No, no soy una locomotiva de vapor – nein, ich bin keine Dampflok. Diesen Satz werde ich wohl bald brauchen. Weil ich pausenlos kleine Rauchwölkchen ausstoße. Ich frage mich, ob er überhaupt korrekt ist, während ich am Strand von Hermigua chille, die kanarische Sonne genieße und fleißig weiter schmöke. Tren a tren a tren. Wenn ich alles aufgeraucht habe, werde ich nicht abgebrannt sein, sondern reich. Und braungebrannt dazu. Denn auf La Gomera will ich durch bloßes Rauchen stinkereich werden – das habe ich mir vorgenommen.
Ein Rettchen nach dem anderen verhaften auf der schönsten und grünsten aller Kanareninseln – me gusta mucho! Frische Brise, die Wölkchen verziehen sich, und ich genieße die Aussicht. Grauschwarz schimmert der Kieselsandstrand, rundgelutschte Lava, grauschwarz wie die Asche meiner Zigarette. Schwer rollt das Meer, mächtig und gleichmütig. Es hat alles schon gesehen und sagt nichts mehr dazu. Am Horizont steigt Teneriffa aus den Fluten, bekrönt vom mächtigen Vulkan Teide, dem höchsten Berg Spaniens. Ein ehemaliger Raucher. Hinter mir im Tal nichts als Bananen: ein Meer aus Stauden, dazu ein paar Häuschen vor schwarzen Lavabergen. Und direkt in meinem Rücken die eindrucksvollste Bauruine der ganzen Insel: das Hallenbad von Hermigua.
Insel ohne Filter
Blinde Fensterscheiben, beschlagen, gesprungen; im Innern verwaiste und verstaubte Becken, abgefallene Fliesen; kein Bademeister, nirgends. Vor neun Jahren wurde das Millionenprojekt pompös eröffnet, nach nur sechs Wochen der Betrieb wieder eingestellt. Seitdem hat das einzige Hallenbad der Insel durchgehend geschlossen. Ein Gebäude, das sich aufgegeben hat. Hier ist gut rauchen, da schade ich keiner Natur.

Ich ziehe und paffe, quarze und qualme und setze allerlei Rauchzeichen. Ich bin ja nicht zum Vergnügen hier. Sondern um mich reich zu rauchen.
Die Rechnung ist ganz einfach: In Deutschland werden die Zigaretten immer teurer, die Tabaksteuer wird bald schon wieder angehoben – da heißt es handeln! Die Kanaren nämlich locken nicht nur mit ganzjähriger Sonne, sondern auch mit den niedrigsten Zigarettenpreisen in ganz Europa. Ist das lungengestützte Kremieren in Spanien ohnehin schon recht günstig, sind die Kanaren als spanische Sonderwirtschaftszone mit reduzierten Steuern ein wahres Raucherparadies. Vor allem für Briten.
Aus guten Grund kommt die Mehrheit aller Touristen aus Großbritannien angerauscht, denn dort ist Rauchen europaweit am teuersten: Mehr als zwanzig Euro muss man dort für das Päckchen hinlegen, während deutsche Raucher einen Packungspreis von etwa neun Euro berappen. Auf den Kanaren hingegen kosten die Kippen mit dem lustig sprechenden Namen „1.69“ zwar auch schon etwas über zwei Euro – doch für saugaktive Briten bedeutet das gerade mal ein Zehntel des Heimatpreises. Und das feiern sie auf Teneriffa, wo auch mein Flug aus Deutschland landete und von wo die Fähre nach La Gomera geht. Schade dass ich kein Engländer bin – dann würde ich hier doppelt reich werden.
Kaum gelandet, besichtigte ich erst mal die wuchernden Betonparadiese der Westküste Teneriffas: Los Cristianos, Costa Adeje, Los Gigantes: turmhoch stapelten sich die Balkonschachteln, fraßen sich Apartmentteppiche Schluchten hinab und Hänge hinauf, dazu Ballermannpromenaden und Chlorwasserpools – herrlich. Da blieb einem gar nichts anderes übrig, als vor Wut zu rauchen. Und aus Trotz gleich noch eine.
Glut und günstig
Doch zwischen all den baulichen Zumutungen blinkten Lichter der Hoffnung: Tabakpaläste! Nicht einfach nur Geschäfte, nein, grell geschminkte Hallen, glitzernde Fluppenkathedralen, die stangenweise Glück anboten. Ich fühlte mich wie ein Kind im Süßwarenladen.
