
Die Taktzahl der Schlagzeilen, die das Verhältnis von Juden und Muslimen als einen ständigen Konflikt beschreiben, ist hoch. Der Krieg im Nahen Osten, der Terrorangriff auf Israel sind nur Teile davon. Dass es auch anders geht, dass Menschen mit unterschiedlichen Religionen gemeinsam viel erreichen können, zeigen Beispiele aus Frankfurt. Eine neue Ausstellung stellt jüdisch-muslimische Verbindungen vor – Freundschaften, Liebesbeziehungen oder berufliche Kontakte –, die seit Langem politische und religiöse Differenzen aushalten. Wie und warum es den Beteiligten gelingt, im konstruktiven und empathischen Austausch miteinander zu bleiben, will die Schau „Zusammenhalt in der Krise“ ausleuchten, die von Montag an in den Römerhallen gezeigt wird.
Der Autor und Kultursoziologe Arndt Emmerich stellt die Beteiligten in einer wissenschaftlich begleiteten Studie vor, Philipp Eichler hat sie fotografiert. Die Bertelsmann-Stiftung hat dazu eine Broschüre veröffentlicht, in der nicht nur die Geschichten der jeweiligen „Paar-Beziehungen“ geschildert werden, sondern auch die Umstände analysiert werden, die einen solchen belastbaren Austausch überhaupt erst ermöglichen. Emmerich hat unter anderem kickende Väter und Wissenschaftler, Politikerinnen und Gastronomen, eine Projektmanagerin und einen Imam befragt. Es sind bekannte und weniger bekannte „Macher“ mit Migrationsgeschichte, die die Stadt auf ihre Weise prägen.
Eltern werden in die Aufklärungsarbeit einbezogen
Zwei der Porträtierten, Hanifa Haqani und Manfred Levy, haben erst nach dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, zueinandergefunden. Die Religionswissenschaftlerin, geboren in Afghanistan, arbeitet in ihrem Verein Rumi Impuls seit Jahren mit jungen Flüchtlingen aus verschiedenen muslimisch geprägten Ländern; der Lehrer und Museumspädagoge war lange Jahre im Jüdischen Museum für Bildung zuständig.
In den vergangenen Jahren habe sie häufiger als zuvor antisemitische Sprüche von Jugendlichen gehört, sagt Haqani, nicht nur unter muslimischen Schülern, auch unter ukrainischen. Um die darunterliegenden Vorurteile aufzubrechen, suchte sie zunächst für Workshops jemanden, der ihrer muslimischen eine jüdische Perspektive gegenüberstellen konnte. In Levy fand sie einen erfahrenen Pädagogen, mit dem sie Anfang 2025 das Projekt „Makom“ – hebräisch für „Raum“ – entwickelte, in dem sich Menschen vorurteilsfrei begegnen sollen. Es soll Begegnungen mit Jugendlichen ermöglichen, die sich nicht in einem Workshop erschöpfen, sondern regelmäßig stattfinden. Außerdem sollen die Eltern involviert werden, um deren Erziehungspflicht nicht außen vor zu lassen.
„Wir wollen erreichen, dass sie gedanklich stolpern“
Beide wissen, dass sich Vorteile nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Dass es Vertrauen braucht, das erst aufgebaut werden muss. „Wenn wir dann noch erreichen, dass sie gedanklich stolpern, dass sie ihre Vorurteile in Frage stellen – dann haben wir viel gewonnen“, sagt Levy. „Wir müssen mit jedem Einzelnen arbeiten, um das alles aufzubrechen“, ergänzt Haqani. Denn: „Eine Doktorarbeit über Antisemitismus werden unsere Schüler nicht lesen.“
Die Arbeit mit Jugendlichen sei das Beste, was sich gegen Rassismus tun lasse, davon sind beide überzeugt. Die Schüler im Alter zwischen 16 und 21 Jahren, mit denen sie sprächen, seien genau in dem Alter, in dem sie noch ihre Rolle im Leben suchten. Sie konfrontieren in den Treffen Levy und Haqani mit Thesen, die ihnen in den sozialen Medien untergekommen sind, und erwarten eine Einordnung, „eine richtige Antwort“, sagt Haqani. „Aber die gibt es nicht. Wir können aber aufklären, was Propaganda ist, egal von welcher Seite.“
Das jüdisch-muslimische Tandem bietet in ganz Hessen pädagogische Tage für Lehrer an. Die Pädagogen fühlen sich laut Levy oft hilflos. Sie fühlten sich von ihren Schulen alleingelassen, weil es an konkreten Leitlinien im Schulalltag fehle, um mit Rassismus und Sexismus umzugehen. Was tun, wenn ein Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigert? Wenn auf dem Schulhof „Du Jude“ als Schimpfwort fällt? Auch aufseiten der Lehrer bestünden Scheu und Unkenntnis im Umgang mit einer Vielfaltsgesellschaft, die sich im Klassenzimmer zeige. Levy sagt: „Wichtig ist, dass man unsere Demokratie verteidigt und nicht aus falscher Toleranz Aussagen zulässt, die nicht hierher gehören.“
Zur Ausstellung
Die Schau „Zusammenhalt in der Krise“ wird am Montag, 8. Juni, von Bürgermeisterin Nargess-Eskandari Grünberg in den Römerhallen eröffnet. Sie ist dann noch zehn Tage zu sehen, bevor sie auf Deutschlandreise geht.
Gleichzeitig wird online eine Broschüre der Bertelsmann-Stiftung mit demselben Titel veröffentlicht, die außer Hintergründen zu den abgebildeten Personen und ihren Projekten auch darstellt, was für eine gelingende Zusammenarbeit nötig ist.
