„Es liegt auf der Hand“, stellte der Hamburger Unternehmer Adolph Woermann 1879 in einem Vortrag vor der Geographischen Gesellschaft seiner Heimatstadt selbstbewusst fest, „dass in Afrika zwei große ungehobene Schätze sind: Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Arbeitskraft vieler Millionen Neger. Wer diese Schätze zu heben versteht, und es kommt nur auf die richtigen Leute dabei an, der wird nicht nur viel Geld verdienen, sondern auch gleichzeitig eine grosse Kulturmission erfüllen.“ Diese Kulturmission verband Woermann eng mit der „Erziehung zur Arbeit“: „Dem Neger West-Afrika’s den Segen der Arbeit zu bringen, das sollte der Kernpunkt aller Bestrebungen sein.“
Ihre Arbeitstätigkeit in den deutschen Kolonien empfanden viele Einheimische dann in der Regel allerdings selten als Segen, sondern vor allem als Ausbeutung und Zwang. Auf den Sisal- und Baumwollplantagen in Deutsch-Ostafrika etwa installierten die Deutschen ein harsches Arbeitssystem. Um den enormen Bedarf an Arbeitskräften zu decken, erhob die Verwaltung eine Kopfsteuer. Dies bedeutete für viele Einheimische eine gewaltige Steuerschuld – und führte immer mehr von ihnen in die Zwangsarbeit, während ihre eigenen Felder brach lagen. Die toxische Mischung aus Arbeitszwang, Unterdrückung und hoher Abgabenlast war der Hauptauslöser für den Maji-Maji-Krieg, der von 1905 bis 1907 in der Kolonie tobte. Am Ende hatten fast dreihunderttausend Einheimische ihr Leben gelassen, die Mehrheit von ihnen durch Hunger als Folge der Zerstörung ihrer Felder und Dörfer.
Arbeit brauchte lokale Vermittler
Die deutsche Kolonialgeschichte ist gespickt mit Beispielen dafür, dass afrikanische Arbeiter sich auf Plantagen oder bei Infrastrukturbauten buchstäblich zu Tode schuften mussten. Ein weiteres viel bearbeitetes Exempel dafür sind die Großplantagen am Kamerunberg, wo die in der Regel zwangsrekrutieren Arbeiter, die Kaffee, Kakao und Bananen für den Export ins Deutsche Reich anbauten, wie die Fliegen starben oder massenhaft die Flucht suchten. Allerdings geht koloniale Arbeit nicht in Terror und Gewalt auf, waren Einheimische nicht nur hilflose Opfer einer übermächtigen Fremdherrschaft. Im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert fand sich in zahlreichen Regionen des deutschen Kolonialreichs vielmehr eine große Variabilität von Arbeitsformen und -beziehungen, die zum Teil durchaus auf Zwang, aber ebenso auf lokalen Formen der Arbeitskräftemobilisierung oder Lohnarbeit beruhten.

Die Rolle lokaler Akteure auf kolonialen Arbeitsmärkten wird in der Historiographie derzeit neu vermessen, etwa am Beispiel jener Afrikaner, die als Handelsvertreter kolonialer Unternehmen beschäftigt waren. In dieser Funktion tätigten sie, wie Tristan Oestermann in seiner Doktorarbeit zu „Kautschuk und Arbeit in Kamerun“ (Böhlau Verlag, 2023) gezeigt hat, im Namen ihrer Arbeitgeber Geschäfte mit der einheimischen Bevölkerung und suchten zugleich diese Vermittlerposition zu nutzen, um sich persönlich zu bereichern und gesellschaftlichen Einfluss zu erlangen.
Die Geschichte dieser ökonomischen Mittler verweist auf die Abhängigkeit nicht allein des kolonialen Staates, sondern auch europäischer Unternehmer und Kaufleute von afrikanischen Mitarbeitern und Mittelsmännern. Vor diesem Hintergrund wird die Verbindung von Unternehmens- und Arbeitsgeschichte von einer jüngeren Generation von Historikern des deutschen Kolonialismus als Weg gesehen, ein differenziertes Bild kolonialer Herrschaft zu zeichnen, das Spielräume der Kolonisierten benennt, ohne Gewalt, Rassismus und Ausbeutung zu verharmlosen. Mona Rudolph (Kiel) und Nina Kleinöder (Bamberg) haben jetzt im „Journal of Imperial and Commonwealth History“ (Band 54, Heft 1, 2026) Aufsätze zum Thema „Business and Labour in German Colonialism“ versammelt. Das Thema steht für eine vorsichtige Distanzierung vom Cultural Turn und vom Fokus auf erinnerungspolitische Fragen und gestohlene Objekte, die zuletzt zumindest hierzulande die Teildisziplin Kolonialgeschichte prägten.
Handelsgeschichte überwindet Grenzen
In ihrem einleitenden Essay vermessen die beiden Herausgeberinnen den Gang der Geschichtsschreibung zum deutschen Kolonialismus. Dabei identifizieren sie „Arbeit“ als eine zentrale, verbindende Kategorie, die volkswirtschaftliche Interessen, Unternehmensstrategien und Staatsmacht mit Alltagspraktiken, Migrationsregimen und den Erfahrungen kolonialisierter Gesellschaften verknüpft. Überdies lasse sich am Thema Arbeit zeigen, wie globale und transimperiale Perspektiven nationale, zeitliche und räumliche Grenzen infrage stellen, die traditionell in der Erforschung des deutschen Kolonialismus beachtet wurden. Die Aufsätze zeichnen ein nuanciertes Bild kolonialer Herrschaft, die von „Konflikten und Verbindungen“ (Frederick Cooper) geprägt war.

