
Wenn die deutsche Wirtschaft eine Patientin wäre, wie würden Sie ihren Zustand beschreiben?
Wir haben eine schwere Erkrankung, wir kennen die Ursache, wir kennen auch die Medizin. Wir scheuen uns nur, sie einzusetzen.
Die Regierung hat sich kürzlich mit Wirtschaftsvertretern und Gewerkschaftern getroffen. War man sich wenigstens in der Diagnose einig?
Das war ein sehr gutes Gespräch, und das sage ich nicht als Lippenbekenntnis. Es war eine große Wahrhaftigkeit im Raum, eine Wertschätzung. Und man war sich einig – um bei Ihrem Bild zu bleiben: Der Gesundheitszustand des Patienten ist kritisch, aber über die Gründe für die Diagnose ließ sich keine Einigkeit erzielen.
Die Regierung ist gut ein Jahr im Amt. Warum redet man noch immer, statt mit der Therapie zu beginnen?
Man will therapieren. Die Themen sind richtig gesetzt. Die eigentliche Frage ist: Warum kommen wir nicht zusammen?
Das liegt an den unterschiedlichen Grundüberzeugungen: Haben wir ein Angebotsproblem oder ein Nachfrageproblem? Eine der Bruchlinien läuft mittendurch die Gewerkschaften und die SPD. Es gibt eine bedeutende Gruppe, die glaubt, dass alles hilft, was die Kaufkraft stärkt. Diese Gruppe sagt: auf keinen Fall Sozialleistungen kürzen, auf keinen Fall bei den Renten sparen, auf keinen Fall den Kündigungsschutz flexibilisieren. Zudem will diese Gruppe höhere Einkommen stärker besteuern und mit den Mehreinnahmen mittlere und niedrige Einkommen entlasten. Da bin ich sehr skeptisch. Bei unteren und mittleren Einkommen spricht zwar manches dafür, sie zu entlasten. Aber die Gegenrechnung funktioniert nicht – nicht weil ich glaube, dass Reiche nicht mehr tragen könnten; das könnten sie. Sondern weil die Einkommensteuer die maßgebliche Unternehmenssteuer in Deutschland ist. Sie gilt für rund 80 Prozent der Firmen. Das sind Personengesellschaften. Was dort an Steuern weggeht, fehlt für Investitionen, die wir dringend brauchen. Schon heute zahlen die oberen zehn Prozent rund 60 Prozent der Einkommensteuer.
Wenn Sie vor der Sommerpause noch eine Medizin verabreichen dürften – welche wäre das?
Wir haben fünf Kostenarten, und alle sind zu hoch: Löhne, Lohnnebenkosten, Energie, Steuern, Bürokratie. Alles gleichzeitig auf weltweitem Spitzenniveau. Deshalb genügt es nicht, an einer Schraube zu drehen – wir müssen an allen drehen. Es braucht ein Gesamtpaket an Reformen. Die Skeptiker sagen, selbst wenn das stimmte, dauere es zu lang. Darauf antworte ich: Ludwig Erhard und viele kluge Menschen haben gesagt, Wirtschaft ist Psychologie. Wir brauchen ein Signal.
Ich würde erstens eine kurze Liste mit Maßnahmen erstellen, die unmittelbar spürbar sind. Zum Beispiel die Bonpflicht abschaffen und das Sonntagsbackverbot aufheben – volkswirtschaftlich irrelevant, aber ein Signal an Handwerk und Handel: Wir hören euch. Dem Mittelstand würde ich sagen: Wir wissen, die Berichtspflichten sind für euch die Hölle. Ich nehme die zwei, drei belastendsten weg – eine davon ist das Lieferkettengesetz. Und so weiter. Zweitens muss man parallel ein Projekt für die tiefergehenden Reformen aufsetzen. Ich würde als Berater fünf erfahrene, vernetzte, aber unabhängige Leute mit klaren Vorgaben in einen Raum setzen und sagen: Ihr habt fünf Wochen Zeit und eine Standleitung zum Kanzler und Vizekanzler.
Union und SPD sind stolz darauf, dass sie als Erstes ein Steuerpaket beschlossen haben. Was hat der sogenannte Investitionsbooster mit besseren Abschreibungsbedingungen gebracht?
Wir haben unverändert eine massive Investitionszurückhaltung. Die Senkung der Körperschaftsteuer ist zudem erst 2028 wirksam. Diese Beschlüsse allein reichen also nicht, um Wirkung zu entfalten.
Wäre es ein Befreiungsschlag, wenn man die schrittweise Senkung der Körperschaftsteuer jetzt auf einen Schlag durchziehen würde?
Nur in Kombination mit weiteren strukturellen Reformen, die Investitionen erleichtern.