Sofort kaufte ich kaufte sämtliche Vorräte an 1,69 auf und fragte nach Mentholzigaretten, um auch ein bisschen was für meine Gesundheit zu tun. In der EU wurden die nach dem Tod von Helmut „Reyno“ Schmidt verboten – aber vielleicht galt das ja nicht für die Kanarensonderzone? Aber nein – hier seien sie auch verboten, sagte die schöne Verkäuferin. Dann erhellte sich ihr Antlitz: Die Sorte DK2 – ob ich die kannte? Nein, kannte ich nicht.
Sie reichte mir ein Päckchen mit tabakblattbraunen Filterzigarillos mit Klick: der Filter enthielt ein Kügelchen mit Menthol-Öl, das konnte man mit sanftem Fingerdruck zum Platzen bringen und so die Zichte in den Helmut-Schmidt-Modus schalten. Und obendrein wurden diese Wunderstängel auch noch auf den Kanaren produziert: ein politisch korrektes regionales Produkt! Für unglaubliche 1,69 pro Packung! Madre mia, santa fumata!

Sofort kalkulierte ich los: Pro Packung sparte ich etwa sieben Euro. Mit einer Stange schon siebzig. Wenn ich zehn Stangen kaufte, hatte ich schon die Flüge und den Leihwagen drin. Sicherheitshalber kaufte ich etwas mehr. Man muss schließlich investieren, um reich zu werden. Aus Laster wird Anlageform. Die freundlichen Verkaufsdamen halfen mir mit einer Sackkarre, alle Kartons in meinem Kleintransporter zu verstauen. Ich fühlte mich blendend und setzte mit der Fähre über nach La Gomera und machte mich ans Rauchwerk.
Das Hallenbad in Hermigua ist abgehakt, ich fahre ein Tal weiter. Dort erwartet mich schon der verwaiste und über viele Jahre hinweg geschlossene Botanische Garten von Vallhermoso: Kein Mensch in der paradiesisch ruhigen Anlage, nur im monumentalen Eingangsportal eine traurige Rangerin, die erklärt, dass der Eintritt frei sei, der Park, eine Schenkung eines Juraprofessors aus Vallhermoso, sei lange in Vergessenheit geraten und verwahrlost. Seit letztem Sommer sei er wieder geöffnet, doch das wisse kaum jemand. Als ich sage, dass ich mich auf den Besuch schon freue, lächelt sie mitleidig.
Ich schmauche im verwaisten Picknickgarten und schaue hoch, wo der majestätische Felsen Roque Cano in den azurblauen Himmel ragt, das Wahrzeichen der Gemeinde, ein durch Erosion freigelegter Vulkanschlot. Ob ich es auch mal bis zum Wahrzeichen bringen werde, wenn die Erosion meinen Rauchschlot freigelegt hat?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
La Gomera – eine Insel voller stupender Naturwunder: Da ist der Nationalpark Garajonay, UNESCO-Weltnaturerbe, ein Millionen Jahre alter Lorbeerwald, der größte Europas, der die Insel als schützende immergrüne Kappe bedeckt; die Basaltsäulen Los Organos, die an der nordwestlichen Inselküste wie gigantische Orgelpfeifen aus dem Wasser schießen; der markante Tafelberg La Fortaleza, das Wahrzeichen La Gomeras, der von fast jedem der vielen Inselwanderer bezwungen werden will; ganz zu schweigen von den zahllosen spektakulären Aus- und Weitblicken, den vielen Miradores, die diese immer noch recht unberührt gebliebene Insel zur schönsten des kanarischen Archipels machen. Diese Naturwunder achte und respektiere ich, da wird natürlich nicht geraucht.
Denn zum Glück ist La Gomera nicht nur eine Insel voller Naturschönheiten – auch der Mensch hat hier staunenswerte Zeugnisse seiner Schaffenskraft hinterlassen. Genaugenommen: seiner Misswirtschaftskraft. Zahllose Bauruinen säumen die Insel, manche keine zehn Jahre alt, ebenso wie die vielen sinnlosen Kreisverkehre auf kaum befahrenen Inselstraßen, mit kunstvoll gezimmerten hölzernen Leitplanken bewehrt – irgendwie muss die üppig fließende EU-Randzonenförderung schließlich verbraten werden. So wurden von einer inkompetenten Inselregierung funktionslose Hallenbäder, nie eröffnete Aussichtsrestaurants und dysfunktionale Farmen in Fels und Fauna gerammt – wegräumen können das ja mal andere. Dafür hat man bislang auf den Bau dringend benötigter Kläranlagen verzichtet, zahlt gerne die viel zu geringen Ordnungsstrafen an die EU – und bietet den Touristen so das einmalige Vergnügen, in den eigenen Fäkalien zu schwimmen. An solchen Orten gepflegt mal eine zu verkohlen, macht dann auch kein schlechtes Gewissen. Es ist eher eine Form von Solidarität.
