Im vergangenen Jahr hat er als Landrat für den Landkreis Traunstein kandidiert und als Bürgermeister für seine Heimatstadt Tittmoning. Er ist Anfang dreißig, tritt, wenn Kameras in der Nähe sind oder er in den sogenannten sozialen Medien sich selbst filmt, in Tracht auf. Er spricht breites Bairisch, seinen einst mullahlangen Vollbart hat er neuerdings getrimmt. Mit einem Bachelorabschluss versehen, den er bei einem Interview in einem regionalen Fernsehsender selbstbewusst mit dem Diplom-Ingenieurstitel gleichsetzte, arbeitet er bei einem großen Gewächshausgemüsebauern als Projektleiter und kümmert sich um die IT.
Dieser Sebastian Gruttauer hat der oberbayerischen Grenzstadt Tittmoning zu einer Aufmerksamkeit verholfen, die dem 5700 Seelen zählenden Gemeinwesen im nördlichen Rupertigau sonst nicht zuteil wird. Gruttauer kann gar nichts dafür, dass es so kam, es lag am Stadtrat, dem er seit der Wahl im Frühjahr für die AfD angehört. Den örtlichen Üblichkeiten folgend, bekam er wie alle anderen Ratsmitglieder einen Posten, dummerweise den des Kulturreferenten.

Der Aufschrei folgte auf dem Fuße. Es fanden sich fünfzig Künstler in Stadt und Umgebung, die den früheren „Biermösl Blosn“-Vordenker Hans Well als Protestspeerspitze auftrieben, einen offenen Brief schrieben und die politische Eselei in die überregionalen Medien brachten.
Das war Ende Mai. Nun hat der Stadtrat reagiert und Gruttauer am Dienstag mit 19:2 Stimmen das Amt des Kulturreferenten wieder entzogen. Das versieht künftig der Bürgermeister selbst. Ein zweiter im Stadtrat sitzender AfD-Mann behält seine Zuständigkeit – fürs Abwasser.
Was Gruttauer im Fall des Falles mit dem überschaubaren Tittmoninger Kulturleben angestellt hätte, bleibt Spekulation. Die Gefahr, dass die Stadt von Künstlern seinetwegen gemieden worden wäre, ist nicht von der Hand zu weisen. Ins Gerede war er längst gekommen: Vor einem Jahr musste er den Vorsitz des Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins „D’Heulandla“ im nahen Törring abgeben, weil Vereinsmitglieder wegen Gruttauers politischer Haltung mit Austritt gedroht hatten, ihre Kinder nicht mehr zum Schuhplatteln zu ihm schicken wollten. Was ihn nicht davon abhielt, im Wahlkampf ein Selfie mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Christoph Birghan zu posten, das just vor dem vom Trachtenverein aufgestellten Maibaum gemacht wurde – natürlich in Tracht.
Offenbar hat sich der Höcke-Fan Gruttauer in der Partei schon für größere Aufgaben empfohlen, er ist mittlerweile Schriftführer der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“. Nach dem Tittmoninger Referenten-Debakel hat er sich umgehend für „die enorme Werbung für mich und die AfD“ bedankt.
