Die Tür steht einladend offen, man spaziert einfach so rein, lässt sich den kostenfreien Audioguide umhängen – und schon geht es los in Deutschlands umstrittenste Dauerausstellung. Das Entree wirkt großzügig, umso mehr, als kaum jemand da ist. Der zentrale Erinnerungsort für die Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen zieht im Jahr nur 50.000 Besucher an; außer dem Autor dieser Zeilen beugen sich an diesem Tag ein Englisch sprechendes Paar und ein Studentengrüppchen aus Osnabrück über die Exponate. Ein paar Blocks weiter, bei der Dauerausstellung „Topographie des Terrors“, stehen dreißigmal so viele Menschen Schlange, und selbst das weit vom Berliner Stadtzentrum entfernte Haus der Wannseekonferenz zählt doppelt so viele Besucher wie das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.
Schreckt die Menschen womöglich der sperrige Name ab, auf den man sich erst nach mühsamen Debatten verständigen konnte? Oder bleiben die Leute einfach weg, weil sie nicht zu sehen bekommen, was sie sehen wollen?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Letzteres glaubt der Bund der Vertriebenen, der BdV. Es ist aber auch eine Vermutung in der CSU, die seit vergangenem Jahr das Bundesinnenministerium hält und vielleicht auch deshalb die Stiftung samt Dokumentationszentrum zurück in dessen Zuständigkeit geholt hat. Die Kritik aus diesen Reihen reißt auch im sechsten Jahr der Ausstellung nicht ab. Sie sei zu „wenig empathisch“ mit den deutschen Opfern, heißt es beim BdV. Es fehle Emotion und die Konzentration auf das eigentliche Sujet, ist bei der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der Unionsfraktion zu hören. Hinter diesen scheinbar kuratorischen Kategorien lugt natürlich die Politik hervor, und zwar in ihrer toxischen Spielart: der Erinnerungspolitik.
Es lässt sich am Teddybär veranschaulichen. Auf der Homepage der Stiftung (und der Dauerausstellung) wird unter anderem ein Stofftier gezeigt, dass offenbar einem Flüchtlingskind gehört hat. Abrufbar ist es unter der Rubrik „Objektsammlung“, aber dort wird nicht verraten, ob es aus Schlesien kommt, aus dem früheren Ostpolen oder aus Jugoslawien. Aus all diesen Gegenden (und vielen weiteren) sind Familien mit Kindern geflüchtet, und die Ausstellung will ausdrücklich „die Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus beleuchten“.
Sind deutsche Vertriebene ein „Schwerpunkt“?
Zwar heißt es im Onlinekatalog auch, dass Flucht und Vertreibung der Deutschen „den Schwerpunkt“ der Präsentation bilden sollen, aber die Kritiker zweifeln, dass dieser sichtbar ist. BdV-Präsident Stephan Mayer rückte die Stiftung unlängst in die Nähe einer „allgemeinen Migrationsinstitution“. Objekte wie der Teddybär ohne dokumentierte Geschichte verkörpern Mayers Sorge. Indem die Ausstellungsmacher auf eine Zuordnung verzichten, illustrieren sie den Anspruch, Zwangsmigration als internationales Phänomen mit gleichsam austauschbaren Schicksalen darzustellen.

Die Kuratoren, könnte man sagen, haben nur ihre Pflicht erfüllt. Die „europäischen Dimensionen“ von Flucht und Verfolgung einzubeziehen, ist schließlich Teil des Ausstellungsauftrags. Aber ebenso kann man Mayers Bedenken verstehen, wenn er das Kernthema der Ausstellung „durch eine Überlagerung mit modernen Kontexten marginalisiert“ sieht. Das könnte vielen Kindern und Enkeln von Vertriebenen, immerhin Millionen von Deutschen, ähnlich gehen.
In der Hauptetage über dem Foyer sind die Deutschen nur als eine von vielen Nationen präsent. Die Schaubilder erzählen „Europas Geschichte der Zwangsmigration“ – und lassen einem diffusen Unbehagen gegenüber allem Nationalen freien Lauf. Der Pass, für viele Menschen nicht nur ein Dokument der Staatsangehörigkeit, sondern der Freiheit, wird in einer Vitrine als unheimliches Dokument präsentiert, weil er „ein Mittel der Ausweisung und Verfolgung sein kann“. Auch die Landkarte, die doch seit babylonischen Zeiten zum Weltkulturgut zählt, wird als irgendwie bedrohlich vorgeführt, nämlich als „politische Strategie“ der Staaten und Nationalbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts zur Bekundung von „Gebietsansprüchen“. Landkarten, heißt es, könnten Kriege und Vertreibungen rechtfertigen.
Ein bisschen wirkt es schon, als wollten die Ausstellungsmacher um die Nationaltragödie – den gewaltsamen Heimatverlust Millionen Deutscher und die Abtrennung eines Viertels deutschen Territoriums – einen pädagogischen Bogen machen. Das Leid der Betroffenen wird nur in Mikrodosen widergespiegelt, wie auf der Texttafel zum Untergang der Wilhelm Gustloff. Mehr als 9000 Passagiere, meist deutsche Kriegsflüchtlinge, ertranken am 30. Januar 1945 in der Danziger Bucht, nachdem sowjetische Torpedos das Schiff getroffen hatten, aber auf der Tafel windet sich der Text in relativierenden Schleifen. Erwähnt wird, dass Schriftsteller und Filme seit den Neunzigerjahren „den Fall neu aufgegriffen“ hätten, um darauf hinzuweisen, dass „Kritiker damals einen Trend befürchteten, deutsche Vertriebene unkontextualisiert als Kriegsopfer darzustellen“.
Das Schicksal der Heimatvertriebenen ist sinnlich kaum erfahrbar
Wieder Kritiker also, aber diesmal die von der anderen Seite, und diese haben sich bei der Konzeption der Ausstellung offenkundig durchgesetzt. Das Schicksal der Heimatvertriebenen ist sinnlich kaum erfahrbar. Ikonographische Bilder wie die der endlosen ostpreußischen Flüchtlingstrecks auf dem zugefrorenen Haff sucht man vergebens. Von einer Erwähnung abgesehen haben die 600.000 Deutschen, die bei Flucht und Vertreibung ums Leben kamen, kaum Spuren hinterlassen – keine Dokumentation von Luftangriffen auf fliehende Zivilisten, von Brandschatzungen in der früheren Heimat, von Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten.

