
In Zeiten von Krisen oder Kriegen sollten Anleger Risiken in den Portfolios reduzieren, also etwa Aktien oder Anlagen in spekulativeren Anleihen und Schwellenländern verkaufen und vor allem Staatsanleihen oder Gold kaufen. Diesen früher gern gehörten Ratschlag vernimmt man in diesen Tagen nicht mehr ohne Weiteres. Vor allem mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben viele Staaten ihre Ausgaben für Rüstung und Verteidigung erhöht und mussten zur Finanzierung hohe Schulden aufnehmen. Das belastet deren Bonität zum Teil spürbar.
Auch der jüngste abermalige Anstieg der Energiepreise und mithin der Inflation durch den nicht enden wollenden Konflikt im Nahen Osten und die Sperrung eines so wichtigen Handelswegs wie der Straße von Hormus verändern das Marktumfeld. Steigende Zinsen wiederum belasten etwa die Anleihekurse, verteuern aber auch die Finanzierungskosten der Unternehmen.
Inflationsdruck kommt von Irankrieg
Eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag gilt als ausgemacht. Eine Erhöhung um 0,25 Basispunkte sei an den Märkten eingepreist, heißt es im Handel. Weitere dürften folgen, um die Inflation einzudämmen. Die EZB stehe vor einer heiklen Abwägung, heißt es etwa von Royal London Asset Management. Die Inflation im Euroraum liege mit 3,2 Prozent deutlich oberhalb des Zielwertes, während die Konjunktur weiter anfällig bleibe, sagt Wolfgang Bauer, Fondsmanager des Vermögensverwalters, und erwartet zunächst eben die Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte.
Er hält es indes für fraglich, ob dies unter den aktuellen Umständen überhaupt angemessen sei. Der Inflationsdruck komme aktuell vor allem von nicht zuletzt aufgrund der Spannungen rund um die Straße von Hormus deutlich gestiegenen Energiepreisen, sagt Bauer. Es handele sich also in erster Linie um einen angebotsseitigen Schock, auf den geldpolitische Maßnahmen nur begrenzt Einfluss hätten. Gleichzeitig dürfte die EZB weniger auf die kurzfristige Entwicklung der Inflationsrate selbst abzielen, sondern darauf, Zweitrundeneffekte zu verhindern. Der Terminmarkt preise daher fast drei Zinserhöhungen bis zum Jahresende ein. Angesichts der wirtschaftlichen Lage erscheine dies eher ambitioniert.
Zinsaufschläge von Unternehmensanleihen gering
Die Märkte für Risikoanlagen zeigten sich nach wie vor widerstandsfähig, heißt es vom Vermögensverwalter Generali Investments. Viele Aktienkurse befänden sich nahe ihren Allzeithochs, und die „Credit Spreads“, die Zinsaufschläge von Unternehmens- zu Staatsanleihen, blieben eng – obwohl die Makrorisiken zunähmen und die Märkte akzeptierten, dass die Straße von Hormus bis Ende Juni nicht wieder geöffnet werde, sagt Florian Späte, Anleihestratege des Hauses. Die Renditen blieben auf erhöhtem Niveau und folgten dem Ölpreis, was auf fortdauernde Inflationsrisiken und geopolitische Spannungen hindeute.
Seit April habe sich aber eine deutliche Entkopplung herausgebildet, sagt Späte. Staatsanleihen spiegelten Inflations- und Fiskalrisiken wider, während Anleger bei Aktien und Unternehmensanleihen auf einen günstigen Ausgang setzten. Eine bis in den Sommer hinein andauernde Schließung würde die Inflation neu entfachen, die Renditen weiter nach oben treiben und die Finanzierungsbedingungen verschärfen. Die aktuelle Konstellation aus geschlossener Meerenge, gedämpften Ölpreisen und starken Risikomärkten wäre dann nicht mehr haltbar. Sollten sich die Risiken materialisieren, würden Aktien und Unternehmensanleihen wieder mit den Zinsen korrelieren.
