Am Ende eines langen Tages stellt Holger Hasse eine kurze Frage: „Was ist eigentlich aufregender als eine neue Chipfabrik zu bauen?“ Ein ernster Blick, ein Moment des Schweigens, dann schmunzelt er und schiebt die Antwort nach: „Diese Fabrik selbst auch in Betrieb zu nehmen“. Er muss es wissen. Er hat das eine getan und packt das andere nun an. Anfang Juli geht im Dresdner Norden beim deutschen Chiphersteller Infineon eines der größten Halbleiterwerke Europas an den Start – und Hasse steht vor einer neuen Etappe.
Fast drei Jahre lang hatte er mit seiner Mannschaft von bis zu zweitausend Arbeitern auf einer Fläche von vier Fußballfeldern eine zwanzig Meter tiefe Grube in das harte Granitgestein graben lassen. Ihre Ränder wurden mit anderthalbtausend tonnenschweren Pfeilern gestützt und ihr Boden durch eine zwei Meter dicke Betonplatte verstärkt. Eine feste Basis. Auf der erhebt sich nun die neueste Chipfabrik des Münchner Halbleiterkonzerns. Seine vierte Produktionsstätte in Dresden und ein weiterer Knotenpunkt in seinem globalen Netz von Fabriken.
Seit mehr als dreißig Jahren sind die Münchner schon in Dresden tätig. Die neue Fabrik ist die größte Einzelinvestition in der bisherigen Geschichte des gesamten Konzerns. Sie ist eine der modernsten und wohl auch schönsten ihrer Art. „Das ist gewollt“, sagt Hasse und führt dann ins Innere des riesigen Baus. Weitläufige Hallen, hohe Decken, weiße Wände. Das neue Werk ist nahtlos in den Komplex der drei älteren Dresdner Infineon-Betriebe eingefügt. Alles ist mit allem verbunden und vernetzt durch lange Gänge, Schienenwege, schnurgerade Draht-, Kabel- und Versorgungsschächte.
Ungewöhnlicher Bau spart Platz und Ressourcen
Die neue Fabrik ist geprägt von drei Etagen voller mannshoher Anlagen für Belüftung, Wasser und Strom sowie zwei übereinanderliegende ballsaalgroße Reinraumhallen. „Es ist etwas ungewöhnlich, diese beiden Hallen übereinanderzulegen, aber das spart Platz und Ressourcen“, sagt Hasse. Und nicht nur das. In beiden Hallen ist nicht nur die Luft sauberer als in einem OP-Saal, in beiden Hallen werden über die kommenden Monate auch Maschinen im Wert von drei Milliarden Euro installiert. Während sich draußen die Kräne drehen, werden drinnen die ersten Anlagen montiert.

Infineons „Smart Power Fab“ steht vor der Vollendung. Eine Fabrik zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Nachfrage nach Chips ist derzeit gewaltig; und Europa ringt um technologische Souveränität. Dresden ist der wichtigste Halbleitercluster und Infineon einer der drei großen Chiphersteller Europas. Aus Dresden stammt jeder dritte auf dem Kontinent hergestellte Chip; Infineon ist einer der Marktführer in wichtigen Bereichen. Dresden zog seit 2021 Investitionen von mehr als 16 Milliarden Euro an; Infineon legte mit seiner neuen Großfabrik ein kleines Kunststück hin.
Sie ist eine der größten, am schnellsten gebauten und teuersten Fabriken in der Geschichte des Unternehmens. Ein fünf Milliarden Euro schweres Investment mit einer Milliarde Euro an staatlicher Beihilfe. Tausend neue Jobs für Milliarden neuer Chips. Nach knapp drei Jahren wird der Fabrikbau zehn Wochen vor dem eigentlichen Termin fertig. „Straffe Planung, harte Arbeit“, sagt Holger Hasse nur. Mit der zusätzlichen Fertigungsstrecke kann das Unternehmen seine Produktion nun zu einer Zeit weiter hochfahren, in der Halbleiter so nachgefragt sind wie noch nie.
