In seiner nachgelassenen Autobiographie hat Rudolf Morsey, Albrecht Schönes etwas jüngerer Kommilitone an der Universität Münster während der frühen Fünfzigerjahre, das Urteil geäußert, dessen „Erinnerungen“ zählten „zu den glanzvollsten Memoiren deutscher Wissenschaftler“. Zum Glanz dieses stellenweise auf den ersten Blick eher spröden, von manchen Lesern sogar als abweisend empfundenen Textes trägt ein Spiegeleffekt bei, den indirekte Bezugnahmen auf andere gedruckte (manchmal auch ungedruckte) Texte erzeugen. Eine solche wechselseitige Spiegelung findet sich in vielen anspruchsvollen Texten – und vielleicht in besonderem Maße in Selbstbiographien und Memoiren. Man reagiert hier zwar, das ist wohl unvermeidlich, auf Gesagtes und Geschriebenes, tut dies jedoch sehr oft in diskreter und subtiler Weise, etwa in Anspielungen oder dadurch, dass man sich auf Andeutungen beschränkt, dass man verschweigt, worauf man sich in bestimmten Textpassagen bezieht, und dass man auf Fußnoten, Literaturangaben und oftmals auch auf ein Personenregister ausdrücklich verzichtet.
In Schönes Erinnerungen an seine Studienjahre an der Universität Münster fällt auf, dass sein akademischer Lehrer und Doktorvater, der Germanist Benno von Wiese, später einer der einflussreichsten Vertreter seiner Zunft, nicht besonders gut wegkommt; die Schilderung dieses sicher bedeutenden, in mancher Hinsicht jedoch etwas skurrilen, jedenfalls – auch mit Bezug auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 – nicht unumstrittenen Gelehrten durch seinen bekanntesten Schüler fällt in jedem Fall aus dem Rahmen. So beschreibt Schöne ausführlich Wieses Leidenschaft für die Astrologie: Der Professor „erstellte auch von manchen seiner Schüler ein Geburtshoroskop, das deren Persönlichkeitsmerkmale und künftige Schicksale nach der Konstellation der Gestirne bestimmte“. Und weiter: „So sternengläubig war er, und so gut glaubte er mich zu kennen, dass er behauptete, hinsichtlich der genauen Stunde hätten sich meine Eltern gründlich geirrt.“
Viel zu konstruktiv bei Mörike
Liest man nun in Benno von Wieses Memoiren („Ich erzähle mein Leben“, 1982) dessen Erinnerungen an seinen bedeutendsten Schüler nach, dann findet sich hier ebenfalls keineswegs nur Freundliches: Schöne sei zwar, schreibt er, „der erfolgreichste meiner Schüler“ geworden, doch habe er „mit einem Desaster“ begonnen: „Seine ungewöhnliche Begabung stand zwar von Anfang an fest. Aber unter eine für mein Mörike-Seminar vorgelegte Gedichtanalyse schrieb ich ein vernichtendes Urteil, über das er sich heute amüsiert.“ Wiese wollte diese frühe Maßregelung einer „viel zu konstruktiv und textfremd“ angelegten Interpretation später lediglich als „pädagogische Warnung“ vor frühzeitigem Übermut verstanden wissen, aber sein Schüler dürfte sie ebenfalls nicht vergessen haben, obwohl er sie in seinen eigenen Erinnerungen mit keinem Wort erwähnt. Schöne war zudem, heißt es bei Benno von Wiese weiter, „nicht nur ein eleganter und schöner Mann; er hielt auch Distanz zu sich selbst und zu den anderen, und ich vermute, daß es keinen Satz, keine Geste bei ihm gab, der er nicht mit ironischer Überlegenheit zuschauen konnte. Naiv war er in keiner Weise, eher von einer vornehmen Kühle, die auf manche seiner Zuhörer eine suggestive Wirkung ausübte.“
In dieser Schilderung verband der Autor auf recht geschickte Weise physiognomische mit psychologisch-charakterologischen Aspekten zu einem Gesamtbild, das schlüssig schien und vermutlich manche derjenigen überzeugen konnte, die Schönes Auftreten als Hochschullehrer und Wissenschaftler eher aus der Ferne wahrnahmen. Der hier auf so pointierte Weise Charakterisierte antwortete – wenn auch erst Jahrzehnte später – recht deutlich, indem er Wiese, der 1957 von Münster nach Bonn wechselte, gleich zu Anfang als den „schwerleibig raumfüllenden Großordinarius für neuere deutsche Literaturwissenschaft“ bezeichnet, damit den Ball der physiognomischen Beschreibung also zurückspielt. In einer Fußnote zitiert Schöne sodann aus Wieses „bezeichnenden“ Selbstauskünften im „Proust-Fragebogen der FAZ“ von 1982: „Welche Fehler entschuldigen Sie am meisten? – Meine eigenen“; „Wer oder was hätten Sie sein mögen? – Immer nur ich selbst“. Das war die denkbar eleganteste Retourkutsche: Herr von Wiese wurde mit seinen eigenen Waffen – sprich: Worten – geschlagen.

