
Am 17. Juni 1953 ging der damals 18 Jahre alte Klaus Hobrack im thüringischen Jena zusammen mit Tausenden auf die Straße und protestierte gegen das SED-Regime. Wegen seiner Teilnahme am Volksaufstand, den die DDR zum faschistischen Putschversuch des Westens erklärte, wurde er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Dezember 1966 versuchte der damals siebzehnjährige Karl-Heinz Kube in Kleinmachnow die innerdeutsche Grenze Richtung Westberlin zu überwinden. Er wurde von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Im April 1988 wurde die ehemalige Pädagogikstudentin Sylke Glaser zum „feindlich-negativen Element“ erklärt. Sie hatte Briefe an Partei- und Staatsfunktionäre geschrieben und in Rostock Flugblätter verteilt, in denen sie die politischen Verhältnisse in der DDR kritisierte. Die Folge: eine Verurteilung zu 15 Monaten Isolationshaft.
Drei Fälle aus der Geschichte einer brutalen Diktatur. Drei Beispiele aus einem Land, das scheinheilig den Begriff „demokratisch“ im Namen führte. Drei Schicksale, die zeigen, was jenen passieren konnte, die sich öffentlich auflehnten oder den Unrechtsstaat Richtung Westen zu verlassen suchten. Hinter all dem Verfolgen und Festnehmen, Verhören und Töten stand eine mächtige Behörde, das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS oder Stasi. Wie diese Institution funktioniert hat, dokumentiert die Ausstellung „Alles Wissen Wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“.
Akten füllen 111 Kilometer Regale
„Als wichtigstes Instrument zur Durchsetzung und zum Erhalt der Macht der allein herrschenden SED hat die Stasi unglaublich viele Informationen gesammelt“, sagt Juliane Haubold-Stolle bei der Eröffnung der Schau in der Volkshochschulfiliale im Nordwestzentrum. Allein die auf Personen bezogenen Stasi-Akten, so die Referatsleiterin des Berliner Bundesarchivs, füllten Regale von insgesamt 111 Kilometer Länge. Das entspricht der Luftlinie Frankfurt – Bad Hersfeld.
Anhand von 21 Objekten wird das flächendeckende staatliche Unterdrückungssystem der DDR, das ein Klima des Misstrauens schuf und vielfach vorauseilende Selbstzensur zur Folge hatte, anschaulich beschrieben. Fotografien, amtliche Schreiben, Skizzen oder etwa eine von 41 Millionen Stasi-Karteikarten sind in anthrazit- und orangefarbene Stelen integriert. Eine kurze Erklärung und ein QR-Code, der den Weg zu zahlreichen Hintergrundinformationen weist, sowie eine interaktive Medienstation ergänzen das Bild.
Zu den Exponaten, die einzelne Geschichten erzählen, abstrakte Begriffe wie SED oder Stasi mit Inhalt füllen und Methoden und Strukturen des MfS offenlegen, gehört außer heimlich von Sylke Glaser während der Haft auf Toilettenpapier verfassten und von Aufsehern konfiszierte Notizen auch ein großes rosafarbenes A. Dieser Buchstabe, von einem Ehepaar mit abgelehntem Ausreiseantrag im Herbst 1985 sichtbar in ein Fenster ihrer Wohnung gehängt, reichte für eine Verhaftung aus. Diese Menschen hatten jedoch Glück; sie wurden ein knappes halbes Jahr später von der Bundesrepublik freigekauft. Zwischen 40.000 und 96.000 D-Mark erhielt die DDR nach Angaben von Kai Schönwald, Mitarbeiter im Bundesarchiv, für jede Person, die sie ziehen ließ: ein probater Weg zur Beschaffung frei konvertierbarer Geldmittel.
Geld spielte auch für Rainer Schedlinski eine Rolle, doch in ganz anderer Hinsicht. Von dem Ostberliner Autor wird die handschriftliche Erklärung präsentiert, mit der er sich 1979 zur inoffiziellen Mitarbeit bei der Stasi verpflichtete. 400 Mark brachte ihm Haubold-Stolle zufolge seine Spitzeltätigkeit monatlich ein: ein Vielfaches einer üblichen DDR-Wohnungsmiete, die knappe Hälfte eines Durchschnittsgehalts. Zusammen mit 189.000 weiteren Spitzeln unterstützte Schedlinski im Verborgenen die Arbeit der etwa 91.000 hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter – Zahlen, die Schönwald zufolge 1989 erfasst wurden.
Die vom Bundesarchiv konzipierte und im April 2024 in Berlin eröffnete Ausstellung war schon an vielen Orten zu sehen, unter anderem in Hannover, Koblenz und Hamburg. „Wir zeigen sie vor allem im ehemaligen Westdeutschland, dort, wo keine Gedenkstätten wie einstige Haftanstalten an den Überwachungsstaat DDR erinnern“, sagt Haubold-Stolle. „Betroffene leben ja nicht nur in der ehemaligen DDR.“ Außerdem berühre die Schau ein Thema, das alle angehe, ergänzt Franziska Fandrich von der Frankfurter VHS, die die Ausstellung in die Mainmetropole geholt hat: „Je mehr man über eine Diktatur weiß, desto mehr ist man angehalten, die Demokratie zu schützen.“
Die Ausstellung „Alles Wissen Wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“ ist bis zum 2. Juli im VHS-Zentrum Nord, Nordwestzentrum, Tituscorso 7, zu sehen. Geöffnet ist sie montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr und samstags von 10 bis 17 Uhr.
