen-Protests vor 14 Jahren.
Mit dem „Union Jack“ und der speziellen Fahne der nordirischen Protestanten, dem „Ulster Banner“, zeigt Billy nun Tag für Tag Flagge, um sich dagegen zu wehren. Für ihn zeigt die Entscheidung gegen das tägliche Fahnenhissen über dem Rathaus die schwindende Bedeutung seiner Leute: der Protestanten und Unionisten im politischen Nordirland.
Der Flaggen-Protest wurde nie ganz aufgelöst, aber 14 Jahre später ist am Ort des Geschehens vor allem Billy Dickson übrig. Eine Handvoll „Flegger“ schart sich um ihn. Sie sind jünger, tragen Jogginganzug und Glatze. Als sie am Haupttor den „Union Jack“ anbringen wollen, schicken Polizisten sie weg. Billy schreckt das nicht ab. Er sagt, er höre mit dem Flaggen-Protest nicht auf, bis der „Union Jack“ wieder jeden Tag über den Dächern Belfasts weht.
Die Flaggen zeigen, wer hier das Sagen hat
Der „Union Jack“ – also das englische St.-Georgs-Kreuz auf dem schottischen Andreaskreuz auf dem irischen St.-Patricks-Kreuz – steht in Nordirland nicht nur für das Vereinigte Königreich, sondern auch dafür, wer im Bürgerkrieg gewonnen hat: diejenigen, die diese Vereinigung militant verteidigt haben. Das waren in den Jahren der sogenannten „Troubles“ Protestanten und Unionisten, auch Loyalisten genannt. Katholiken und Nationalisten beziehungsweise Republikaner wollten hingegen die irische Trikolore über dem Rathaus wehen sehen.
Im Alltag wehen die verschiedenen Flaggen auf Belfasts Straßen heute in Ruhe vor sich hin. Einkaufsläden hängen im Schaufenster ungestört Babystrampler mit der Aufschrift „kleine protestantische Prinzessin“ aus. Der Konflikt ist nicht auf den ersten Blick sichtbar.
Doch bis heute sind protestantische und katholische Stadtteile in Belfast voneinander getrennt – teilweise durch eine meterhohe „Friedensmauer“. Die Identität sitzt in einigen Vierteln immer noch tief. Vor Häuserreihen aus Ziegelsteinen und auf Stahlbögen über mehrspurigen Straßen wehen Flaggen, die klarmachen, auf welcher Seite die Bewohner standen. Sie zeigen, wer dort das Sagen hat. Vor einigen Gebäuden wehen auch die Fahnen von paramilitärischen Gruppen aus dem Bürgerkrieg.

Wie weit die Abneigung gegenüber der jeweiligen anderen Seite gehen kann, hat die Einzelhandelskette Marks & Spencer Anfang des Jahres gespürt. Nordirische Kunden mussten ihre Einkäufe in Tüten packen, auf denen die britische Fahne gedruckt war. Einige weigerten sich. „Ich fühlte mich persönlich beleidigt. Als ich nach Hause kam, konnte meine Familie es kaum glauben“, sagte eine republikanische Einkäuferin danach zu Journalisten. „Es war gut, dass ich direkt vor meine Haustür fahren konnte, denn ich wollte nicht, dass man mich damit auf der Straße sieht – das wäre, gelinde gesagt, nicht gut angekommen.“ Marks & Spencer entschuldigte sich und sorgte so schnell wie möglich für Tütenersatz. Die Lieferung sei ein Fehler gewesen.
Mittlerweile zeigen sie auf den Tragetaschen wieder die nordirische Landschaft. Damit können alle einkaufen. Nordirland ist für die Einkaufskette damit ein Sonderfall im Vereinigten Königreich. Anders als in England, Wales oder Schottland kann das Unternehmen dort nicht die regionale Flagge abdrucken – denn als einziger britischer Landesteil hat Nordirland keine offizielle Fahne.
Sportler unter der Ulster-Flagge
Leute wie Billy, also die Unionisten, sehen die Ulster-Fahne als nordirische Flagge. Ulster ist schließlich die Region, aus der 1921 offiziell Nordirland entstand – der sechszackige Stern auf dem „Ulster Banner“ steht für die sechs vor allem protestantisch geprägten Provinzen, die rechte Hand schwört die Treue zur darüberstehenden Krone, dem Königreich. Die Katholiken fühlen sich von der Ulster-Fahne allerdings nicht repräsentiert.
Das ist immer wieder ein Problem. Zum Beispiel für nordirische Sportler. Unter welcher Flagge sollen sie antreten, um alle Nordiren zu vertreten? Diese Frage stellte sich dieses Jahr wieder einmal besonders drängend bei den Commonwealth Games – und drohte eine alte Wunde neu aufzureißen.
Die Organisatoren der Spiele monierten, die Ulster-Fahne schließe Katholiken aus. Sie wollten die Sportler stattdessen unter einer neutralen Fahne der Organisation antreten lassen. Anders als beim Flaggen-Protest von 2012 wurde die Entscheidung aber wieder kassiert. Zu groß war die Sorge vor dem, was es auf den Straßen Belfasts auslösen kann. Nordirland hatte zu dem Zeitpunkt bereits zwei gewalttätige Protestsommer hinter sich.
Für die Protestanten und Unionisten war das Festhalten an der Ulster-Fahne bei den Commonwealth Games ein wichtiger Sieg. In einer Zeit, in der sie sich konstant auf der Verliererseite der Friedensdividende fühlen. Anders also noch vor 30 Jahren stellen sie nicht mehr die Mehrheit der nordirischen Bevölkerung. Seit ein paar Jahren gibt es in den sechs Ulster-Provinzen erstmals mehr Katholiken als Protestanten.
Das schlägt sich auch im Stadtrat und im Parlament in Belfast nieder: Bei der Parlamentswahl 2022 ging die nationalistische Sinn Féin erstmals als Sieger vor der „Democratic Unionist Party“ der Loyalisten hervor.
Es ist also eine schwierige Gemengelage. Die neuerdings noch durch einen ganz anderen Konflikt, weit weg von Nordirland, verkompliziert wird: dem Nahostkonflikt. Auch die israelische Flagge ist nämlich immer wieder an Straßenlaternen unterhalb des „Union Jacks“ zu sehen. Nordirische Protestanten und Unionisten solidarisieren sich mit dem Tausende Kilometer entfernten Land.

Damit drücken sie vor allem ihren Protest gegen die irische Regierung aus, die sich innerhalb der internationalen Gemeinschaft besonders prominent mit dem palästinensischen Volk solidarisiert. Erst 2024 hatte Dublin offiziell den Staat Palästina anerkannt. Die Unionisten sehen sich mit Israel auch im Kampf gegen den Terrorismus vereint – während sie gegen die IRA während des Bürgerkriegs gekämpft hätten, müsse sich Israel nun gegen Hamas-Terroristen durchsetzen, so die Lesart.
Manchmal kann man den Eindruck kriegen, der Nahostkonflikt sei inzwischen wichtiger als der alte Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Gegenüber von Billy Dickson und seinen Flaggen findet am Belfaster Rathaus gerade eine Demonstration gegen Rassismus statt. Tausende sind gekommen, deutlich mehr Teilnehmer als bei den rechtsextremen Protestzügen. Direkt vor Billy ist eine große Bühne aufgebaut. Dort hängt weder die britische noch die irische Flagge – über den Köpfen der Protestanten weht stattdessen die palästinensische Fahne.