Geradezu vernichtet wird Wiese schließlich in der Konfrontation mit Wolfgang Kayser, bei dem sich Schöne später in Göttingen habilitierte: Während in Münster, schreibt Schöne, „der Großordinarius, mein Doktorvater, seinen Hörsaal stets mit einem Gefolge von Assistenten und Hilfskräften betreten“ habe, „wie ein Klinikchef bei der großen Visite“, seien Kayser derartige Professorenallüren fern gewesen. Im Gegenteil: „Höchst eloquent und überdies sehr gutaussehend, übte er in seinen Vorlesungen keineswegs nur auf die Studentinnen eine gewaltige Anziehungskraft aus“; unvergessen sei der im Jahr 1960 früh verstorbene Kayser nicht zuletzt auch als „ein angenehmer Chef, zugänglich, aufgeschlossen, ungemein liebenswürdig im persönlichen und bald auch freundschaftlich-familiären Umgang“.
Mit entschiedener Schärfe
Die politischen und innerfachlichen Gegensätze zwischen Lehrer und Schüler hat Benno von Wiese wiederum in eher zurückhaltender Weise auf den Begriff zu bringen versucht: Zur Charakterisierung von Albrecht Schönes Persönlichkeit habe, so seine Erinnerung, „auch die entschiedene Schärfe“ gehört, „mit der er sich sowohl mit den politischen Fragen der Vergangenheit wie mit denen der Gegenwart auseinandergesetzt hat. Er stellte sich dem Zeitgeist, nicht um sich ihm zu integrieren, sondern um mit ihm abzurechnen. Jede Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit hielt er für unsittlich und falsch, aber ebensowenig ließ er sich mit dem radikalen Denken einer späteren Studentengeneration ein und verwickelte sich dadurch als Ordinarius in Göttingen in mancherlei Kämpfe, die er mutig bestand.“ Wiese selbst war – das gibt er in seinen Erinnerungen allerdings auch zu – nach 1933 weniger mutig gewesen, sondern hatte als sehr junger Professor in Erlangen dem Regime manchen Lippendienst geleistet, war auch bereits 1933 Mitglied der NSDAP geworden, später jedoch nur noch wenig hervorgetreten.
Schöne wiederum gehörte in der Mitte der Sechzigerjahre zu den damals aufstrebenden, soeben etablierten Nachwuchskräften in der westdeutschen Germanistik, die nun entschlossen waren, mit der in der Tat wenig rühmlichen Vergangenheit des Fachs vor 1945 endgültig zu brechen, damit aber auch mit den braunen Verirrungen der eigenen akademischen Lehrer abzurechnen. Er schildert, wie der hierüber empörte Benno von Wiese, der 1965/66 Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes war, durch diese Aktivitäten „das Ansehen des Faches geschädigt“ gesehen und versucht habe, durch geschickte Einbindung der jungen Rebellen den Frieden in der akademischen Zunft wiederherzustellen. Die Auseinandersetzung im Verband verlief, so Schöne aus der Rückschau, „persönlich so schonend, wie eine uneingeschränkte Aufrichtigkeit es zuließ, aber so rücksichtslos doch, wie sie es verlangte“. Eine scharfe Abrechnung mit Wieses Publikationen aus den Jahren nach 1933, die etwas später ein anderer bekannter Wiese-Schüler, der spätere Kölner Ordinarius Karl Otto Conrady, vornehmen sollte, hat Schöne in seinen Erinnerungen indessen vermieden.
Aber es gibt noch eine weitere autobiographische Spiegelung: seine von Benno von Wiese ausdrücklich gelobte „mutige“ Auseinandersetzung mit den Achtundsechzigern. Wer Schöne in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren als akademischen Lehrer in Göttingen erlebte, merkte sehr rasch, dass dieser Stachel tief saß und auch später noch schmerzte. Trotzdem hat sich Schöne erst ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen hierzu in einem Vortrag noch einmal ausführlich geäußert und damit seine „Erinnerungen an die dunklen Seiten der 68er-Revolte“ öffentlich gemacht (er wurde in dieser Zeitung am 15. November 2017 abgedruckt). Er hat diesen Text dann drei Jahre später fast unverändert als eigenes Kapitel („Studentenrevolte“) in seine Erinnerungen aufgenommen.