In zweieinhalb Jahren vier Billionen Dollar für Rechenzentren geplant
Nach Angaben der amerikanischen Semiconductor Industry Association SIA und des Beratungshauses Deloitte werden über die kommenden zweieinhalb Jahre in aller Welt rund 4000 Milliarden Dollar in den Aufbau von KI-Rechenzentren investiert. Davon fließen bis zu 2800 Milliarden Dollar allein in elektronische Halbleiterbausteine. Kein Wunder: In einem einzigen KI-Netzwerkrechner stecken bis zu 20.000 verschiedene Chips – Prozessoren und Speicher, in Sensoren, Verbindungs- und Leistungshalbleiter, wie sie Infineon herstellt.

Kaum jemand hatte diesen Nachfrageboom kommen sehen. Alle wollen mitmachen. Infineon zeigt sich gut gerüstet. In den letzten fünf Jahren hat es all seine Standorte modernisiert, hat Betriebe und Werke erweitert, neue Fabriken im malaysischen Kulim, im österreichischen Villach und im sächsischen Dresden gebaut. Lieferte es seine Chips zur Steuerung und Schaltung elektrischer Ströme bislang vor allem an klassische Industrien wie Auto- und Maschinenbau, stehen nun auch riesige Rechenzentren auf der Kundenliste – und deren Nachfrage steigt und steigt.
Kein Wunder also, wenn Infineon-Vorstand Andreas Urschitz vor einigen Tagen schon im Gespräch erklärt hatte: „Dresden ist für uns eine Punktlandung.“ Mit der Fabrik kämen just zu einer Zeit neue Kapazitäten auf den Markt, in der der Nachfrageboom eher stärker als schwächer werde. Die neue Fabrik sei ein Leuchtturm für Deutschland, erklärt auch Alexander Gorski. Der für das Tagesgeschäft zuständige Infineon-Vorstand sagt, Dresden zeige, dass Megaprojekte auch hierzulande schnell und entschlossen umzusetzen seien.
Die Infineon-Aktie ist durch die Pläne im Aufwind
„Ist die Fertigung in unserer neuen Smart Power Fab erst einmal voll hochgefahren“, sagt Gorski im Gespräch mit Journalisten in den Räumen der neuen Fab weiter, „hat sie ein Umsatzpotential von fünf Milliarden Euro im Jahr.“ Das entspricht einem Drittel des heutigen Jahreserlöses des Konzerns. An der Börse kommen diese Aussichten gut an. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs der Infineon-Aktie auf rund 75 Euro mehr als verdoppelt. Der Marktwert pendelt nun um die 100 Milliarden Euro. Analysten blicken nach wie vor mit hohen Erwartungen nach vorn.
„Durch den KI-Boom und die neue Fab können wir um einiges aggressiver wachsen, als das vor vielleicht vier Jahren auch nur vorstellbar war“, sagt der alte Dresdner Bau- und der neue Produktionschef Holger Hasse. Und wie ist das nun mit der Fassade in Form einer Festung? „Die neue Fabrik steht zwar am Rande der Stadt, aber sie steht nicht wie die vielen anderen Dresdner Chipfabriken in einem reinen Industriegebiet. Und sie ist auch von der Innenstadt aus gut zu sehen.“ Das habe Auflagen von Städte- und Landschaftsplanern nach sich gezogen.
Ein schmuckloser und schuhkartongleicher Neubau, wie sonst für Fabriken in der Chipindustrie üblich, sagt Hasse, sei da nicht infrage gekommen. Zumindest nicht für die der Stadt zugewandte Seite der Fassade. Deren Form und Gestalt sind an das Aussehen der Festung Königstein angelehnt. Eine jahrhundertealte Wehranlage auf einem Felsplateau am bewaldeten Elbhang vor den Toren der Stadt. Sie ist weithin sichtbar und eines der Wahrzeichen Sachsens – so wie vielleicht auch bald die neue Infineon-Fabrik.