Man kann darüber streiten, ob Leid, Verbrechen und Tod so visuell überwältigend ausgestellt werden müssen wie im nur vier Jahre älteren Weltkriegsmuseum von Danzig, aber im Berliner Dokumentationszentrum wird das Drama, das bis heute in zahlreiche Familien hineinwirkt, bemerkenswert schamhaft versteckt. Das nationale Trauma ist nur gebrochen zugänglich, über Wahlplakate der Fünfzigerjahre oder Videoschnipsel aus alten Bundestagsdebatten. Die Ausstellung wirkt fast schmerzhaft nüchtern.
Die einen halten das für einen gelungenen Kompromiss, die anderen für eine verschenkte Chance. Bis vor Kurzem hatten die Ersten die Oberhand, etwa im grün geführten Amt der Kulturstaatsministerin, jetzt sind die anderen am Ruder, namentlich die Christsozialen im Innenministerium – weshalb der alte Streit über die Ausstellung neu entflammt ist. Erst versuchte die Union mit Verbündeten, einen anderen Stiftungsdirektor durchzudrücken. Nachdem der wegen einer Gegenkampagne seine Kandidatur zurückgezogen hatte (und ein Kompromisskandidat gefunden war), tauchte ein Gesetzentwurf auf, mit dem der Innenminister die Eigenständigkeit der Stiftung sichern will. Darin enthalten ist auch der Versuch, die alte „Schwerpunktfrage“ zu akzentuieren.
Im ersten Satz zum „Zweck der Stiftung“ wird nun betont, dass die Erinnerung an Flucht und Vertreibung – und zwar „insbesondere die der Deutschen“ – wachzuhalten sei. Dieser Vierworteinschub in eine hart errungene Formulierung aus dem noch gültigen Gesetz von 2008 besorgte den Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) so sehr, dass er von einem „erinnerungspolitischen Paradigmenwechsel“ sprach und die Anschlussfähigkeit der Ausstellung für die „deutsche Migrationsgesellschaft“ in Gefahr sah. Obendrein fürchtet er um die Versöhnung mit Polen.
Polen sieht offenbar keinen Änderungsbedarf
Dabei sind die Historiker erregter als die Regierung in Warschau, die sich zumindest noch bedeckt hält. „Die Botschaft der Republik Polen in Berlin möchte sich zu dem Gesetzentwurf nicht äußern, da er sich noch in der Planungsphase befindet und uns die finale Fassung noch nicht bekannt ist“, heißt es auf Anfrage der F.A.S. Dann folgen allerdings zwei Sätze, die eine gewisse Reserve signalisieren. Die Satzung aus dem Jahr 2008 habe „bisher gut funktioniert“, heißt es in der Botschaft. „Uns sind die Gründe, warum sie geändert werden sollte, nicht bekannt.“

Die liefert der Vertriebenensprecher der Unionsfraktion, Klaus-Peter Willsch. Es gehe schlicht um eine „Präzisierung“ der alten, auch mit Polen erreichten Verständigung, nämlich „dass Flucht und Vertreibung der Deutschen den Schwerpunkt der Ausstellung und einen Schwerpunkt der gesamten Stiftungsarbeit bilden“, schreibt er in einer Stellungnahme, die der F.A.S. vorliegt. Daraus einen erinnerungspolitischen Paradigmenwechsel abzuleiten, entbehre jeglicher Grundlage, empört sich der CDU-Abgeordnete – um dann dem Historikerverband vorzuhalten, dass der sich ja ohnehin lieber „Modethemen wie Geschlechtergeschichte und Postkolonialismus“ widme.
Mithilfe eines Vierworteinschubs werden die Union und Vertriebenenfunktionäre die Ausstellungskonzeption kaum verändern können. Zur Stiftung gehört ein wissenschaftlicher Beirat, der den Korrekturwünschen von BdV und CSU wenig abgewinnen kann; um den Unionskandidaten für den Direktorenposten zu verhindern, hatte der Beirat im Frühjahr sogar mit Rücktritt gedroht. Auch der neue Stiftungsdirektor Roland Borchers gilt nicht als Bilderstürmer. Er ist so vorsichtig, dass er sich zum Streit um seine Ausstellung gar nicht äußern möchte.
Und doch steigt der Druck auf ihn und die Stiftung. In den Reihen der Vertriebenengruppe der Unionsfraktion wird darauf hingewiesen, dass überall im Bundeshaushalt gekürzt werden müsse. Eine Institution, die jährlich mehr als acht Millionen Euro erhalte, müsse da schon deutlich machen, dass sie jeden Cent wert sei. CDU-Mann Willsch erinnert daran, dass eine Allensbach-Umfrage vor elf Jahren identifiziert habe, was „in der Bevölkerung gewünscht“ werde: Flucht und Vertreibung der Deutschen als „Schwerpunkt“ – die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Migrationsgeschichte Europas als „Kontext“. Bisher verlässt der Besucher die Berliner Dauerausstellung eher mit dem Eindruck, der Kontext stelle den Schwerpunkt in den Schatten.
