
Kann sein, dass einigen Studenten im Großraum Frankfurt momentan des Nachts das Fliegende Spaghettimonster erscheint. Diese einst von einem Atheisten spaßeshalber ersonnene Gottheit könnte durch die Albträume von Veganern spuken, die regelmäßig die Mensen des Frankfurter Studierendenwerks aufsuchen, wenig Geld haben und deshalb eigentlich gerne das Gericht wählen sollten, das der Versorger seit einer Woche im Angebot hat: eine tierproduktfreie Mahlzeit zum Preis von 1,80 Euro.
Aus Sicht von Menschen, die auf abwechslungsreiche Ernährung bedacht sind, gibt es bei diesem Pilotversuch – wie ihn das Studentenwerk betitelt – nur einen Haken. Die preiswerte Speise ist jeden Tag die gleiche: Spaghetti Napoli. Vier Wochen lang ersetzt sie laut Ankündigung auf der Studentenwerks-Homepage das bis dato offerierte, teurere vegane Tagesgericht und wird nicht etwa zusätzlich zu diesem angeboten – weil „unsere Produktions-, Ausgabe- und Personalkapazitäten begrenzt sind“, wie es heißt.
Im Prinzip findet der AStA der Goethe-Uni die Idee für ein solch günstiges veganes Essen richtig. Angesichts gestiegener Mensapreise hatten Studentenvertreter im Verwaltungsrat des Studierendenwerks ein solches Angebot gefordert. Es solle an allen Standorten des Studentenwerks gelten, das für Hochschulen in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, Rüsselsheim und Geisenheim zuständig ist.
Plakataktion gegen die „Spaghetti-Diktatur“
Dass nun jedoch alle preisbewussten Veganer einen Monat lang auf Spaghetti-Napoli-Diät gesetzt werden, ruft selbst unter Mensagästen mit einer grundsätzlich positiven Einstellung zu Teigwaren Protest hervor. An der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst tauchten Plakate auf, mit denen eine „Bürgerinitiative gegen die Spaghetti-Diktatur“ zum „Kampf gegen die Einseitigkeit“ aufruft und sich für die „Argentinische Gemüsepfanne“ als Ersatzoption starkmacht. Ein QR-Code mit Link zur Internetseite des Studentenwerks soll allen Vorkämpfern der Gastrodiversität das Verfassen entsprechender Protestmails erleichtern.
Auch der AStA der Goethe-Uni hat laut einem Sprecher Verständnis für den Unmut der zum permanenten Spaghetti-Napoli-Verzehr genötigten Kommilitonen. Was, wenn einige von ihnen an einer Tomatenallergie leiden? Dass es auf studentischen Wunsch nun ein Gericht für weniger als zwei Euro gebe, sei gut – aber dass es vier Wochen lang dasselbe sein solle, habe man nicht gewollt und nicht verlangt.
Die Sprecherin des Studentenwerks macht deutlich, dass dessen Kunden nun erst einmal mit den Konsequenzen des Versuchs leben müssten. Dieser sei auf Wunsch des Verwaltungsrats ins Werk gesetzt worden, und aus logistischen Gründen – etwa Lieferkettenzwängen – sei es auf die Schnelle nicht möglich, etwas anderes zu kochen als Spaghetti Napoli. Wie wäre es zur Abwechslung wenigstens mit Spaghetti all’arrabbiata, Spaghetti Pesto oder Spaghetti aglio e olio? „Arrabbiata geht nicht für 1,80 Euro“, sagt die Sprecherin. Die Frage, warum es denn so schnell gehen musste mit dem Pilotprojekt, dass keine Zeit blieb für etwas mehr kulinarische Kreativität, bleibt offen.
Nun können Pastaphobiker nur noch auf ein Ende der Napoli-Krise nach dem 1. Juli hoffen: Dann soll eine erste Bilanz des Experiments gezogen werden. Vielleicht gelingt es ja, zwischen pekuniären und ökotrophologischen Zwängen eine gesunde Balance zu finden. Möge hierzu das Fliegende Spaghettimonster seinen Segen spenden.
