Das Hilton Midtown gilt als das größte Hotel in New York. Es hat knapp 2000 Zimmer und ist nur ein paar Minuten zu Fuß vom Central Park und vom Times Square entfernt. Offenbar haben seine Betreiber darauf gewettet, dass die Fußballweltmeisterschaft für sie zu einem Ereignis wird, aus dem sich kräftig Kapital schlagen lässt. Als im Dezember bekannt wurde, wann welche Spiele im Metlife-Stadion in der Nähe von New York stattfinden, stiegen die Preise für die betreffenden Tage sprunghaft an. Das billigste Zimmer am 13. Juni, wenn Brasilien gegen Marokko antritt, wurde für mehr als 840 Dollar angeboten. Die Nachfrage auf diesem Preisniveau scheint sich indessen in Grenzen gehalten zu haben, denn nun, kurz vor Turnierbeginn, sind die Übernachtungen im Hilton um einiges erschwinglicher. Für den ersten New Yorker WM-Spieltag sind noch etliche Kategorien von Zimmern verfügbar, und der Startpreis beträgt nun 409 Dollar plus Steuern und Gebühren.
Vijay Dandapani kann derzeit aus dem Stand viele solche Beispiele aufzählen. Er ist Vorstandschef des lokalen Branchenverbands Hotel Association of New York City. Und ihm fallen auch noch einige billigere Übernachtungsmöglichkeiten als das Hilton zur WM-Zeit ein. Ein Hotel der Kette Four Points für 287 Dollar, ein Zimmer im Double Tree für 248 Dollar und eines im Royalton für 222 Dollar. Das hören Touristen gewiss gerne, aber Dandapani findet diese Preise beunruhigend. Er sagt, viele Mitglieder seines Verbandes hätten ihm gesagt, sie hätten keine einzige Buchung von Gästen, die für die WM in die Stadt kämen: „Es sieht ziemlich düster aus.“

Der Fußballverband FIFA beschreibt die bevorstehende WM gerne als Veranstaltung der Superlative, die in die Geschichtsbücher eingehen wird, und als wirtschaftlichen Segen für die Gastgeberländer USA, Kanada und Mexiko. Er nennt das internationale Interesse an dem Turnier „beispiellos“ und sagt, er habe mehr als fünf Millionen Tickets und damit 90 Prozent der verfügbaren Kapazität in den Stadien verkauft. Allein den USA stellt er dank der WM einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um mehr als 17 Milliarden Dollar und Tourismuseinnahmen von 6,4 Milliarden Dollar in Aussicht. FIFA-Präsident Gianni Infantino schwärmte, die WM werde wie 104 Super Bowls auf einmal sein – und hob damit jedes einzelne Spiel des Turniers in den Rang des üblicherweise wichtigsten Sportspektakels im Jahr in den USA.
„Nicht-Ereignis“ WM
Dieser vermeintliche Ansturm von WM-Touristen müsste eigentlich der Hotelindustrie zugutekommen, aber von ihr sind völlig andere und weitaus nüchternere Töne zu hören als von der FIFA. Der Verband American Hotel & Lodging Association, zu dem Betreiber von mehr als 30.000 Hotels in den USA gehören, hat die WM kürzlich als „Non-Event“ beschrieben, also als „Nicht-Ereignis“. Er verwies auf eine Umfrage unter seinen Mitgliedern in WM-Spielorten, in der fast 80 Prozent der Befragten angegeben hätten, ihre Buchungen blieben hinter ursprünglichen Vorhersagen zurück. Zum Teil seien sie sogar niedriger als sonst üblich im Juni und Juli.

Gerade die Nachfrage aus dem Ausland sei schwach. Und dies wertet der Verband als besonders alarmierend. Denn ausländische Touristen gäben im Durchschnitt mehr Geld aus als einheimische. Viele Hotels seien nun dazu übergegangen, ihre Marketingstrategien anstelle von Fußballfans wieder stärker auf gewöhnliche Touristen auszurichten.