Zigarette sich, wer kann
Also verhafte ich erst mal eine am Flughafen, den es auf der Insel natürlich auch gibt. Da fahre ich mit dem Auto hin, denn aufgrund von Fehlplanungen ist dieser wahrscheinlich schönste Airport Europas nur schwer per Flugzeug zu erreichen. Für internationale Flieger ist die Landebahn zu kurz, vier Flüge am Tag sind normal, sechs schon viel. Die Startbahn liegt da wie ein vergessenes Lineal im Atlantikwind, und die Stille ist so vollkommen, dass mein Rauchorgelspiel schon wirkt wie eine Großveranstaltung.
Nichtrauchermissionare drohen ja immer, dass Raucher früher sterben. Wieso früher? Früher lebte ich ebenso gut wie heute. Und solange ich rauche, bin ich noch nicht tot. Oder, um mit dem unsterblichen Helmut Körschgen zu sprechen, dem Star der 00-Schneider-Filme: „Solange man lebt, soll man rauchen.“ Ich nicke ihm innerlich zu und greife nach dem nächsten Lungenbrötchen.

Nachschub gibt’s erst wieder in den Ruinen der fast fertig gebauten, aber nie betriebenen Schweinefarm oberhalb von Arure. Weit schweift der Blick übers spiegelglatte Meer, meinen Wölkchen hinterher. Was heißt eigentlich Lungenbrötchen auf Spanisch? Bocadillo de pulmón? Am Horizont schimmern sanft die Doppelhügel von La Palma, der Insel, deren aktivster neuer Raucher Tajogaite erst kürzlich ordentlich einen durchgezogen hat.
Auf den Kanaren zu rauchen, ist ja wohl das Natürlichste von der Welt. Schließlich sind diese schon im Altertum so genannten „glücklichen Inseln“ sämtlich vulkanischen Ursprungs. Auf vielen dampft und raucht es jeden Tag aus allen möglichen Löchern und Schloten – da fallen meine paar Stinkbolzen kaum ins Gewicht. Als Raucher bin ich hier nur Teil des geologischen Gesamtgefüges.
Von der Ruinenfarm geht’s zu Fuß hinab ins kleine Bergdorf Arure, zum Aussichtsrestaurant. Der Zugang ist mit Flatterband versperrt. Über zehn Jahre wurden hier EU-Gelder verbaut, eine mehrfach gestaffelte Aussichtsterrasse nebst Restaurant kunstvoll in den Steilwandfels gesprengt und modelliert. Noch vor der Eröffnung begann die Terrasse zu bröckeln, jetzt ist das komplette Ensemble dauerhaft gesperrt. Perfekte Bedingungen für ein paar ruhige Tschicks. Man könnte ja denken, dass für Raucherurlaube der kühle, feuchte Norden Europas besser geeignet wäre – aber wenn es so zieht, kriegt man die Zigarette schlecht an. Nein, wenn schon Bratzeln, dann bitte im sonnig-südlichen Naturparadies. Bei Hitze rauchen, das ist was für Kenner.
Es liegt mir auf der Lunge
Jetzt hinab ins Valle Gran Rey, der Höhepunkt und Sehnsuchtsort fast aller La-Gomera-Touristen. Aussteigerparadies für Deutsche, für Althippies und Hängengebliebene, Erleuchtete und Erlauchte – Menschen, die irgendwann beschlossen haben, dass weniger Arbeit mehr Zeit zum Rauchen bedeutet.