So untersucht Nina Kleinöder auf der Grundlage neu zugänglicher Unternehmensquellen Rekrutierungsmethoden und Arbeitsbedingungen beim Bau der Landungsbrücke in Swakopmund vor dem Ersten Weltkrieg. Sie kann zeigen, dass sich das ausführende deutsche Konsortium auf einem schmalen Grat zwischen Zwang und Anreizen bewegte, um die Fluktuation der Arbeitskräfte in den Griff zu bekommen. Die relativ billigen afrikanischen Arbeiter mussten zum Teil in der von den Briten beherrschten Kapregion in Südafrika rekrutiert werden.
Deborah Neill (Toronto) legt dar, dass es vor allem die afrikanischen Mitarbeiter waren, die unter extrem schwierigen Bedingungen den Kollaps der britischen Firma John H. Holt während des Ersten Weltkriegs in Kamerun verhinderten und zumindest vorübergehend Positionen in der Firmenhierarchie einnahmen, die ihnen üblicherweise vorenthalten waren. Für Mona Rudolph (Kiel) stehen die Kaffeeplantagen in Deutsch-Ostafrika und die Diamantenminen in Deutsch-Südwestafrika für global vernetzte Bereiche der deutschen Kolonialwirtschaft, die von Gewalt und Rassismus imprägniert waren. Hier blieben die Spielräume der Arbeiter sehr begrenzt, aber bestimmte Gruppen wie Chiefs oder sogenannte „Läufer“, die Informationen über den Arbeitskräftebedarf der Minen verbreiteten, konnten Einfluss auf den Rekrutierungsprozess nehmen und erhielten gelegentlich Extrazahlungen und Geschenke.
Ein Konzept aus Gabun
Rudolphs vergleichender Aufsatz vergleicht zwei deutsche Kolonien. Nicht nur für dieses Themenheft ist charakteristisch, dass komparative Studien, wenn sie denn angestrengt werden, selten andere Kolonialmächte einschließen. Deutsche Historiker des Kolonialismus arbeiten ohnehin in der Regel zu deutschen Kolonien. Auch schwingen die oft beschworenen globalen Dimensionen häufig eher mit, als dass sie systematisch analysiert werden. Dies gilt auch für ein weiteres dem deutschen Kolonialreich gewidmetes Themenheft einer renommierten englischsprachigen Zeitschrift, das sich unter der Überschrift „Colonial Transactions“ Infrastrukturen und dem kolonialen Alltag widmet. Auch für dieses Heft von „German History“ (Bd. 43, Heft 4, 2025) zeichnet Nina Kleinöder verantwortlich, gemeinsam mit Norman Aselmeyer (Oxford).

„Koloniale Transaktionen“ ist ein von der französischen Afrika-Historikerin Florence Bernault in ihrer Monographie „Colonial Transactions: Imaginaries, Bodies and Histories in Gabon“ von 2019 entwickeltes Konzept. Aselmeyer und Kleinöder empfehlen es in ihrer Einführung als innovativen analytischen Rahmen, der helfen soll, eine dichotomische Sicht auf den Kolonialismus zu vermeiden und stattdessen das Element der Gegenseitigkeit zu betonen. Angewandt wird das Konzept in den versammelten Aufsätzen auf Orte des Eisenbahnbaus.
Es ist aufschlussreich, dass die gerade in Deutschland so intensiv betriebene Alltags- und Erfahrungsgeschichte den Herausgebern und Autoren keine Erwähnung mehr wert ist. Durch das Thema des Eisenbahnbaus ist auch hier ein Fokus auf Arbeit gesetzt. Jonas Kreienbaum (Cork) behandelt Deutsch-Südwestafrika. Er betont die große Heterogenität und starke Hierarchisierung der Arbeiterschaft auf den Baustellen, die ein Spektrum von Italienern bis zu Herero und Nama bildete, die direkt aus den Konzentrationslagern rekrutiert wurden. Und „während afrikanische und sogar europäische Vertragsarbeiter viel zu beanstanden hatten, was Arbeitsbedingungen, Verpflegung und Unterkunft betraf, waren die Zwangsarbeiter der Herero und Nama weitaus stärkerer Ausbeutung, Vernachlässigung und Gewalt ausgesetzt“. Ein sprachloser „Arbeiter“ steht im Zentrum der Ausführungen von Michael Rösser (Regensburg): das Maultier des deutsch-britischen Eisenbahningenieurs Clement Gillman, auf dessen Rücken Gillman schnell und regelmäßig Abschnitte der im Bau befindlichen Eisenbahnstrecke besichtigen konnte.
Die hier vorgestellten Themenhefte stehen für eine sehr dynamische historische Forschung zum deutschen Kolonialismus, die sich, kulturhistorisch durchaus informiert, verstärkt sozial- und wirtschaftshistorischen Aspekten zuwendet. Dies geschieht in der Regel quellennah, methodisch reflektiert und mit dem Bemühen, die Ambivalenzen der kolonialen Situation zu erfassen. Dieser Befund kontrastiert mit der zuletzt immer häufiger artikulierten Wahrnehmung, das Thema Kolonialismus drohe in Deutschland und anderswo erneut an den Rand gedrängt zu werden. Joël Glasman schlug in der F.A.Z. vom 4. März 2026 sogar alarmistische Töne an: Niemand traue sich mehr, das Wort Kolonialismus in den Mund zu nehmen. „Einst ein methodisches Werkzeug im Koffer der Geschichtswissenschaft und des Völkerrechts, gilt der Begriff des Kolonialismus heute als politisch belastet.“ Selbst wenn man diese Einschätzung nicht vollends teilt, bleibt die große Aufgabe, die neueren differenzierten Ansätze zum Kolonialismus hierzulande verstärkt in das Fach und vor allem die Öffentlichkeit zu tragen.
