William Turner, Auguste Renoir, Raoul Dufy oder Pablo Picasso haben sich schon an der ältesten Brücke von Paris malend abgearbeitet, fasziniert von ihrer mächtigen Architektur, ihren Mascaron-Fratzenköpfen oder Straßenlaternen. Als die Pioniere der Umweltkunst Christo und Jeanne-Claude 1985 den Pont Neuf mit je nach Lichteinwirkung sandgelb oder goldfarben schillernden Stoffbahnen glattweg einhüllten – das Bauwerk verbargen, um es paradoxerweise zu offenbaren –, wurde das radikale Projekt längst nicht einhellig befürwortet. Erst als die Pariser mit eigenen Augen sahen, wie elegant das Textilgewebe und die ausgefeilte Seilverschnürung die Linien ihrer erhabenen Brücke hervorhoben, verstummten auch kritische Stimmen, zu denen der damalige Bürgermeister Jacques Chirac gehörte. Die Begehung blieb eine unvergessliche Erfahrung.
Einundvierzig Jahre später wagt sich wieder ein zeitgenössischer Künstler an den vierhundert Jahre alten Pont Neuf, der die rive droite beim Kaufhaus Samaritaine über die Île de la Cité hinweg mit der rive gauche bei Saint-Germain verbindet. Das temporäre Kunstprojekt „La caverne du Pont Neuf“ des Fotografen und Streetart-Künstlers JR versteht sich im Einverständnis mit der Christo and Jeanne-Claude Foundation als Hommage. Der nur unter seinen Namensinitialen auftretende Dreiundvierzigjährige verwandelte den Pont Neuf in den vergangenen Wochen in eine monumentale Höhle, die vor zwei Wochen vom Sturm stark beschädigt wurde und nun nach der Reparatur als eine immersive Erlebniswelt rund um die Uhr begehbar ist. Kritik gab es diesmal keine. Die Stadtregierung unterstützt das Projekt, denn es kommt ohne Subventionen aus und bringt internationale Resonanz für die ‚Marke‘ Paris, die Medien feiern es einstimmig, während die Pariser sich resigniert damit abgefunden haben, dass ihre Innenstadt zum verkehrsberuhigten Fotosetting für Touristen geworden ist, das man lieber meidet.
Das „Kunstwerk“ besteht vor allem aus viel Luft und sphärischer Musik
JRs Installation hebt nicht das Bauwerk als solches hervor. Der Pont Neuf wird vielmehr zum zentral gelegenen Support einer Luft-aufgeblasenen Stoffkonstruktion in Weiß, Schwarz und verschiedenen Grautönen. Die Struktur im Trompe-l’Œil-Stil, die wie ein zerklüftetes Felsengebirge wirken soll, ist 120 Meter lang und bis zu 18 Meter hoch. Aus einiger Entfernung denkt man jedoch eher an einen dieser durch Umweltverschmutzung ergrauten Eisberge der Arktis, der wie ein verirrter Wal mitten in Paris gestrandet wäre. Die Struktur erscheint als Fremdkörper im Umfeld der Seine-Brücke mit den mächtigen Kaimauern, dem mittelalterlichen Justizpalast und dem Gebäude des Samaritaine-Kaufhauses, in dem der unvermeidliche Souvenir-Shop für „Höhlen“-Mitbringsel untergebracht wurde. Im Hintergrund liegt stoisch der Louvre, und der Eiffelturm zeigt seine immer bildwirksame Silhouette.

Subversiv wie das Christo-Projekt ist JRs Felsenhöhle nicht. Sie führt eine visuelle Trompe-l’Œil-Idee weiter, die der französische Künstler schon 2019 an der Pyramide des Louvre und 2023 an der Fassade der Pariser Oper angedacht hatte. Seit Langem interessiere er sich für das Thema der Höhle, das uns mit der Geschichte der Menschheit verbinde, erklärt der Künstler. Beim Durchqueren der „Caverne“ wird der Besucher von einem Soundtrack des Daft-Punk-Musikers Thomas Bangalter begleitet. Zugleich soll die Begehung zu einem Erlebnis mit Augmented Reality werden. Über den Bildschirm des Smartphones besehen, werden die Wände lebendig. Visuelle Effekte, die von Étienne-Jules Mareys Forschungen zur Chronofotografie inspiriert wurden, und eine interaktive Technologie werden laut JR „ein immersives, emotionales und partizipatives Erlebnis“ ermöglichen.
Die Medienresonanz ist schon jetzt erheblich. Ab jetzt kommt noch die Bilderflut der die Kaverne durchquerenden Besucher hinzu. Zwischen Christos und JRs Projekten liegen mehr als vierzig Jahre und der Weg hin zu Kunst, die via Bildschirm erfahren wird. Das Werk muss nicht mehr unmittelbar wahrgenommen werden, sondern wird fotografierend gesehen und durch Zwischeninstanzen wie den Screen mit Augmented Reality vermittelt. Dafür könnte man eigentlich auch zu Hause am Bildschirm bleiben.
