Dabei gehört zur Geschichte dieses Spiels auch, dass England in der ersten Hälfte eben nicht alles unter Kontrolle hatte. Zwar brachte Kapitän Harry Kane die Mannschaft zweimal in Führung, durch zwei Standardsituationen, aber die Verteidigung um John Stones und den oft hinterfragten Ezri Konsa erwies sich als nicht sehr sattelfest. Das 2:2 zur Pause war deshalb durchaus leistungsgerecht.
Fans und Beobachter in England befürchten nun trotz des ersten Erfolgs, dass die Mannschaft gegen stärkere Gegner ernsthafte Probleme bekommen könnte. Zusätzliche Brisanz erhält das Thema dadurch, dass Tuchel den gestandenen Innenverteidiger Harry Maguire nicht für das Turnier nominiert hat, was ihm teils heftige Kritik einbrachte. Das Team habe anfangs zu vorsichtig gespielt, erklärte Tuchel unaufgeregt: „Wir haben einfach eine Weile gebraucht, um unser Selbstvertrauen zu finden.“

Das war in der zweiten Hälfte umso sichtbarer. Der starke Jude Bellingham brachte England kurz nach Wiederanpfiff wieder in Führung, und dieses Mal sollte die Mannschaft ihren Vorsprung besser verteidigen. Allerdings nicht vorwiegend in der Defensive, sondern durch lustvolles, engagiertes Angriffsspiel. In der Mitte der zweiten Hälfte gab es eine Phase, in der England einen Torabschluss nach dem anderen hatte, und als Beobachter rieb man sich fast schon die Augen, wie Kroatien das ohne weiteres Gegentor überstehen konnte. Das fiel aber erst kurz vor Schluss durch den eingewechselten Marcus Rashford, nach Vorlage des ebenfalls eingewechselten Bukayo Saka. Ein Luxus, Spieler solchen Kalibers auf der Ersatzbank zu haben.
Zwar fielen Englands Tore Nummer drei und vier aus dem Spiel heraus, aber es war ausgerechnet die torlose Druckphase in der zweiten Hälfte, in der die Mannschaft besonders glänzte. Schnelle Passfolgen, kluge Laufwege, ständiger Zug zum Tor: Gegen diese offensive Power kam Kroatien nicht an. „Das war England, wie wir es seit Jahren nicht gesehen haben“, schrieb die BBC in einer Analyse – „und es hat Spaß gemacht.“ Der normalerweise reserviertere „Guardian“ stimmte ähnliche Töne an: „Es fühlte sich an wie etwas völlig Neues. Es machte Spaß, war unbeschwert und ein bisschen rau. England kann das. Wer hätte es gedacht?“
Die Pausenansprache von Thomas Tuchel bringt die Wende
Tuchels Vorgänger Gareth Southgate hatte die Nationalmannschaft ins WM-Halbfinale 2018, ins EM-Finale 2021, ins WM-Viertelfinale 2022 und ins EM-Finale 2024 geführt – was ihm in England als großes Verdienst angerechnet wird. Aber eine Spielfreude wie am Mittwoch strahlte das Team unter seiner Führung nie aus. Es war eher Fußball als Verwaltungsakt.
Tuchel hatte nach der Übernahme seines Postens gesagt, England hätten „Hunger“ und „Identität“ gefehlt, um zu triumphieren, und das wolle er ändern. Gegen Kroatien konnte man nun in Ansätzen beobachten, wie es aussehen kann, wenn diese mit Stars vollgepackte englische Mannschaft zwanglos aufspielt. Die Konkurrenten um den WM-Titel werden das sicher genau registriert haben.
Doch es bleibt eben auch der Eindruck eines Spiels mit zwei sehr unterschiedlichen Hälften zurück. Dass England nach der Pause so verändert auftrat, begründeten die Spieler hinterher mit Tuchels Pausenansprache. „Er hat uns gesagt, wir sollen die Fesseln ablegen, ruhig bleiben und loslegen“, gab Harry Kane einen Einblick. „Er sagte: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Zeigt der Welt, was in euch steckt.“ Mit diesem neu entdeckten „Vollgas“-Modus sei Kroatien nicht zurechtgekommen. „Das ist das Level, das wir in jedem Spiel erreichen müssen.“ Jude Bellingham wird ein angespanntes Verhältnis zu Tuchel nachgesagt, doch auch er lobte die Ansprache des Trainers explizit. Es habe in der Kabine kein „Drama“ und kein „Geschrei“ gegeben, sagte er: „Es war das, was die Mannschaft brauchte.“
Die Rückendeckung so wichtiger Profis wie Kane und Bellingham sowie die offene Zurschaustellung der Einheit zwischen Team und Trainer dürften Tuchels Ansehen beim Anhang in England verbessern. Dass er als Deutscher den höchsten Trainerposten des Landes bekleidet, kommt nicht in allen Winkeln der Gesellschaft gut an. Auch seine Kaderauswahl war in Teilen umstritten. Jetzt aber schlagen sich immer mehr prominente Fußballpersönlichkeiten auf seine Seite. „Ich liebe es, wie positiv Thomas Tuchel war“, sagte etwa der frühere Nationalstürmer Wayne Rooney über dessen offensive Spielerwechsel beim Stand von 3:2. „Denn wenn du dich zurückziehst und darauf wartest, dass Kroatien kommt, wirst du nervös.“
In der WM-Gruppe L steht England nun durch den Sieg gegen den wohl schwierigsten Gegner Kroatien schon nach dem ersten Spiel gut da. Gegen die anderen Gegner Ghana und Panama kann Tuchel an Abläufen und Einzelheiten feilen, das Sechzehntelfinale ist dem Team praktisch sicher. Als Gruppensieger würde England gegen den Dritten einer anderen Gruppe antreten. „Ich möchte, dass sie mutig, couragiert und entschlossen sind, nach vorne spielen und alles geben“, umriss Tuchel seine Idealvorstellung davon, wie England Fußball spielen soll. Phasenweise war das am Mittwoch schon zu erkennen. Fürs Erste hat der Trainer tatsächlich alles unter Kontrolle.
