
Die aus Interviews und Fernsehsendungen zitierten Aussagen, die den Premierengästen beim Einnehmen ihrer Plätze in Endlosschleife vom Band vorgespielt werden, führen mitten ins Thema: Eine schiefe Nase könne „mit wenigen Nadelstichen“ korrigiert werden, heißt es da, und „Attraktivität macht erfolgreich“. Die Regisseurin Katharina Kastening setzt Händels Oratorium „Der Triumph von Zeit und Erkenntnis“ als Frankfurter Erstaufführung und Produktion der Oper im Bockenheimer Depot als zeitgenössisches Stück um Schönheitswahn und Selbstoptimierung in Szene. Sie zeigt dabei die abstoßenden Seiten von Schönheitsoperationen.
Das geht erstaunlich gut mit der Musik Händels zusammen. Denn der zur Uraufführung in Rom 1707 erst 22 Jahre alte Komponist schrieb zur Zeit des päpstlichen Opernverbots auf das handlungsfreie Libretto des Kardinals Benedetto Pamphilj eine emotionsgeladene Musik, in der die Affekte Wut, Trauer und vor allem auch Schmerz dominieren. Das bringt das in seiner Spezialisten-Besetzung mit Streichern und wenigen Holzbläsern auf historischen Instrumenten spielende Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Kapellmeister Simone Di Felice in aller Plastizität heraus, in vielen Soli virtuos konzertierend.
Die oft kritisierte Diskrepanz zwischen dem Bemühen um Historizität im Orchester und der Modernisierung im Szenischen ist in diesem Fall überbrückt. Denn Kastenings Inszenierung hat etwas Stilisiertes, insofern Barockes an sich. Die britische Regisseurin bringt den Geist der Epoche näher, als es mit Reifrock und Puderperücke je gelingen könnte. Dazu bekommen die vier Figuren, die rein oratorisch-statisch in ein Streitgespräch treten, etwas Menschliches und behalten doch typisiert allegorische Züge. Anschaulich reden so Zeit (Tempo), Erkenntnis (Disinganno) und Vergnügen (Piacere) auf die Schönheit (Bellezza) ein, bis sich das Vergnügen am Ende geschlagen geben muss.
Ein großer Spiegel als zentrales Sinnbild
Mit ihrer reichen Bebilderung vergrößert Kastening das Interesse an Musik und Text. Wer die Übertitel mitverfolgt, sieht die Verse teils drastisch, aber nicht konterkarierend, höchstens dialektisch in Szene gesetzt. So verhält es sich, wenn etwa das Vergnügen die narkotisierte Schönheit blutig auf dem Operationstisch behandelt und dabei singt „Schlaf und träum was Schönes“. Und erst recht, wenn Bellezza erwacht und zu einem schmerzlichen Lamento Händels beklagen muss: „Ich hatte gehofft, in meinem neuen Spiegelbild Erfüllung zu finden.“
Ein großer konvexer Spiegel schwebt als zentrales Element und Sinnbild – weniger der Eitelkeit als der mangelnden Selbstsicherheit – über dem im Grundaufbau schlichten Bühnenbild von Ashley Martin-Davis. Auch dieses steht bei aller Modernität samt Videoprojektionen (Tal Rosner) und Bühnenzauber dem Barock im Geiste nicht fern. Gleiches gilt für die ebenfalls von Martin-Davis entworfenen Kostüme.
Die Zeit ist ein Untoter
Die krasseste Erscheinung ist da Katharina Magiera als Erkenntnis mit Implantaten in einer Art Fatsuit bei betonter Hüfte, zunächst in einem schicken, weißen Prolo-Outfit im Stil von Cindy aus Marzahn. Die schockierende Wahrheit unter der Oberfläche sieht anders aus: Narben, nicht ausgeheilte Wunden, geschundene Kopfhaut unter der falschen Haarpracht. Magiera ist mit ihrem darstellerischen Mut und ihrem dunklen Contralto eine Idealbesetzung für diese im doppelten Sinne in die Tiefe gehende Partie.
Ihr Ensemblekollege Michael Porter fügt sich mit seinem schlanken Tenor in das in allen Konstellationen exzellent harmonierende Ensemble. Die Zeit, die er verkörpert, erscheint dabei keineswegs als Sympathieträger. Eher wie ein Untoter nach Nosferatu-Art spielt die Zeit Bellezza übel mit, stößt sie herum und weist sie in ihrer Jugend immer wieder auf Verfall und Vergänglichkeit hin.
Dagegen ist das Vergnügen in Gestalt der koreanischen Sopranistin Younji Yi aus dem Frankfurter Opernstudio natürlich verlockend. Yi gewinnt ihrer Rolle teils auch komische Seiten ab und stöckelt so herum, dass es passend stilisiert und zugleich so aussieht, als sei sie auf Shoppingtour. Dazu bewältigt sie aberwitzige Koloraturen oder singt die Arie „Lascia la spino“ mit schlichter Ausdruckskraft.
Wie Bellezza tiefenpsychologisch zwischen Es (Vergnügen) und Über-Ich (Erkenntnis) zerrissen wird, bringt Ensemblemitglied Monika Buczkowska-Ward stark heraus, in rasenden Koloraturen wie in lyrischer Innerlichkeit. Gegen Ende kommt es zu einer anrührenden pantomimischen Begegnung der jungen Bellezza mit ihrem alten Alter Ego (Statistin Inge Mathes), das im Hintergrund den eigenen Leidensweg stumm verfolgt hat. Sehr sehenswert und als hauseigenes Gesangsfeuerwerk vor allem überaus hörenswert.
Der Triumph von Zeit und Erkenntnis, Bockenheimer Depot, weitere Vorstellungen am 15., 17., 18., 20., 22. und 24. Juni.