Bei der Rente hat die Regierung zunächst draufgepackt. Die Sozialbeiträge steigen Richtung 45 Prozent, mittelfristig sogar 50 Prozent. Womit kann die Industrie noch leben?
Die kann schon mit den heutigen Kosten nicht leben. Die Überschreitung der 40 Prozent ist auch eine psychologische Grenze. Und die Belastung schlägt doppelt zu, denn sie trifft auch die Arbeitnehmer, die weniger Netto haben. Wir sollten ein hartes Ziel von maximal 40 Prozent setzen und darauf zuarbeiten, statt nur zu versuchen, die Erhöhung zu verlangsamen.
Überall fehlt Geld. Sind Sie für den Rasenmäher, oder haben Sie Tabus?
Im Unternehmen macht man beides. Man sagt: Wir müssen fünf Prozent Kosten herausnehmen. Und im zweiten Schritt priorisiert man wichtige Themen. Diese Kombination ist sinnvoll.
Alle sollen den Gürtel enger schnallen. Wozu ist die Industrie bereit?
Die Unternehmen in Deutschland profitieren auch massiv von den Qualitäten des Standorts. Wenn wir sehen sollten, dass Reformen nicht nur angekündigt, sondern ernsthaft auf den Weg gebracht werden, erwächst daraus eine Verantwortung zu investieren. Wenn wir zwischen einer Investition im Ausland und im Inland zu wählen haben und uns eigentlich fürs Ausland entschieden hätten, gibt es dann eine Verpflichtung zu sagen: Wir machen es trotzdem hier, um der Politik Schub zu verleihen.
Auch Unternehmen, die für ihre Aktionäre die Gewinne maximieren müssen?
Alle Firmen müssen profitabel sein. Es darf daher natürlich nicht grob unsinnig sein. Aber viele Investitionsentscheidungen kann man so oder so treffen. Ausschlaggebend ist am Ende häufig auch das weiche Kriterium: Welchem Standort gebe ich mehr Zukunft? Und wenn sich die Investitionsbedingungen hier deutlich verbessern, muss man sagen: jetzt für Deutschland. Das ist übrigens auch klug. Wir werden als Unternehmen nicht überleben, wenn wir Inseln des Wohlstands in einem Meer der Verzweiflung sind. Die deutsche Industrie ist ein Ökosystem aus vielen Playern, ergänzt um Bildung und Forschung. So ein System funktioniert nicht, wenn es löchrig wird. Dann geht das Ganze verloren.
Sie haben einmal gesagt, die Industrie sei im freien Fall. Zugleich gibt es einzelne Branchen, die spürbar wachsen. Erleben wir eine schleichende Deindustrialisierung oder eher einen Strukturwandel?
Die Deindustrialisierung findet statt, und ich sehe nicht, dass sie sich verlangsamt. Die Produktion hatte 2018 ihren Peak und ist seitdem um 14 Prozent gefallen. Zum anderen gibt es alle Facetten gleichzeitig, das ist eine Herausforderung für einen Spitzenverband der Industrie wie uns. Manchen Mitgliedsbranchen geht es sehr gut, anderen nicht. Diese Bruchlinien gehen durch die Branchen und durch die Unternehmen selbst. Mein Unternehmen baut Maschinen, die Blechteile produzieren – klassisches Industriegeschäft, einstellige Wachstumsraten, läuft okay. Aber unser Geschäft mit Systemen für die Halbleiterproduktion boomt.
Hilft der Industriestrompreis oder verpufft er?
Er hilft punktuell, ändert aber nichts daran, dass Energie deutlich teurer ist als früher – wegen der Weltmarktpreise und des Umbaus unseres Energiesystems.
Wird China der deutschen Kernindustrie noch mehr das Wasser abgraben?
Der chinesische Wettbewerb wird weiter zunehmen. Man muss unterscheiden: Was ist Qualität – also einfach ein starker Wettbewerber mit tollen Produkten –, was ist Kostenbasis, und was sind Subventionen und eine unterbewertete Währung? Wir fokussieren uns in der Diskussion stark auf den unfairen Wettbewerb durch Subventionen. Das ist ein Teil des chinesischen Vorteils. Dazu kommt: Die Chinesen haben gelernt, unser Modell nachzubilden – die Symbiose aus Innovation und Produktion für technisch hochwertige Produkte. Aber wahr ist auch: Chinas Deflation und Industriesubventionen führen zu einem stark verzerrten Wettbewerb. In den letzten fünf Jahren sind die Erzeugerpreise von China im Vergleich zu Europa um gut 40 Prozent gefallen, das macht es mörderisch. Gleiches gilt für die USA und abgeschwächt für viele entwickelte Volkswirtschaften. Gleichzeitig ist China neben Amerika unser wichtigster Innovationspartner. Wir entwickeln dort für chinesische Kunden und werden so fit für den Weltmarkt. Uns davon abzuschneiden, wäre tödlich.
