
Gerade einmal zwei Tage hat es gedauert, bis die Nachricht verkündet wird, dass der „Bahnhofsviertelgipfel“ zwischen Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) zum Frankfurter Bahnhofsviertel zustande kommt. Am Freitag schließlich hieß es, Josef und Poseck hätten sich verständigt und lüden für den 26. Juni zu einem gemeinsamen Treffen mit weiteren politischen Entscheidern ein.
Dass das Treffen so schnell zustande kommen würde, hatte Mike Josef am Donnerstag nicht geahnt, aber gehofft. Beim Dialogforum des Präventionsrats der Stadt, das als Bürgerveranstaltung einmal im Jahr stattfindet, sagte er am Donnerstagabend, die Situation im Bahnhofsviertel sei seit Jahrzehnten eine Daueraufgabe. Der Zustand sei für die Bewohner nicht mehr zumutbar. Er wolle deshalb nicht mehr darüber diskutieren, „wer welche Zuständigkeiten hat“. Vielmehr gehe es darum, „gemeinsame Ziele zu definieren“. Dazu gehöre die Frage, welche Ansätze es brauche, um eine Beruhigung im Viertel herzustellen für die Anwohner, aber auch für die Gewerbetreibenden.
Am Karlplatz wird zwei Jahre lange gebaut
Die Baustellen im Bahnhofsviertel machen nicht nur Geschäftsleuten zu schaffen, die von ihren Kunden nicht mehr mit dem Auto erreicht werden. Sie hätten zusammen mit dem Umbau der B-Ebene des Hauptbahnhofs auch dazu geführt, dass seit einiger Zeit mehr Schwerstabhängige zu sehen seien, sagte Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP). Denn die weiträumigen und mit hohem Sichtschutz ausgestatteten Absperrungen riegeln Flächen ab, auf denen sich zuvor viele Drogenabhängige aufgehalten haben. Sie sammeln sich jetzt dort, wo noch Platz ist wie an der Niddastraße.
Anfang des Jahres hatte die Stadt angekündigt, dass Karlstraße und Karlplatz für mehr als zwei Jahre gesperrt werden, weil Leitungen gelegt und anschließend Straße und Platz neu gestaltet werden. Kurz darauf allerdings teilte der Energieversorger Mainova mit, auch in der Moselstraße mit dem Verlegen von Fernwärmeleitungen zu beginnen. Dort nimmt die Baustelle ebenfalls die ganze Straßenbreite bis zum Bürgersteig ein.
Auch die Polizei hat Schwierigkeiten
Außer den Menschen im Viertel stellt dies auch die Polizei vor Herausforderungen. „Wir hatten einen Plan, und es kam anders“, sagte Polizeipräsident Stefan Müller. So sei die Baustelle auf der Moselstraße eine Überraschung gewesen. Dadurch habe sich die Drogenszene stark verdichtet. Auswärtigen Polizeikräften habe zudem die Orientierung gefehlt. Bei den Dealern sei es gelungen, 71 Personen in Haft zu bringen. Sorge bereite jedoch die Situation der offenen Drogenszene. Täglich seien die Beamten damit beschäftigt, die Drogenkranken zu mobilisieren, damit sie nicht auf den Bürgersteigen lagerten, und um den Konsum auf der Straße zu verhindern. Nach aktuellen Zählungen seien da bis zu 130 Personen an einem Ort. Damit verbunden seien „enorme Sicherheitsherausforderungen“.
Mobilitätsdezernent Wolfgang Siefert (Die Grünen) gestand zu, dass die parallelen Baustellen das Gebiet zu einem Labyrinth gemacht hätten. Dass viel zusammenkomme, sei allerdings typisch für Frankfurt. 2025 habe es mehr als 12.500 Baustellen im Stadtgebiet gegeben, für dieses Jahr rechne man mit 20.000. „Bei diesen Mengen funktioniert unser altes Baustellenmanagement nicht mehr wirklich.“
Deshalb will das Mobilitätsdezernat nach Worten Sieferts ein eigenes Team für Baustellenkommunikation aufbauen, das die Information von Ämtern, städtischen Gesellschaften, Versorgern und privaten Bauträgern koordiniert. Für die Baustelle an der Karlstraße habe man kurzfristig ein Anliegermanagement beauftragt. „Von nächster Woche an ist ein Ansprechpartner da.“ Um den Drogenkranken eine Alternative zu bieten, habe ihn Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) gefragt, ob er kurzfristig alte Busse zur Verfügung stellen könne, damit die Drogenkranken keinen Hitzschlag bekämen. Aber es sei eine Illusion, die Drogenkranken großflächig an einen anderen Ort zu bekommen. Dazu brauchten die Crack-Abhängigen wegen der kurzen Wirkung der Droge viel zu oft Nachschub.
„Wir erwarten, dass Sie proaktiv etwas tun“, sagte der Gastronom James Ardinast zu den Verantwortlichen auf dem Podium. Die Baustellen seien sicher wirtschaftlich für die Mainova, aber „für uns sind sie unwirtschaftlich“. Ob die Baustellen über einen langen Zeitraum derart weiträumig abgesperrt sein müssten, auch wenn die Fläche nicht ständig gebraucht werde, stellte Siefert infrage. Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) konnte die Kritik ebenfalls nachvollziehen. Man werde auf die Mainova zugehen und fragen, ob der nächste Bauabschnitt wirklich so großflächig eingezäunt werden müsse.
Den Grund, warum die Baustelle an der Karlstraße von Anfang an mit hohen, blickdichten Holzzäunen umstellt werden sollte und auch die Baustelle an der Moselstraße mit Zäunen und Planen versehen ist, schilderte die Leiterin der Baustellenkoordinierung im Straßenverkehrsamt, Kerstin Bangert. Wenn bei Arbeitsbeginn morgens die Drogenspritzen in der Baugrube lägen, finde man keine Leute, die im Bahnhofsviertel arbeiten wollten. Die hohe und dichte Einhausung sei daher Pflicht gewesen.
