Angesichts der erneuten gegenseitigen Angriffe zwischen Israel und dem Iran hat sich die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas besorgt gezeigt und zu Verhandlungen aufgerufen. Es müsse »eine diplomatische Lösung« in dem Konflikt geben, sagte Kallas vor einem Treffen der EU-Verteidigungsminister auf Zypern. Die Europäer könnten nach einem Ende der Kampfhandlungen helfen, etwa bei der Begleitung von Schiffen in der Straße von Hormus. Zunächst gehe es jedoch um die Waffenruhe, sagte Kallas. Themen wie das iranische Nuklearprogramm könnten später diskutiert werden.
Statt den Konflikt weiter zu eskalieren, sollten sich die Kriegsparteien nun »an den Verhandlungstisch setzen und eine Einigung erzielen«, forderte die Außenbeauftragte. Die EU sei mit beiden Seiten in Kontakt, »um ihnen diese Botschaft zu vermitteln«.
Auch die britische Regierung rief beide Seiten zur Deeskalation auf. Außenministerin Yvette Cooper schrieb auf X, niemand habe ein Interesse an der Wiederaufnahme des Konflikts zwischen dem Iran und Israel. »Beide Seiten müssen sich in Zurückhaltung üben und die Lage umgehend deeskalieren.« Verhandlungen für eine dauerhafte, für alle notwendige Lösung müssten fortgesetzt werden, um Frieden und Stabilität in der Region zu erreichen und den globalen Handel wiederherzustellen, schrieb Cooper.
Iran greift Israel erstmals seit 8. April mit Raketen an
Zuvor hatten sich der Iran und Israel erstmals seit Inkrafttreten einer Waffenruhe vor zwei Monaten gegenseitig angegriffen. Am Sonntagabend feuerten zunächst die iranischen Streitkräfte mehrere Raketensalven auf Israel ab. Das zentrale Militärkommando des Iran bestätigte die Raketenangriffe. In einer vom staatlichen Rundfunk verbreiteten Erklärung begründeten die Streitkräfte die Angriffe mit »wiederholten Verstößen« der israelischen Armee gegen die Waffenruhe im Libanon. Ziel der Angriffe waren iranischen Angaben zufolge israelische Luftwaffenstützpunkte. Laut dem israelischen Militär wurden alle Raketen abgefangen.
Noch am Sonntag hatte US-Präsident Donald Trump ein Ende der iranischen Angriffe gefordert. In der Nacht telefonierte er mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und forderte diesen laut US-Medienberichten auf, auf Gegenangriffe zu verzichten, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und ein Abkommen zu schließen.
Netanjahu ignoriert Forderungen des US-Präsidenten
Israel setzte sich über die Bitten ihres engsten Verbündeten hinweg: In der Nacht griff die israelische Luftwaffe mehrere Ziele im Westen und im Zentrum des Iran an. Iranische Medien und Nachrichtenagenturen berichteten von Explosionen in der Hauptstadt Teheran sowie in den Großstädten Tabris und Isfahan.
Am Morgen setzte die iranische Revolutionsgarde ihre Raketenangriffe auf Israel fort. Mehrfach wurde in Israel Luftalarm ausgelöst und die Bevölkerung aufgerufen, Schutz zu suchen. Auch aus dem Jemen, wo die mit dem Iran verbündete Huthi-Miliz operiert, wurde Raketenbeschuss auf Israel gemeldet. »Die Verteidigungssysteme sind im Einsatz, um die Bedrohung abzufangen«, teilte die Armee am Morgen mit. Sie griff daraufhin nach eigenen Angaben eine Anlage der petrochemischen Industrie in der iranischen Hafenstadt Mahschahr an.
Zwei Waffenruhen, beide brüchig
Im Krieg zwischen den USA und Israel einerseits und dem iranischen Regime andererseits gilt seit dem 8. April eine Waffenruhe. Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über eine dauerhafte Beendigung des Kriegs führten bislang zu keiner Einigung.
Im Libanon, wo Israels Armee gegen die schiitische Hisbollah-Miliz vorgeht, die mit dem Iran verbündet ist, gilt ebenfalls seit Mitte April formell eine Waffenruhe. Diese war faktisch jedoch kaum wirksam. Vergangene Woche einigten sich die Regierungen Israels und des Libanon auf einen neuen Anlauf zur Umsetzung der Feuerpause. Allerdings ist die libanesische Regierung keine Kriegspartei – und die Hisbollah lehnt Verhandlungen mit Israel ebenso ab wie die vereinbarten Bedingungen der Waffenruhe. Israel griff am Sonntag trotz der Waffenruhe Ziele in Vororten der libanesischen Hauptstadt Beirut an.
