
Vor vier Jahren hatte ich tatsächlich ausschließlich geplant, ein größeres Büro in der Rosenstraße als freundliche Berliner Dependance anzumieten. Dass daraus eine Verlagerung des Hauptsitzes wird, hat sich erst ergeben durch die massiven Bewegungen des Buchmarktes und die überaus positiven Erfahrungen mit dem Berliner Büro – und auch erst in den letzten Monaten. In den Jahren seit 2022 haben sich der Buchmarkt und auch unsere Haltung zum Umzug verändert.
In welche Richtung? Allein der Drang nach Osten wird es ja nicht sein.
Berlin war nicht der Anfang der Überlegungen. Am Anfang stand die Überzeugung, dass es eine grundlegende Veränderung braucht, um gut aufgestellt zu sein für die rasanten Marktentwicklungen. Die Atmosphäre, die wir in der Rosenstraße in den letzten drei Jahren gemeinsam geschaffen haben, setzt sehr spürbar neue Energie frei. Das liegt sicher nicht nur an der Stadt Berlin, aber auch. Bestimmt kommt die Energie auch von der Veränderung, die wir alle dort auf uns genommen haben. In einer Zeit von mobiler Arbeit, in der nicht alle jeden Tag im Büro sind, sind Verlagsräume nicht mehr bloß ein Arbeitsplatz, sondern in unserer Vorstellung auch ein Begegnungsort – für uns mit unseren Autorinnen, aber auch für unsere Autorinnen mit dem Literaturbetrieb und mit Leserinnen. Und darüber hinaus ist das Berliner Büro auch ein Veranstaltungsort geworden. Die Rosenstraße hat das Netzwerk im Kulturleben verbessert. Wir sind da und spüren das. Wir haben dort inzwischen bestimmt dreißig Veranstaltungen für Presse und Buchhandel gemacht. Unser Theaterverlag hatte große Veranstaltungen mit seinen Autorinnen und Dramaturgen und Regisseurinnen dort. Vor ein paar Wochen haben sich an einem Wochenende dreißig russische Autoren in unserem Konferenzraum getroffen, der dafür eigentlich viel zu klein ist, und den „PEN Sprachen Russlands“ gegründet. Das Verlagsgeschäft beruht auf Begegnungen und Gesprächen, da schafft die Präsenz in Berlin Möglichkeiten.
Nun hat Frankfurt die Buchmesse, den Flughafen, eine stärkere ökonomische Basis. Zählt das alles gegenüber der atmosphärischen Verbesserung nicht?
Die Veränderungen im Markt sind so gravierend, dass wir darauf reagieren müssen. Die aktuelle Marktentwicklung, KI und weitere Zukunftstrends setzen uns und alle Buchverlage sehr unter Druck. Wir müssen und wollen darauf reagieren, und nicht nur mit atmosphärischen Verbesserungen. Ich habe ja selbst lange und sehr gern in Frankfurt gelebt und gearbeitet und habe die Stadt immer als sehr lebendig und weltoffen erlebt. Unsere Entscheidung hat, so paradox es klingen mag, mit Frankfurt gar nichts zu tun.
Was hat denn Berlin mit KI zu tun? Müssten Sie dann nicht eher ins Silicon Valley?
Ins Silicon Valley wollen wir sicher nicht. Der Buchmarkt wird von einer extremen Marktkonzentration und rein algorithmengesteuerten Titel-Zuspitzungen beherrscht. Das traditionelle bürgerliche System aus Großkritiker-Feuilleton, klassischen Verlagen als geistigen Zentren und dem beratenden Sortimentsbuchhandel bricht unaufhaltsam weg. Es findet ein Übergang hin zu einem plattformgesteuerten Aufmerksamkeitsmarkt statt, in dem die Ökonomie der Plattformen sich die Kultur einverleibt hat. Das passiert nicht erst seit gestern, natürlich nicht. Aber es beschleunigt sich. An die Stelle des belesenen Buchhändlers tritt immer mehr eine von Algorithmen gelenkte, flächendeckende Fokussierung auf ganz wenige Spitzentitel, was zu einer digitalen Monokultur führt. Das bildungsbürgerliche Publikum schwindet, die Lesekompetenz sinkt, und die absichernde Backlist verliert an Kraft. Das sind große Herausforderungen für Publikumsverlage wie Fischer. Und was verschärfend dazu kommt: In weiten Teilen des Literaturbetriebs herrscht der lähmende Aberglaube: „Das mit der Literatur ist vorbei.“ Ich glaube das nicht. Ich nehme an, auch die Kollegen bei Hanser und Suhrkamp, bei Droschl, Matthes & Seitz oder Voland & Quist und im Verbrecher Verlag glauben das nicht. Aber kulturpessimistische Behauptungen dieser Art entwickeln eine gewisse Überzeugungskraft und verwandeln sich ungeprüft in Realität. Verlage wie die genannten (und andere) treten dem mit ihren Programmen entgegen. Sicher der beste Weg, die Kräfte zu bündeln.
Verbindet sich Ihr Umzug auch mit der Erwartung einer Personalreduktion, wie es vor sechzehn Jahren bei Suhrkamp der Fall war, als dieser Verlag von Frankfurt nach Berlin umzog?
