Ferdinand Hodler, Albert Anker, Félix Vallotton, Cuno Amiet, Giovanni Giacometti: Die Ankündigung zu Kollers Auktion mit Schweizer Kunst, die am 26. Juni in Zürich stattfindet, liest sich wie das Who’s who der eidgenössischen Kunst – und ist hochkarätig wie selten. Vier der 107 offerierten Lose sollen laut Schätzung die Millionengrenze überschreiten, angeführt von Ferdinand Hodlers Spätwerk „Sonnenuntergang am Genfersee von Caux aus“ mit einer Taxe von drei bis 4,5 Millionen Franken. Auf dem beeindruckenden Ölgemälde, angefertigt nur wenige Monate vor dem Tod des Künstlers, verschmelzen Wasser und Himmel im farbenfrohen Sonnenuntergang zu einem expressiven Beispiel von Hodlers sogenannter „planetarischer Landschaft“.
So nah und doch so fern
Auch Giovanni Giacometti räumt dem Lichtschauspiel am Himmel in seinem späten Bild „Mattino d’estate a Maloggia“ eine zentrale Rolle ein; die Silhouetten der im Vordergrund auf die Weide getriebenen Kuhherde gleichen vor der aufgehenden Sonne und dem in Nebel gehüllten Bergpanorama einem ornamentalen Fries (Taxe 200.000 bis 300.000 Franken). Auf das Wesentliche reduziert und doch geheimnisvoll unnahbar erscheint Félix Vallottons berühmter Rückenakt „Femme nue couchée de dos“, den der Künstler 1897 auf Karton bannte. Geschickt verbindet Vallotton hier die voyeuristische Neigung des Betrachters zwischen Gezeigtem und Verborgenem (700.000/1,2 Millionen).

Neben Hodler ist Albert Anker der Star der Offerte. Seine beiden Bildnisse „Der kleine Bruder“ und „Schreibunterricht II“ zeigen das Lieblingssujet des Malers – Kinder, mal konzentriert beim Schreiben (600.000/900.000), mal neugierig und beschützend beim ausgelassenen Spiel (1,5/2,5 Millionen).

Eine Seltenheit im Katalog sind die beiden Schweizer Künstler Paul Camenisch und Hermann Scherer, die beide der 1924 von ihnen gegründeten Künstlergruppe Rot-Blau angehörten. Von Camenisch kam zuletzt 2017 ein Werk bei Koller zum Aufruf; bei der angebotenen „Herbstlandschaft Mendrisiotto“ von 1925 verschwimmt die dargestellte Szenerie in Rot- und Rosatönen zu einer flächigen und strukturierten Komposition, die einer Sinnestäuschung gleicht. Und Hermann Scherers Ölbild „Zwei Frauen mit zwei Kindern“ orientiert sich in Stil und Farbgebung deutlich an Davoser Werken von Ernst Ludwig Kirchner, mit dem er in dieser Zeit in engem Austausch stand (je 80.000/120.000).
Highlights des Impressionismus
Am selben Tag auktioniert Koller auch Werke des Impressionismus und der Moderne – und ist damit eines der wenigen Auktionshäuser, das seine Highlights nicht separat im „Evening Sale“ vorab anbietet. Preislich angeführt werden die 104 Lose von Paul Signacs lichtdurchfluteter, pointillistischer Vedute von Venedig: „La Salute (Venise)“ malte Signac 1906; 1913 wurde das Bild vom Pariser Kunsthändler und Cousin der Brüder Bernheim Jos Hessel, der viele Jahre die Galerie Bernheim-Jeune geleitet hat, an einen deutschen Sammler verkauft und verblieb mehr als 110 Jahre in Familienbesitz. Nun kommt es mit einer Taxe von zwei bis drei Millionen Franken zum Aufruf.

Auch Pierre-Auguste Renoirs Mädchenporträt „Jeune fille lisant“, um 1890 entstanden, befand sich einst im Besitz der Galerie Bernheim-Jeune und ist Teil der Rückbesinnung Renoirs auf seine weiche, helle Malweise, die so prägend für seinen Stil war (900.000/1,4 Millionen). René Magritte porträtierte etwa um 1950 seine Nichte Arlette vorm strahlend blauen Meer, das nahtlos in einen wolkenbehangenen Himmel übergeht. Wie in zahlreichen anderen seiner Werke tauchen auch hier Magrittes beliebte Bilboquet-Figuren, die ursprünglich aus einem Geschicklichkeitsspiel für Kinder stammen, in überdimensionaler Form im Hintergrund auf (1,1/1,6 Millionen).
Schmetterlingseffekt mit Damien Hirst
Bei den Zeitgenossen am 25. Juni übertrumpfen zwei Wimmelbilder der besonderen Art das Angebot: Damien Hirst versammelt Hunderte echter Schmetterlingsflügel und formatiert sie streng symmetrisch unter glänzendem Lack zu einem gleichschenkligen Dreieck. Die monumentale Arbeit misst 158 mal 183 Zentimeter und ist mit einer Erwartung von 400.000 bis 600.000 Franken das teuerste Los unter den 156 angebotenen.
Auch bei Richard Prince wimmelt es: Auf der zweitteiligen und deutlich größeren Leinwand tummeln sich im Hintergrund unzählige männliche Gesichter aus Fotografien der kanadisch-amerikanischen Musikgruppe The Band; sie verschwinden teils unter weißer Farbe, mit der Prince sein „Untitled (The Band 2)“ übermalt hat, teils unter einem Textblock in der Mitte des Werks, auf dem sich ein frauenfeindlicher Witz in scheinbarer Endlosschleife wiederholt (300.000/400.000).