Der Hotelverband gibt zu, seine Mitglieder hätten die Nachfrage überschätzt, er macht dafür aber auch die FIFA mitverantwortlich. Die Fußballorganisation hatte in den WM-Städten vorsorglich größere Zimmerkontingente reserviert, die bis Ende März stornierbar waren. Von diesem Rücktrittsrecht hat sie offenbar reichlich Gebrauch gemacht, nach Angaben des Hotelverbandes hat sie in manchen Städten mehr als 70 Prozent der reservierten Zimmer wieder storniert. Der Verband hält der FIFA nun vor, es mit den Buchungen von Kontingenten übertrieben zu haben. Sie habe damit ein „künstliches frühes Nachfragesignal“ gegeben, das an der Realität vorbeigegangen sei. Hotels seien durch die vielen FIFA-Buchungen zu übermäßig rosigen Annahmen verführt worden und müssten nun darum kämpfen, stornierte Zimmer zu füllen.

Der zwischenzeitliche Optimismus hat offenbar viele Hotels dazu ermutigt, ihre Preise zunächst kräftig zu erhöhen, so wie dies oft bei Großveranstaltungen der Fall ist. Die „New York Times“ analysierte kurz nach Veröffentlichung des Spielplans im Dezember die Preise in knapp 100 Hotels. Und demnach wurden damals an den Austragungsorten für den Tag des ersten WM-Spiels im Durchschnitt 1013 Dollar für ein Zimmer verlangt – verglichen mit 293 Dollar einige Wochen vor Turnierbeginn. Mittlerweile aber haben sich viele Hotels, so wie das Hilton Midtown, zu einer drastischen Korrektur nach unten gezwungen gesehen. Manche haben auch wieder damit aufgehört, Buchungen während der WM nur mit einem Mindestaufenthalt von mehreren Tagen zu erlauben.
Kritik an hohen Ticketpreisen
In der Branche gibt es einige Erklärungen dafür, was Fußballfans abschrecken könnte. Dandapani vom New Yorker Hotelverband hält die Kosten für einen wesentlichen Faktor und verweist an erster Stelle auf die hohen Ticketpreise. Die FIFA hat für dieses Turnier zum ersten Mal Tickets mit „dynamischer Preisgestaltung“ verkauft, also die Preise laufend an die Nachfrage angepasst. Dies hat den Effekt, dass die Karten diesmal weitaus teurer sind als jemals in der WM-Geschichte.
Auf Wiederverkaufsplattformen wird noch einmal deutlich mehr als der von der FIFA gesetzte Preis verlangt. Gerade für begehrtere Spiele ist es oft schwer, Karten für weniger als 1000 Dollar zu finden. „Für viele Leute ist die WM unerschwinglich geworden“, sagt Dandapani. Vor wenigen Tagen haben die Generalstaatsanwaltschaften in New York und New Jersey Ermittlungen zu den „Ticketpraktiken“ der FIFA angekündigt. Dabei geht es um das variable Preismodell und die Frage, ob Ticketkäufer „getäuscht“ worden seien, wo sich im Stadium die von ihnen gekauften Sitzplätze befänden.
Zu den teuren Tickets kommen die gegenwärtig hohen Flugpreise. Und selbst der Transport ins Stadion kann ins Geld gehen. In New York gab es einen Aufschrei, als im April Pläne der lokalen Bahngesellschaft bekannt wurden, für die Zugfahrt vom Bahnhof Pennsylvania Station zum Metlife-Stadion in New Jersey und wieder zurück 150 Dollar zu verlangen. Normalerweise sind für diese Route nur 12,90 Dollar fällig. Nach der scharfen Kritik ruderten die Bahnbetreiber zumindest ein Stück weit zurück und reduzierten den Preis auf 98 Dollar.
Einreiseverbote in die USA
Ein anderes Hindernis sieht die Hotelbranche in der Einreisepolitik der US-Regierung unter Donald Trump. Der Hotelverband AHLA sagt, es mache sich das Gefühl breit, dass die USA für Reisende aus dem Ausland „immer weniger den roten Teppich ausrollen“. Für Menschen aus vier Teilnehmerländern – Iran, Haiti, Senegal und Elfenbeinküste – gelten Einreiserestriktionen oder gar -verbote. Die US-Regierung hat außerdem im vergangenen Jahr eine Zusatzgebühr von 250 Dollar für die Ausstellung von Visa beschlossen, und selbst für Reisende aus Regionen wie der EU, die kein Visum benötigen, sind neue Anforderungen im Gespräch, etwa die Preisgabe persönlicher Informationen von ihren Konten auf Onlineplattformen.
