Christoph Breuer ist Professor für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln und Leiter des gleichnamigen Instituts. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen strukturelle und ökonomische Analysen zu den Institutionen des Sports. Daneben verantwortet er unter anderem noch bis zum Sommer den bundesweiten Sportentwicklungsbericht.
48 Teams, 104 Spiele, fast sechs Wochen Fußball-WM: Gab es jemals ein Sportereignis dieser Größe?
Was die Anzahl der teilnehmenden Nationen und die Athletinnen und Athleten angeht, sind Olympische Spiele natürlich noch einmal eine andere Dimension. Aber was den Zeitraum angeht, ist das einzigartig.
Haupttreiber der Entwicklung scheint wie immer das Geld. Lassen fast 50 Prozent mehre Spiele und mehr Teams denn automatisch auch 50 Prozent mehr Gewinn für den Weltverband FIFA erwarten?
In jedem Fall trägt die Ausweitung dazu bei, dass die Kommerzialisierungsspirale ein gutes Stück weitergedreht werden kann. Durch mehr Spiele steigt die Attraktivität für Fernsehanstalten und Streaminganbieter sowie für Sponsoren. Dazu können mehr Tickets verkauft werden. Das fällt in einem Land wie den USA besonders ins Gewicht, in dem die Stadien enorme Kapazitäten haben und das Referenzniveau für die Preise von Eintrittskarten ohnehin ein höheres ist.

Gerade wegen der hohen Ticketpreise gab es zuletzt aber viel Unmut. Könnte die WM für die FIFA auch ein Misserfolg werden, oder gilt „too big to fail“ auch für dieses Mega-Event?
Die Einnahmenseite steht ja relativ früh fest. Dabei zeigt sich, dass es noch immer wichtige Absatzmärkte gibt, wie etwa Indien oder China, in denen es weiterhin schwierig ist. Durch deren Erschließung könnte man das Produkt also sogar noch weiter kommerzialisieren. Was die Auslastung der Stadien angeht, wird sich das noch zeigen. In der ersten Verkaufsphase waren die Tickets schnell weg, und bekanntlich hat die FIFA mit dem Zweitmarkt noch einmal ein besonderes System geschaffen, von dem sie finanziell profitieren kann. Es ist aber fraglich, ob man das wirklich als Erfolg bezeichnen kann, wenn am Ende die Tickets zwar verkauft sind, aber die Plätze leer bleiben.
Nach dem Motto mehr Teams, mehr Spiele, mehr Geld handelte zuletzt schon die Champions League. Mit Erfolg?
Vollständig globalisierte Sportprodukte wie die Champions League finanzieren sich maßgeblich über die Medienrechte. Und in dieser Hinsicht ging die Rechnung auf. Das Medieninteresse und die Medieneinnahmen steigen. Was allerdings nicht unbedingt steigt, ist das Budget der Medienpartner, also von Streaming-Anbietern und TV-Sendern. Deshalb gibt es dann Umschichtungen, durch die kurz- und mittelfristig die bisher stabilen Einnahmen nationaler Fußballligen stark gefährdet sind. Was die wenigen Top-Produkte, die globale Aufmerksamkeit garantieren, angeht, ist die Nachfrage aber hoch. Zumal die Rechteinhaber das gut skalieren können, weil beispielsweise Streaming-Anbieter ähnliche Angebote in mehreren Ländern anbieten. Die Frage ist aber: Wie lange geht das noch so weiter?
Die Steigerung beispielsweise bei der Champions League war möglich auch aufgrund der jüngsten Reformen. Linear fortschreiben lässt sich das aber eher nicht. Wir gehen von einer konkaven Funktion aus, es ist also mit einem Sättigungseffekt zu rechnen. Den sehen wir bereits in den USA bei einigen nationalen Sportligen und erwarten ihn auch für Europa.
Gibt es diesen Effekt wirklich auch im Fußball? Mit Nations League, Klub-WM oder Conference League wurden zuletzt immer neue Wettbewerbe geschaffen, dazu wird der Fußball der Frauen immer populärer. Wann wird es zu viel?
Die Kommerzialisierung stößt natürlich irgendwann an die erwähnten Budgetgrenzen der Medienpartner. Zudem stellen wir gewisse Konzentrationsprozesse fest. Aber die Top-Sportprodukte wie WM und Champions League profitieren bislang erstaunlicherweise immer noch. Und die Wachstumsraten im Frauenfußball sind bemerkenswert. Auch wenn das Niveau noch ein ganz anderes ist: Da wären die Herren froh drüber.
Beispielsweise die Klub-WM konnte ihre immensen Preisgelder letztlich aber nur ausschütten, weil aus Saudi-Arabien relativ kurzfristig eine Milliarde US-Dollar für die TV-Rechte floss. Sind die Preise, die dort gezahlt werden, überhaupt noch marktgerecht?