Es handelt sich ausdrücklich nicht um ein Sparprogramm und nicht um eine Maßnahme mit dem Ziel eines Personalabbaus. Der Umzug nach Berlin versteht sich als Investition, um den Büchern maximale Sichtbarkeit und gesellschaftliche Resonanz zu verschaffen. Wir sind uns bewusst, dass die Entscheidung für viele Kolleginnen und Kollegen eine große persönliche Belastung darstellt. Aber wir hoffen, dass möglichst viele mitkommen werden, und werben dafür. Mit dem Betriebsrat werden wir beraten, wie wir Kolleginnen und Kollegen beim Umzug unterstützen können. Worum es uns geht, ist etwas anderes: Wir hatten das Glück, in den letzten Jahren den Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf veröffentlichen zu dürfen oder die enorm erfolgreichen Bücher von Trude Teige und von Florian Illies. László Krasznahorkai wurde mit dem Nobelpreis für Literatur, Katerina Poladjan mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Es geht uns gut, aber die Margen im Buchmarkt werden zusehends enger, und wir müssen handeln. Wir wollen unser breites Programm von Unterhaltung über Literatur bis Wissenschaft so weiterführen können wie bisher. Wir, also meine beiden Kolleginnen in der Geschäftsführung, Christina Dohmann und Nicole Geismann, und ich sind davon überzeugt, dass stetiger Wandel eine Anforderung sein wird, die auch noch lange nach dem Umzug gilt. Dafür ist Berlin ein guter Ort, der uns immer wieder herausfordern wird und an dem wichtige Entwicklungen sich ein wenig früher abzeichnen als anderswo.
Bleibt irgendetwas von S. Fischer in Frankfurt – außer den schönen Erinnerungen an die Messefeste in der Hedderichstraße und das dortige Verlagsgebäude? Und werden Sie das verkaufen?
Frankfurt bleibt als Standort erhalten. Fischer zieht nicht sofort und auf einen Schlag um. Wir verlagern den Unternehmenssitz vom Sommer 2027 an Schritt für Schritt nach Berlin. Die verlegerischen und marktnahen Bereiche – insbesondere Geschäftsführung, Vertrieb, Marketing, Presse und Veranstaltungen – sollen schrittweise nach Berlin gehen. Die Programmleitungen sind schon dort. Die kaufmännischen Bereiche und auch Teile des Lektorats bleiben in Frankfurt. Wir werden hier nach neuen Räumen suchen und sie dauerhaft anmieten. Der Verlag bleibt über das Büro in Frankfurt, das wir behalten werden, weiterhin fest in der Stadt verwurzelt.
Über wie viele derzeit noch in Frankfurt agierende Fischer-Arbeitskräfte reden wir? Und welche Zahl streben Sie für den Verlag in Berlin an?
Fischer hat insgesamt etwa 150 Mitarbeitende. Das beinhaltet diejenigen, die bereits in Berlin sind, und auch diejenigen, die standortunabhängig arbeiten wie unsere Vertreter oder Key Account Manager. In Frankfurt arbeiten zurzeit ungefähr 115 Menschen, wir schätzen, dass 2028 vielleicht noch etwa vierzig Menschen dort arbeiten werden.
Wo werden Sie in Berlin residieren? Das Haus in der Rosenstraße dürfte für den Gesamtverlag ja zu klein sein. Gibt es wie bei Suhrkamp „Starthilfe“ durch die Stadt?
Die Stadt Berlin weiß noch nicht, dass wir kommen. Es gibt also keine Starthilfe. Und neue Räume schauen wir uns jetzt an. Geplant ist, dass wir zusammen mit Argon, dem Hörbuchverlag, in eine Immobilie ziehen. Beide Verlage werden dort künftig eigenständig und jeweils klar erkennbar getrennt bleiben, gleichzeitig aber von kurzen Wegen profitieren.
Der Verlag S. Fischer wurde vor 140 Jahren in Berlin gegründet, also kann man von einer Heimkehr sprechen. Aber fast achtzig Jahre lang war er nun in Frankfurt ansässig. Was bedeuten Ihnen beide Traditionen?
Natürlich machen in erster Linie die Autorinnen und Autoren, Mitarbeitende und die Haltung, die sich im Programm wie auch in der Backlist zeigt, einen Verlag aus. S. Fischer wurde in Berlin gegründet, und wir beziehen uns sehr gern auf unsere Geschichte. Der Schritt versteht sich also durchaus auch als Rückkehr nach Berlin im Geiste von Samuel Fischer, um dem Markt wieder mit dem unternehmerischen Mut zu begegnen, der diesen großen Verleger ausgezeichnet hat. Aber S. Fischers Ort war immer wieder und mit Gründen in verschiedenen Städten, sogar in verschiedenen Ländern. Nach Berlin, in Wien, Stockholm, New York und schließlich nach dem Krieg in Amsterdam und Frankfurt. Der Verlag musste sich immer wieder verändern, er musste sich immer wieder neu erfinden, um sich gleich zu bleiben. Das tun wir jetzt wieder. Der Umzug hilft uns dabei.