Kapitalmärkte aktuell in einem Spannungsfeld
Auch der Markt für risikoreichere Hochzinsanleihen zeige sich trotz geopolitischer Unsicherheit widerstandsfähig, sagt Axel Potthof, Fondsmanager von Fisch Asset Management. Für Anleiheinvestoren zähle weniger die Erfüllung hoher Gewinnerwartungen als vielmehr die Fähigkeit der Unternehmen, stabile Mittelzuflüsse („Cashflows“) zu generieren, um die Anleihen zu bedienen. Genau diese Verlässlichkeit sei aktuell mit insgesamt fair eingepreisten Risiken entscheidend.
Für Ann-Katrin Petersen, Leiterin Kapitalmarktstrategie für den deutschsprachigen Raum und Osteuropa am Blackrock Institute, bewegen sich die Kapitalmärkte aktuell in einem Spannungsfeld: kräftiges Wachstum der Unternehmensgewinne vor allem in den USA und in ausgewählten Schwellenländern auf der einen und steigende Zinsen infolge eines anhaltenden Inflationsdrucks auf der anderen Seite. Der zentrale Übertragungskanal liege derzeit auf der Zinsseite. Der Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) erhöhe die Kapitalnachfrage nicht nur dieser Technologie, sondern auch für Energiesicherheit und Infrastruktur in einer zunehmend fragmentierten Welt. Dies verstärke den Wettbewerb um Kapital und erhöhe – zusätzlich zu schwelenden Inflationsrisiken durch den Nahostkonflikt – den Aufwärtsdruck auf langfristige Renditen. Für Investoren bleibe damit zentral, dass sich das KI-Narrativ an sich nicht verändert habe, wohl aber die Kapitalkosten zu deren Bewertung.
Der statische Aktien‑Anleihe‑Mix stehe weiter vor Herausforderungen, findet Petersen. Steigende Renditen bei gleichzeitig schwächeren Aktienkursen zeigten, dass die Diversifikationseigenschaften von Staatsanleihen in einem durch Angebotsknappheiten, hartnäckige Inflation und steigende Staatsschulden geprägten Umfeld weniger verlässlich seien. Auch eine Diversifikation über breit gestreute Indizes könne trügerisch sein, der Anteil der Informationstechnologie in den MSCI‑Indizes für die USA und Schwellenländer habe sich seit Einführung von ChatGPT im Jahr 2022 fast verdoppelt. Außerdem sei im Anleihesegment guter Bonität („Investment‑Grade“) die Emissionstätigkeit deutlich gestiegen. Diversifikation über Anlageklassen werde damit anspruchsvoller. Entscheidend sei zunehmend, welche wirtschaftlichen Treiber und Risiken ein Portfolio tatsächlich enthalte und weniger die Zuordnung von klassischen Anlageklassenetiketten.
Märkte bleiben anfällig
Eine inzwischen gängige Marktmeinung besage, dass die massiven Langläufer-Emissionen der „Hyperscaler“ zum KI-Ausbau die Renditen des gesamten Markts für langlaufende Anleihen nach oben treiben, also auch die der US-Staatsanleihen, sagt schließlich Lotfi Karoui, Anlagestratege des Vermögenserwalters Pimco. Der jüngste Renditenanstieg sei aber weniger auf den starken Anstieg KI-bezogener Schuldenemissionen seit Jahresbeginn zurückzuführen, sondern spiegele vielmehr veränderte Erwartungen an die Wirtschaftspolitik und eine Neubewertung des erwarteten Zinspfads der US-Notenbank wider. Zudem hätten sich die Rahmenbedingungen für Gesamterträge im Rentenmarkt eher verbessert als verschlechtert.
Das Gesamtgefüge der Märkte bleibt damit anfällig. Die Zinspolitik der Notenbanken spielt dabei eine Rolle, doch greifen viele Dinge ineinander, die Anleger alle im Blick behalten müssen.
