Eigentlich ist alles für einen festlichen Abend bereitet: ein Haus mit großem Garten, eine lange Essenstafel, sommerlich duftet es nach Rosmarin. Alte Freunde und Bekannte sind geladen, Kinder und Tiere sind dabei, und die Grillen zirpen friedlich. Es ist die kürzeste, es ist die schönste Nacht des Jahres. Es ist Sommersonnenwende.
Was als Idee einer harmonischen wie bürgerlichen Idylle seinen Ausgang nimmt, wird in Roland Schimmelpfennigs neuem Stück „Sommersonnenwende“, das am Schauspiel Stuttgart in der Regie von Daniela Löffner uraufgeführt wurde, von Beginn an schnell gebrochen. Die Bühne ist erstaunlich leer für das Vorhaben eines erfüllten Fests. Hier findet sich nur Rudimentäres, was eine Party andeutet: ein paar Gartenstühle aus Plastik, hier und da etwas Blumenerde, vereinzelte Schuhe. Dazu kommt, dass der Großteil der Gäste unsichtbar bleibt. Die Darsteller auf der Bühne sind auf den Konfliktkern reduziert. Dieser ist neben dem Paar, Isabel und Albert, das zur Feier einlädt, Isabels Bruder Victor, der sich – uneingeladen – mit seiner Partnerin Patrizia durch die Hintertür den Weg in den Garten bahnt.
Familie ist Familie, Tradition ist Tradition
Die eigentliche Wirkung entfaltet zu Beginn nicht das Sichtbare, sondern das Angedeutete. Die Bühne (Claudia Kalinski) ist vor allem ein weiter, dunkler Raum, der von einer Vielzahl von hängenden Scheinwerfern, die sich bedrohlich Richtung Boden senken, schwach ausgeleuchtet wird – und eine noch nicht klar greifbare Realität schwelender familiärer Konflikte andeutet. Sommersonnenwende, das ist nicht nur ein Fest des Lichts. Das ist auch – in symbolischer Aufladung – die Schwelle zur Dunkelheit. Oder, wie es an einer Stelle heißt: „die Nacht, in der die alten Geister zu uns kommen“.

Langsam, distanziert geht es los. Schimmelpfennigs Text zeichnet aus, dass er die Ebenen von Dialog und Erzählung, von Spiel und Kommentar in rascher Weise abwechseln lässt. Die vier Charaktere versuchen mit eingeübten und angespannten Phrasen der Entlastung („Was für ein herrlicher Abend!“) oder der Vergewisserung („Wir sind doch eine Familie. Oder?“) Konversation zu führen. Gleichzeitig kippt der Text immer wieder in einen erzählenden Kommentar des Geschehens, der die Distanz aller Beteiligten zueinander herausstellt. Während die sich vermehrenden Tautologien des Bruders Victor – „Familie ist Familie“, „Tradition ist Tradition“ – vom Banalen ins Bedrohliche kippen, werden die Konturen des Grundkonflikts – eines Bruder-Schwester-Konflikts – greifbar.
Der Vater, der sich als patriarchaler Geselle herausstellt und seine Freizeit vor allem mit Jagen verbracht hat, ist vor kurzer Zeit gestorben. Isabel hat das Haus mit Garten, Victor eine Schlachterei des verstorbenen Vaters geerbt. Ein Ungleichgewicht sitzt im Kern dieses Verhältnisses, das desto mehr zutage tritt, je ausufernder Victor sich nostalgisch-überhöht auf den Garten und das ideelle Erbe des Vaters fixiert, das er durch die liberal-bürgerlichen Isabel und Albert bedroht sieht.
Aufblitzen latent gewalttätiger Schichten
Der Clou der Textvorlage wie der inszenatorischen Umsetzung ist, dass sie zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren changieren. Hinter dem vordergründigen, bürgerlichen Geschehen blitzt – mal komisch, mal latent gewalttätig – eine tiefere Schicht auf. Ein effektvoller Kunstgriff ist, dass Tiere, die immer wieder die Handlung stören, von den Darstellern gespielt werden. Es sind herausragend komische, irritierende Szenen, wenn Isabel (Katharina Hauter) von einem übergroßen Hund so besprungen wird, dass es vom Vergnügen ins Bedrohliche kippt. Oder wenn Albert (Rainer Galke) sich in eine traumatisierte Katze verwandelt, die dem Hof zugelaufen ist und groteske Laute von sich gibt.
Das Bürgerliche und das Ungezähmte, eigentlich getrennte Sphären, kommen sich hier beunruhigend nahe. Auch die vergangenen, unbewältigten Konflikte zwischen Isabel und Victor werden mittels der effektvollen, übernatürlichen Sprünge in den Wirklichkeitsbereichen angedeutet. Immer wieder rutschen die beiden in verfremdeten, zeitlupenartigen Szenen in ihr kindliches Ich, bedrohen, begehren, verletzen einander – Geister der Vergangenheit, die die Konflikte der Gegenwart immer noch bestimmen. Realität und Innenleben bleiben in diesen dichten, eindringlichen Szenen ununterscheidbar.
Das Bürgerliche und das Ungezähmte
Immer deutlicher tritt dabei zutage, dass sich in dem familiären Konflikt um den Garten als Erbe und Erinnerungsobjekt auch gesellschaftliche Abgründe niederschlagen. Victor schwingt immer politischere Reden über den Verlust der Heimat, idealisiert den Garten als vor Fremden geschütztes Reservoir. Seine Frau Patrizia hingegen (hervorragend bissig: Christiane Roßbach) schaut mit immer gierigeren Augen auf das Grundstück als Immobilienobjekt und sieht, je länger der Abend dauert, in ihm das Potential auf Profit. Es wird sich an Traditionen, es wird sich an Besitzverhältnissen abgearbeitet, während die Stimmung und die Gebärden ins Abgründige kippen.
Doch verliert der Abend mit zunehmender Dauer an Kraft, da die Trennlinien zwischen den Paaren, die auch die politischen Differenzen aufzeigen, etwas schablonenhaft verlaufen. In seiner Anlage als verdichtete, komödiantisch-boulevardeske wie abgründige Schlacht des Bürgertums erinnert er bisweilen an Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Doch erreicht er schneller seine Grenze, weil sich die Konfliktlinien, wenn sie sich einmal ihren Weg gebahnt haben, nicht mehr verschieben. Dadurch fällt die Schwelle zur Dunkelheit zuletzt dann doch harmloser aus, als sie zunächst befürchten lässt.