Aber erst mal eine Lungenfritte auf der Terrasse des seit Jahrzehnten geschlossenen Manrique-Restaurant einschmelzen. Vor einem Vierteljahrhundert war ich mal Gast in diesem spektakulären Aussichtsrestaurant, nach den Plänen des berühmten lanzarotischen Architekten César Manrique in eine Felswand hoch über dem Talgrund gekeilt. Damals gab’s die kanarennotorischen Runzelkartoffeln mit traditionell verkochtem Thunfisch. Heute ist nur noch die Erinnerung warm – und meine Zigarette. Der Blick stürzt von hier aus in das grüne Tal, das sich wie eine geöffnete Hand zum Meer hin ausbreitet

Unten im Tal, im Dörfchen La Playa: An der Bar La Estación am Busbahnhof wird fleißig gepafft. Dass womöglich schon bald ein vollständiges Terrassenrauchverbot in Spanien kommt, verpufft im Wind wie kleine Schmauchwölkchen. Ich schmauche mit – man will schließlich Teil der lokalen Wirtschaft sein. An der Wand ein Werbezettel, ein gewisser Harald bietet seine Hypnosedienste an: Nicht nur „Traumata-, Seelenreinigung und Karmaauflösung“ und „Sich-Loslösen von negativen inneren Zuständen und Blockaden“, sondern freilich auch „Reduktion von übermäßigem Verlangen nach Rauchen“. Ich überlege kurz – und rauche dann weiter. Man muss Prioritäten setzen.
Die Deutschen im Valle sind gut vernetzt, in den zahlreichen deutschsprachigen Facebook-Gruppen fragen Besucher nicht nur aktuelle Zigarettenpreise ab, sondern auch: „Hola, habe meinen Wanderaschenbecher zu Hause vergessen. Gibt es hier so etwas zu kaufen? (Werfe meine Kippen nie in die Gegend.)“ Nachhaltigkeit beginnt bekanntlich beim Wegwerfen.
Gruselautor Edgar Wallace, der problemlos einen Groschenroman pro Woche schreiben konnte, rauchte achtzig Zigaretten am Tag – vier Packungen! Hm. Wenn ich das schaffe, hätte ich meine Reisekosten in etwa einem Monat drin. Aber dann habe ich noch keinen Gewinn gemacht. Würde ich acht, oder sagen wir: zehn Packungen täglich rauchen, also eine volle Stange Sargnägel, dann würde ich hier praktisch umsonst wohnen. Zwei Stangen täglich – und ich wäre tief in der Gewinnzone! Ein florierendes Geschäftsmodell, wenn man nur bereit ist, den eigenen Körper als Rohstoff zu betrachten.
Ich rechne weiter: Für eine Zigarette veranschlagt man zehn Minuten Verzehrzeit, für eine Packung brauchte ich also gut drei Stunden. Eine Stange am Tag würde ich nur schaffen, wenn ich schneller rauchte und nicht schliefe. Oder schlöfe? Hm. Allein schaffe ich das nicht, dazu brauche ich professionelle Hilfe. Vielleicht eine engagierte Kettenraucherin als Geschäftspartnerin? Oder ich brenne eine Stange einfach so ab, ohne zu inhalieren – gewissermaßen als passives Einkommen?
Doch meine schönsten Tage im Jahr scheinen schon gezählt: Bis zum Jahr 2040 will die EU offiziell rauchfrei werden. Wie soll ich mir dann den Urlaub leisten?
Am Ende sitze ich unten am Meer, am schwarzen Kieselstrand von La Playa. Die legendäre Bar der Casa Maria, über Jahrzehnte das geheime Kraftzentrum des großen Königstales, hat für immer geschlossen, der kantige Bau verfällt vor sich hin. Davor sitzen Urlauber auf der Wellenbrechermauer, am Strand trommeln langhaarige Männer in die Dämmerung. Hier versinkt die Sonne jeden Abend rotglühend im Meer – so rot wie meine Zigarette, kurz bevor ich sie ausdrücke.
Ich gehe ein Stückchen weiter und schmauche am hinteren Ende der Uferpromenade, dort, wo es sowieso immer komisch riecht. Da leitet die Inselregierung seit Jahren ungeklärte Abwässer ins weite Meer, während sie fleißig Fördergelder für Greenwashing verpulvert und Anzeigen in Deutschland schaltet: „La Gomera – weltweites Vorbild für Nachhaltigkeit und Ökotourismus“. Nachhaltig sauge ich den Rauch ein, bis die Lunge leise knistert. Meine letzte für heute. Gesünder bin ich vielleicht nicht geworden. Aber ärmer auch nicht. Fumo, luego existo… y ahorro – ich rauche, also bin ich… und spare dabei.