Es ist schon noch ein Markt, aber es ist ein sehr einseitiger Markt. Insofern ist das vermutlich ein kurzfristig sehr erfolgreiches Geschäftsgebaren der FIFA, aber die Frage ist, wie nachhaltig das ist. Es ist bei jeder Sportart ein Risiko, wenn ich mich zu sehr an einen Geldgeber binde. Das kennt man im Kleinen aus dem Eishockey, dem Basketball, dem Volleyball und anderen Sportarten. Wie sich der saudische Investitionsfonds PIF zuletzt hinsichtlich des Golfsports neu positioniert hat, zeigt deshalb auch, dass es für die FIFA ein riskantes Modell ist, sich so einseitig auf Zahlungsströme aus Saudi-Arabien zu verlassen.
Wenn Sie von den Budgetgrenzen und Konzentrationseffekten bei den Medienpartnern sprechen: Wem fehlt am Ende das Geld, das in die Topprodukte investiert wird?
Der Wettbewerb wird einfach größer. Und das spüren zuallererst kleinere und nationale Ligen sowie andere Sportarten. Die Wunschvorstellungen der DFL (Deutsche Fußball-Liga, Anm. d. Red.) beispielsweise, was die Steigerung der Erlöse aus der Auslandsvermarktung angeht, halte ich für unrealistisch. Sie leidet darunter, dass die Streaminganbieter und Fernsehanstalten ihr Portfolio umschichten müssen, um sich zunächst einmal die großen Übertragungsrechte sichern zu können.
Gab es jemals eine bedeutende Sportliga oder -veranstaltung, die sich wieder verkleinert hat?
Eine Verkleinerung gab es noch nicht. Das ist auch politisch oft schwierig, weil da in Ligaverbänden Mehrheitsentscheidungen zu treffen sind. Aber Sättigungseffekte und negatives Wachstum haben wir schon beobachten können. Zum Beispiel im Wintersport gibt es mehrere Sportarten, die ihren Zenit schon überschritten haben.
Die NFL ist die profitabelste Sportliga der Welt – und das mit einem sehr reduzierten Angebot. Die Saison dauert nur 18 Wochen, in denen jedes Team 17 Spiele bestreitet, danach folgen die kurzen Play-offs. Zeigt das nicht, dass auch eine Reduktion des Angebots erfolgsversprechend ist, weil dann etwa jedes Spiel bedeutsamer ist?
Die NFL ist in mehrerlei Hinsicht ein Sonderfall. Sie repräsentiert quasi eine ganze Sportart, hat eine Art Monopol und kann Dinge einfach umsetzen. Das ist im Fußball so nicht möglich. Dort gibt es mehr Konkurrenz zwischen den einzelnen Wettbewerben, einen Weltverband, in dem jeder der mehr als 200 Mitgliedsverbände eine Stimme hat. Je mehr ökonomische und politische Akteure mitmischen und als Veranstalter auftreten, umso schwerer wird es, alle einzufangen. Es ist ein entfesselter Kampf um ökonomisch attraktive Spiele.
Durch die Ausweitung der WM und die vielen kleinen Teilnehmerländer wird das Niveau des Turniers insgesamt aller Voraussicht nach diesmal niedriger sein. Ist das für die FIFA überhaupt ein Problem?
Das Spielniveau ist nur randständig relevant. Es wird sicher Spiele geben, die niedrigere Einschaltquoten haben, weil die Niveauerwartung niedrig ist. Aber: Selbst wenn der Fußball schlechter ist, haben wir Teams, die ausscheiden, und welche, die weiterkommen. Und am Ende gibt es einen Weltmeister. Das ist die Turnierlogik, die die FIFA absichert gegen zu große Auswirkungen schlechter Qualität.
Spieler, Trainer, Journalisten und zumindest Teile der Fans: Im Prinzip aus allen Ecken des Fußballs wird seit geraumer Zeit darüber geklagt, dass alles immer mehr wird. Getan hat aber noch niemand etwas dagegen. Gibt es überhaupt Hinweise, dass der Fußball irgendwann an eine Grenze stößt?
Mit gesundem Menschenverstand müsste man annehmen, dass sie längst erreicht ist. Doch was wir stattdessen sehen, sind Ausgleichsmaßnahmen: Viel belastete Topteams, die ihre Kader verbreitern, die ihre Stars häufiger schonen, professionellere Lebensstile bei den Sportlern. Und Nationalmannschaften haben dieses Problem ohnehin nur bedingt. Die WM ist ein derart globales Schaufenster, dass sie für alle Beteiligten ökonomisch interessant ist. Eine Grenze ist überraschenderweise noch nicht in Sicht.
