
Die Aktienmarktentwicklung und das deutsche Bruttoinlandsprodukt haben sich entkoppelt. In den vergangenen drei Jahren stieg der Dax um 20, um 19 und um 23 Prozent, die deutsche Wirtschaftsleistung schrumpfte indes um 0,9 und um 0,5 Prozent und wuchs vergangenes Jahr um 0,2 Prozent. Die Fachleute der großen öffentlichen Banken, die der Verband Öffentlicher Banken (VÖB) am Mittwoch in Frankfurt um ihre Kapitalmarktprognose bat, rechnen für 2026 mit 0,6 Prozent Wachstum. Knapp die Hälfte dieses Wachstums werde dadurch erzielt, dass der Tag der Deutschen Einheit und der zweite Weihnachtsfeiertag dieses Jahr auf einen Samstag fallen, mithin an mehr Tagen gearbeitet wird als im Jahr 2025.
Für den Aktienmarkt sind die Aussichten besser. Die DZ Bank unterstrich ihr Dax-Ziel von 27.500 Punkten bis zum Jahresende – ein Plus von zehn Prozent zum aktuellen Stand. Manfred Bucher, Aktienstratege der Bayern LB, rechnet ebenfalls für die nächsten sechs bis zwölf Monate mit steigenden Aktienkursen. „Es gibt positive Impulse durch die Unternehmensgewinne, vor allem aus den USA, aber auch aus Europa“, sagt Bucher. „Die Gewinnrevisionen in den USA sind aktuell sensationell positiv, aber auch im europäischen Stoxx 600 gut.“
Die Dax-Prognose werde von Unternehmensgewinnen getragen, die nach zwei schwachen Jahren wieder deutlich zulegen dürften, hatte die DZ Bank zuletzt ebenfalls argumentiert. Den größten Beitrag leiste die Industrie, solide Impulse kommen aus dem Finanz- und Technologiesektor. Der Dax partizipiere zwar nur mittelbar am Halbleiter- und KI-Thema. Über seine international aufgestellten Konzerne sei er jedoch eng in die Zulieferketten des Zyklus eingebunden. Seine Stärke beruhe somit weniger auf der heimischen Konjunktur als auf global agierenden Konzernen.
Nach Kohls Maßstab sind wir im Sozialismus angelangt
Die Diskrepanz zwischen den global agierenden börsennotierten Großkonzernen und der wirtschaftlichen Lage in Deutschland hat sich zuletzt sehr deutlich auseinanderentwickelt. Die Kritik an der CDU-geführten Bundesregierung wächst daher auch in den Bankentürmen in Frankfurt: „Helmut Kohl hat in seiner Zeit als Bundeskanzler gesagt, bei einer Staatsquote von mehr als 50 Prozent beginne für ihn der Sozialismus“, zitiert LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch den Altkanzler. „Mit 50,2 Prozent haben wir den Schwellenwert überschritten. Das kleine Wachstum in Deutschland setzt sich maximal ungünstig zusammen: Wir wachsen da, wo wir gar nicht wachsen wollen, im Staatskonsum.“
Scharf gehen die Banker daher mit der Bundesregierung ins Gericht: „Berlin hat überhaupt nicht das geliefert, was es versprochen hat“, sagt DZ-Bank-Chefvolkswirtin Sonja Marten. „Das ist eine extrem unglückliche Ehe in der Koalition, und es ist sehr frustrierend, zuzusehen, dass sie die PS hätte, sie aber nicht auf die Straße bekommt. Und es ist schwer vorstellbar, dass da noch eine Wende kommt. Mit Dingen wie Mütterrente und Tankrabatt wird kein Wachstum in Deutschland erzeugt.“
Die Sorgen an den Kapitalmärkten mit Blick auf Deutschland nehmen daher zu. Ulf Krauss von der Helaba verweist auf die sinkenden Risikoaufschläge der anderen Euro-Anleiheländer gegenüber Deutschland. „Deutschland hat zu kämpfen, um seinen Status als hervorragendes Anlageland behalten zu können“, sagt Krauss. „Die lange wirtschaftliche Stagnation Deutschlands beschäftigt die Kapitalmärkte, und die sinkenden Spreads sind Ausdruck der häufiger gestellten Frage, wie es um die Fähigkeit steht, die steigenden Schulden auch in Zukunft bedienen zu können.“
USA kompensieren Schulden mit Wachstum
Bayern-LB-Fachmann Bucher erinnert an die anfängliche Freude der Märkte über die Sonderschulden, die sich die Regierung Merz noch vor Amtsantritt vom alten Bundestag hat genehmigen lassen: „Diese Sonderschulden sollten eigentlich das Produktionspotential der deutschen Volkswirtschaft erhöhen.“
Den Hinweis auf die hohen Schulden der USA kontern die Bankenfachleute daher auch mit den weit höheren Wachstumsperspektiven der dortigen Volkswirtschaft. „Die USA sind so weit vorn bei neuen Industrien, dass dort sehr viel mehr Geld hinfließt und investiert wird und die Leute eher bereit sind, ins Risiko zu gehen“, sagt Krauss. Das Umfeld dort sei sehr viel innovations- und wirtschaftsfreundlicher. „Wir regulieren uns hier weiter zu Tode und kümmern uns in der EU-Mica-Verordnung ausführlich darum, was im Kryptomarkt alles eventuell schiefgehen könnte, statt hier Innovationen erst einmal zuzulassen oder gar zu fördern“, kritisiert Marten.
Für die USA erwarten die Banken für dieses Jahr gut zwei Prozent Wachstum. Die Inflation wird in Europa verhärtet um drei Prozent gesehen, in den USA zunächst teils bei vier Prozent. Von der Europäischen Zentralbank erwartet die DZ Bank maximal noch eine Zinserhöhung, bevor nächstes Jahr wieder Zinssenkungen anstehen könnten. Die LBBW geht sogar von zwei Zinserhöhungen aus. Die Renditen der länger laufenden Bundesanleihen werden angesichts der skeptischen Wachstumsausblicke und gleichzeitig steigender Verschuldung für Deutschland eher weiter auf einem Niveau von mehr als drei Prozent erwartet.
„Wenn die EZB die Möglichkeit hat, von weiteren Zinsschritten abzusehen, wäre das sicherlich hilfreich für eine europäische Wirtschaft, die international gerade ums Überleben kämpft“, sagt Krauss. Gerade die Exportschwäche Deutschlands nach China weckt Sorgen. Während gleichzeitig dortige Billiganbieter den europäischen Markt überschwemmen und damit zwar hiesige Unternehmen unter Druck setzen, die Inflation hierzulande aber immerhin mindern.