Auf der Ebene von EU und G 7 geht es darum, was man gegen China tun sollte.
Das ist das große Dilemma. Der BDI ist ordnungspolitisch begründet sehr skeptisch gegenüber Protektionismus. Für einen großen Teil der Industrie ist das richtig, weil wir mehr exportieren als importieren – mit China haben wir allerdings ein wachsendes bilaterales Handelsbilanzdefizit. Unser ganzes Modell hängt am Export; was dem Export schadet, schadet uns. Gleichzeitig gibt es unfaire Wettbewerbsverzerrungen, auf die wir reagieren müssen. Unsere Instrumente dafür sind viel zu langsam und zu wenig punktgenau. Gelänge es der EU, flexible, schnell einsetzbare und abwählbare, punktgenaue Instrumente zu schaffen, wäre das hilfreich.
Sollte man einzelne Branchen schützen, die sonst untergehen?
Die zu schützen, „die sonst untergehen“, springt mir zu kurz. Wir sollten nicht alles schützen, was unterzugehen droht, sondern ein klares strategisches Bild entwickeln, welche Branchen wir brauchen.
In der Chipindustrie werden einzelne Fabriken mit Milliarden Euro subventioniert. Macht uns das resilient?
Chips sind extrem wichtig. Die Frage lautet: Ist echte Autonomie möglich, oder sollten wir nicht vielmehr Souveränität anstreben – indem wir Produkte haben, die andere brauchen, und dafür Dinge bekommen, die nur andere haben? Letzteres ist sinnvoll. Alles selbst herzustellen, ist nicht möglich. Wer glaubt, mit ein paar Milliarden baue er eine Fabrik und sei autonom, liegt absolut falsch – uns fehlen heute die Kompetenzen, um Fabriken für die kleinste aktuelle Chipgeneration in der nötigen Zeit zu bauen und zu betreiben. Das heißt nicht, dass wir nicht investieren sollten. Wir müssen es klug tun und uns aussuchen, in welche Technologien wir investieren – etwa Ansätze, die für unser Produktportfolio aus Maschinen, Robotern, Automobilen relevant sind. Man muss die Antwort vom Markt her denken, von den Abnehmern her.
Braucht es dafür eine staatliche Koordinierung?
Dafür braucht man Kompetenz, und ich bin nicht sicher, ob der Staat sie in diesem Feld ausreichend hat – aber wir haben Leute, die es können. Ich könnte mir wie bei den anderen Themen eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Politik vorstellen, ruhig auf europäischer Ebene.
Alles, worüber wir hier sprechen, braucht Zeit und wirkt nicht direkt. In der Bevölkerung herrscht Frust, die AfD-Werte steigen. War es falsch, die Brandmauer hochzuziehen?
Nein, die Frage stellt sich nicht, ob ich mit Leuten zusammenarbeite, die rassistisch und antisemitisch sind. Hinzu kommt: Wirtschaftspolitisch fordert die AfD groben Unfug. In manchem widersprechen sie sich inzwischen selbst, aber der grobe Unfug ist dringeblieben. Und: Unser Erfolg als Industrie kommt aus der Zusammenarbeit – im Unternehmen, mit Kunden, Lieferanten, dem Ausland. Eine Partei, deren Erfolgsrezept das Polarisieren und Ausgrenzen ist, passt dazu nicht.
Die Familienunternehmer haben versucht, mit der AfD bei Veranstaltungen ins Gespräch zu kommen, vielleicht auch, um sie aus der rechten Ecke zu holen.
Das halte ich nicht für den richtigen Ansatz.
In Ostdeutschland könnte es bald einen AfD-Ministerpräsidenten geben.
Wenn ein Unternehmer einen konkreten Grund hat, mit AfD-Vertretern zu sprechen – weil er ein Grundstück kaufen will, um ein Beispiel zu erfinden –, sollte man das nicht verteufeln. Aber ein AfD-Ministerpräsident wäre fatal für das Land. Die ganze Litanei, der Anti-EU-Kurs, die migrationspolitische Abschottung und die völkische Grundhaltung, all das schadet, bringt zusätzliche Unsicherheit und ist unerträglich. Darum dränge ich darauf: Geht rechtzeitig auf die Frustrierten im Land zu und geht auf ihre Anliegen ein – indem man praktische Probleme anspricht, angeht und löst.