Der Reiseverband U.S. Travel Association beschreibt die höhere Visagebühr und auch die Offenlegungspflicht persönlicher Informationen als Bedrohungen, die der Branche Milliardenbeträge kosten könnten. Er weist aber darauf hin, dass beide Regeln bislang noch nicht in der Praxis umgesetzt seien und dies auch nicht vor dem Ende der WM erwartet werde. Und er versucht mit fast etwas verzweifeltem Unterton, potentielle Reisende aus dem Ausland zu beruhigen: „Ihr seid in Amerika willkommen.“
Infantino verleiht Trump „Friedenspreis“
FIFA-Chef Infantino hat ein enges Verhältnis zu Trump kultiviert und ihm sogar einen neu geschaffenen „Friedenspreis“ verliehen. Dandapani wertet das im Prinzip als willkommenes Signal dafür, dass dem US-Präsidenten daran gelegen sei, die WM zu einem Erfolg zu machen. Allerdings schlage sich dies bislang nicht in einer Politik nieder, die ausländischen Fans die Einreise in die USA erleichtere. Insbesondere für Menschen aus einigen südamerikanischen Ländern dauere es viel zu lange, ein Visum zu bekommen.
Ein Ausbleiben des erhofften kräftigen WM-Schubs wäre für die amerikanische Tourismusbranche ein weiterer Rückschlag. Schon das vergangene Jahr war eine Enttäuschung, die Zahl der ausländischen Besucher in den USA fiel nach Angaben der Marktforschungsgruppe Tourism Economics um 5,5 Prozent. Auch das dürfte zumindest zum Teil auf negative Trump-Effekte zurückzuführen sein. Das lässt sich allein daran ablesen, dass das Besucherminus aus Kanada mehr als 20 Prozent betrug. Dort ist der Unmut über Trump besonders groß, nachdem er wiederholt darüber gesprochen hat, das Land zu einem US-Bundesstaat machen zu wollen. Auch Trumps Zollpolitik wird in der Branche als Grund für die schwache Entwicklung im vergangenen Jahr angeführt.

New York ist unabhängig von großen Sportereignissen ein Touristenmagnet und wird, wie Dandapani sagt, „auf der ganzen Welt gemocht, egal wer im Weißen Haus ist“. Trotzdem könnte die US-Metropole nach seinen Worten ein substanzielles Zusatzgeschäft durch die WM dringend gebrauchen. Die Hotellerie habe auf einen „transformierenden“ WM-Effekt gehofft, gerade nach dem schwierigen vergangenen Jahr und angesichts der zusätzlichen Belastung durch den Krieg in Iran. Die Zahl der Touristen aus dem Ausland liege noch immer unter dem Niveau vor der Corona-Krise. Zudem sei der Juli traditionell einer der schwächsten Monate für New Yorker Hotels.
„Wenn die großen Fußballländer weiterkommen, werden die Städte voll“
Dandapani hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass der WM-Tourismus noch an Fahrt aufnimmt und sich das Geschäft gerade in der späteren Phase des Turniers belebt. Darauf setzt auch Jan Freitag, ein auf die Hotelindustrie spezialisierter Analyst der Marktforschungsgruppe Costar. Er stellt sich auf eine „Geschichte von zwei Weltmeisterschaften“ ein. Er vermutet, die Anfangsphase mit den Gruppenspielen werde eher durchwachsen ausfallen, zumal es in dem großen Feld einige nicht allzu reizvolle Spiele gebe. Dies werde sich aber spätestens im Juli ändern, wenn die K.-o.-Runde in vollem Gang sei. Wenn feststehe, wer sich für die jeweils nächste Runde qualifiziere, würden viele Fußballfans aus den betreffenden Ländern spontan zur WM reisen. „Wenn dann die großen Fußballländer weiterkommen, können wir davon ausgehen, dass die Stadien und die Städte voll sind und die Hotelbranche davon profitiert.“
Auch die Marktforscher von Tourism Economics erwarten eine Belebung im Laufe des Turniers. Und unter dem Strich rechnen sie mit einem positiven WM-Effekt. Nach dem Minus im vergangenen Jahr sagen sie für das Jahr 2026 einen Anstieg der Besucherzahlen in den USA um 3,4 Prozent voraus. Und sie erwarten, dass davon 1,1 Punkte auf die WM zurückzuführen sein werden. Den Gesamteffekt für Hotels vergleichen sie mit zehn Super Bowls – immerhin, wenn auch nicht einmal in der Nähe der Messlatte von 104 Super Bowls, die Infantino gesetzt hat.