Die finstere Rückseite von 1968
Schöne knüpft darin sogar unausgesprochen an Wieses Formulierung an, wenn er bemerkt, er habe damals, „wie manche Hochschullehrer der jüngeren Generation eigentlich zwischen den Stühlen“ gesessen und sei „von der einen Seite dieser Front angefeindet, auf der anderen jedenfalls missbilligend beargwöhnt“ worden. Das bezog sich auf die Auseinandersetzungen mit der Generation seiner akademischen Lehrer, zu denen jetzt auch noch, nur wenige Jahre später, heftige Konflikte mit einer neuen, sich seit 1967 zunehmend radikalisierenden studentischen Generation hinzukamen. Rückblickend widerspricht Schöne entschieden der von den „alten 68-er-Aktivisten und ihren Anhängern“ höchst erfolgreich etablierten Legende, die Studentenrevolte sei nur mehr „eine rühmliche Befreiungsbewegung“ gewesen, „bei der man einige Übertreibungen und Kollateralschäden“ doch habe in Kauf nehmen müssen. Er besteht auch noch fünfzig Jahre später darauf, deren unleugbar „finstere Rückseite“ einmal näher zu beleuchten.

Hierbei fasst er ein konkretes Ereignis ins Auge, die Tagung des Deutschen Germanistenverbandes im Oktober 1968 in Westberlin, die sich ein interessantes Thema gestellt hatte: einen Vergleich der beiden Kulturen der Geistes- und der Naturwissenschaften anhand ausgewählter Beispiele. Schöne hatte einen Vortrag über „Goethes Wolkenlehre“ angekündigt. „Als ich den mit etwa tausend Zuhörern gefüllten Hörsaal betrat“, so schildert er die Szene, „hatten wohl fünfzig Studenten das Podium besetzt“, die dort ein Transparent mit dem ziemlich infantilen Spruch „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot“ in die Luft reckten. Es entstand ein fast einstündiger Tumult, und Schöne wurde auch dann nicht ans Rednerpult gelassen, als sich die große Mehrheit der Anwesenden für den Vortrag ausgesprochen hatte. Im Gegenteil: Der Göttinger Germanist wurde beschimpft, niedergeschrien, sein Vortragsmanuskript wurde ihm entrissen. Vergessen hat er diese Vorgänge niemals, auch die anschließenden massiven Störungen seiner Göttinger Vorlesungen nicht, die er schließlich für acht Jahre einstellen musste.
Hierzu gibt es nun eine weitere Spiegelung – wieder in einer Selbstbiographie und wieder von einem, der damals dabei gewesen war. Der aus der radikalen Achtundsechzigerbewegung kommende Germanist Helmut Lethen bekennt in seinen Erinnerungen („Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“, 2020): „Am 8. Oktober 1968 gehörte ich zu der ‚Meute‘, die verhinderte, dass Albrecht Schöne auf dem Berliner Germanistentag den Vortrag ‚Über Goethes Wolkenlehre‘ halten konnte.“ Er schildert die Auseinandersetzungen aus der entgegengesetzten Perspektive und berichtet unter Rückgriff auf den damaligen F.A.Z.-Bericht von Ralf Michaelis („Germanisten im Nahkampf“, F.A.Z. vom 10. Oktober 1968) von „Schreien aus dem noblen Auditorium: ‚Raus!‘, ‚Mob, Kommunisten, Prügelstrafe‘“ und der Forderung nach „Schutz vor pubertären Flegeln“. In rhetorisch nicht ungeschickter Täter-Opfer-Umkehr kommentiert Lethen anschließend knapp: „Demokratische Umgangsformen müssen noch erlernt werden“! Ob hiermit auch das Entreißen des Vortragsmanuskripts gemeint ist, sagt er nicht. Der „gelehrten Schar“ der „Damen und Herren der Zunft“, die den Vortrag damals hören wollten, aber nicht konnten, wird von ihm hingegen pauschal „Lebensblindheit“ unterstellt.