Kommen wir zur Künstlichen Intelligenz. Sie krempelt den Arbeitsmarkt gerade in Rekordgeschwindigkeit um. Was raten Sie Schülern, die in zehn, 20 Jahren auf dem Arbeitsmarkt bestehen sollen?
Nicht nur eine gezielte Digitalausbildung. Ich würde ihnen raten, Dinge zu tun, die sie in Kontakt mit Kunden, Produkten und Produktion bringen. Wir werden weiter in einer Welt der Dinge leben, die KI wird Teil dieser dinglichen Produkte sein. Meine jüngste Tochter hat gerade Abitur gemacht und arbeitet vor dem Studium als Verkäuferin in einer Bäckerei. Sie hat dort viel gelernt – obwohl sie aus einem Unternehmerhaushalt kommt: was es bedeutet, ein Produkt zu haben, Kundenverhalten einzuschätzen, abends abschließen zu müssen. Das sind prägende Momente, die für ein ganzes Berufsleben entscheidende Impulse geben.
Können KI-Fabriken den Standort retten?
Industrielle KI kann unsere neue Wachstumsstory werden. Diesen Optimismus teile ich. Das Thema hat drei Ebenen: Wir beherrschen den Produktionsprozess und stellen unsere Produkte mit KI-Unterstützung her – die KI-Fabriken. Wir bringen KI in unsere Produkte. Und – das halte ich für hochrelevant – wir stellen Produktionsmittel her, mit denen andere produzieren. Keine Volkswirtschaft kann wie wir hochwertige, hochtechnologische Produkte erzeugen, eingebettet in ein Netzwerk aus enger Kundenbindung, internationalen Zulieferern und internationalen Kunden. Das ist eine industrielle Stärke, die wir im KI-Zeitalter neu ausspielen können. Ich erlebe KI-Firmen, die in die Produktion wollen, daran aber scheitern und unser Produktionswissen brauchen. Der Schlüssel ist, dass die Wertschöpfung bei uns bleibt – dass nicht der KI-Lieferant verdient und wir die verlängerte Werkbank sind.
Donald Trump hat bei Anthropic den Aus-Knopf gedrückt. Wird der Zugang zu KI eine geostrategische Waffe?
Das ist die erste Manifestation, ja. Dass das ein hochstrategisches Thema ist, steht außer Frage.
Wie steht Europa da? Die großen Sprachmodelle kommen aus Amerika und China.
Da haben wir ein Problem, ja.
Wird KI irgendwann zum Luxusgut?
Zum Luxusgut nicht, aber zu einem erheblichen Kostenfaktor. Das sehen wir bei allen digitalen Leistungen – von Office-Software über Cloud-Dienste –, und bei KI wird es genauso laufen.
Haben Sie eine politische Forderung, damit Europa nicht zu abhängig wird?
Im Strategiekreis für Technologie und Innovation des Bundeskanzlers ringen wir um eine Empfehlung, die uns schnell und in der Breite nach vorn bringt. Es gibt in Europa viele Programme, die bisher wenig koordiniert sind. Eine bessere Priorisierung, Koordinierung und Ausrichtung wären auf jeden Fall hilfreich.
Ist die Industrie bei KI so rückständig wie bei den Sprachmodellen?
Nein. Beim klassischen Bürogebrauch von Large Language Models haben größere Unternehmen in der Anwendung meist die Nase vorn, der Mittelstand hat Nachholbedarf. Aber auf der Produktseite und in der Implementierung in Produktionsprozesse sind die Fortschritte immens. Wir haben da auf paradoxe Weise die Gnade der späten Geburt. Man hatte erwartet, dass die industrielle KI vor den Sprachmodellen kommt – jetzt ist es andersherum. Die Sprachmodelle wirkten wie ein intensiver Weckruf. Seit ChatGPT live ist, hat sich die Betrachtung des Gesamtphänomens KI in der Industrie fundamental gewandelt. Ich kenne keine einzige Firma, die das nicht als Toppriorität hat.
Letzte Frage: Wäre Deutschland eine Aktiengesellschaft – würden Sie heute Anteile kaufen?
Ja, das würde ich. Deutschland ist eine Value-Aktie, weil die Fundamentaldaten intakt sind. Wir verfügen unverändert über ein hohes Maß an Innovationsfähigkeit, die Industrie ist sehr leistungsstark und hat nicht nur Marktpräsenz, sondern Marktzugang – weltweit wie kaum jemand sonst. Wir haben ein hocheffizientes Innovationssystem in und zwischen den Firmen. Das ist alles in Ordnung. Und die Bereitschaft in der Belegschaft dieser Aktiengesellschaft, sich zu verändern, ist eigentlich da. Uns fällt nur zu, das Schlüsselpotential wieder zu erschließen. Aber ich bin sicher: Das wird uns gelingen.