Totenmasken der Erinnerung
Immerhin gibt der Altachtundsechziger eines zu: „Wahrscheinlich hätten wir Schönes Vortrag über ‚Goethes Wolkenlehre‘ nur teilweise verstanden. Geduld zählte nicht zu unseren Tugenden. Heute erscheinen mir Schönes Ausführungen, die wir damals sabotierten und die später gedruckt wurden, in manchen Zügen bahnbrechend für die Kulturwissenschaften, die sich zwei Jahrzehnte später an den Rändern der Universitäten ansiedelten.“ Jenseits dieser späten Anmerkungen geht Lethen schließlich auch auf Schönes Rede von 2017 über die Achtundsechziger ein, die er ihrem Tenor nach als „furchterregend“ bezeichnet, als einen Text „voller Totenmasken der Erinnerung“, für die der Redner dann auch noch einen „überwältigenden Beifall“ erhalten habe. Er missversteht Schöne bewusst, wenn er ihm unterstellt, die von ihm, Lethen, in seinem Buch ebenfalls ausführlich beschriebenen Wandlungen der Achtundsechzigerbewegung nicht zur Kenntnis genommen zu haben, etwa dass „die wild und kriminell flottierenden Energien der sich auflösenden Studentenbewegung größtenteils in den Apparaten der ML-Parteien aufgefangen und eingefroren“ worden seien – als ob das Schönes Thema gewesen wäre.

Damals jedoch, im Jahr 1968, ging es – so stellt Lethen in der Rückschau fest – „nicht um die Erkenntnis, die wir dem scharfsinnigen Vortrag des Göttinger Philologen hätten entnehmen können. Es ging um den toten Winkel der Gelehrsamkeit, aus dem uns die Stummheit der Wehrmachtsoffiziere entgegenschlug – was wir mehr spürten, als dass es uns bewusst war.“ Insgesamt sei es ein Glück gewesen, „dass der Tumult, mit dem die Tagung ‚umfunktioniert‘ wurde, mitsamt dem Austausch von Verbalinjurien, relativ zahm verlief. Immerhin“ – so Lethens merkwürdig abschweifender, Fragen aufwerfender, jedenfalls in der Sache kaum überzeugender Schluss – „versteht man den Germanistentag von 1968 heute, ‚objektiv‘ betrachtet, als Stromschnelle zur Reformuniversität. In mancher Hinsicht waren wir Barbaren Wegbereiter von Bologna.“
Das von Lethen verwendete Stichwort der „Wehrmachtsoffiziere“ zeigt jedoch sehr genau, worum es hier – und auch bei ähnlichen selbstbiographischen Spiegelungen – ebenfalls, vielleicht sogar vorrangig ging: nicht etwa um die Sache, nicht um gelehrte Debatten und Differenzen, auch keineswegs um eine moralische Kontroverse (trotz eines immer wieder erkennbaren, zumeist als Waffe eingesetzten moralischen Überlegenheitsgestus), sondern zuerst und vor allem um einen Generationenkonflikt, um einen typisch deutschen zumal, da es sich ausgesprochen oder unausgesprochen stets um die scharfen Bruchlinien zwischen den politischen Generationen handelte: 1933, 1945 und später eben 1968.
Schöne hatte sich im Mai 1943 als Siebzehnjähriger freiwillig zur Wehrmacht gemeldet und wurde einem Panzerregiment zugeteilt, das die Traditionen eines früheren Kavallerieregiments pflegte. Im März 1945 wurde er nach einem Lehrgang an der Waffenschule zum Leutnant der Reserve befördert. In den „Erinnerungen“ berichtet er in einem Kapitel mit der Überschrift „Come on!“ davon, wie er Anfang Mai an der Elbe südlich von Wittenberge in Kriegsgefangenschaft geriet. Mit einem Kameraden schwamm er durch den Fluss. Vom östlichen Ufer schossen Rotarmisten. Als er schon aufgeben wollte, bemerkte er am westlichen Ufer einen Jeep und hörte, dass dessen Insassen ihm „Come on!“ zuriefen. „Wie einen Sportshelden haben sie den behandelt, der eben noch, auf Tod und Leben, ihr Gegner war.“
Die Jüngeren kritisieren und verdrängen die Älteren – ein sich ewig wiederholender Vorgang, der Politik, Wirtschaft und eben auch Wissenschaft immer wieder in Bewegung hält und verändert, manchmal voranbringt, manchmal auch nicht. Schon im neunzehnten Jahrhundert, in dem die „Achtundvierziger“ von der „Reichsgründer“-Generation verdrängt wurden, diese wiederum – Max Webers Freiburger Antrittsrede von 1895 belegt es – von den „Wilhelminern“, und so weiter. Die Jahreszahlen 1918 und 1933 markieren die nächsten dieser Wendepunkte. Auch gegenwärtig scheint sich erneut eine jener historisch-politischen Zäsuren zu nähern, denn die einflussreiche „Boomer“-Generation bereitet ihren Abschied vor. Die Abrechnung mit ihr – noch liegt sie nicht vor – wird vermutlich nicht weniger hart ausfallen als jene anderen, von denen hier anhand einiger weniger, aber aufschlussreicher Beispiele die Rede war.
