Es ist ein gewöhnlicher Samstagnachmittag im Schachklub von Almagro, einem bodenständigen Viertel von Buenos Aires. An kleinen Holztischen sitzen Buchhalter, Studenten, Schüler. Dazwischen beugt sich ein Mann über das Brett, der sonst über Beteiligungen, Investitionen und Datenkonzerne bestimmt. Peter Thiel, der deutschstämmige Milliardär, Trump-Unterstützer und Mitbegründer von Paypal und Palantir, hat sich unter die Einheimischen gemischt. Am Ende belegt er den dritten Platz, lässt sich mit der Bronzemedaille fotografieren. „Er spielte nicht schlecht“, wird einer der Teilnehmer zitiert.
Doch Thiel ist nicht nach Buenos Aires gekommen, um Schach zu spielen. Er ist dabei, sein Leben zu verlagern. Thiel, der seit Jahren alternative Staatsbürgerschaften, Aufenthaltsrechte und Rückzugsorte sondiert, scheint in Argentinien seinen bisher ambitioniertesten Plan B gefunden zu haben.
Anarcho-Kapitalisten unter sich
Nach außen gibt sich Thiel als Bewunderer des neuen argentinischen Weges. In Präsident Javier Milei erkennt er einen politischen Verbündeten, vielleicht sogar einen Seelenverwandten. Milei, der sich selbst als Anarcho-Kapitalist bezeichnet, will den Staat mit der Kettensäge zurechtstutzen. Thiel misstraut dem Staat seit Langem. Beide verachten hohe Steuern, Sozialismus und alles, was sie als „woke“ definieren. „Es war ein Anarcho-Kapitalist, der einen anderen traf, der die Dinge in die Tat umsetzt“, beschrieb Milei sein Treffen mit Thiel.

Doch hinter der ideologischen Nähe stehen handfeste finanzielle Interessen. Ein wesentlicher Treiber für Thiels Flucht aus den USA ist eine drohende Steuerreform in Kalifornien. Dort könnte eine Volksabstimmung im November eine fünfprozentige Vermögenssteuer für Milliardäre einführen. Für Thiel würde dies eine Abgabe in Milliardenhöhe bedeuten – ein Szenario, dem er bereits durch einen Umzug nach Florida zu entgehen versuchte, das ihm nun aber offenbar nicht mehr sicher genug erscheint. Argentinien bietet Thiel etwas, das ihm offenbar wertvoller erscheint als Rechtssicherheit im klassischen Sinn: Distanz. Und eine Regierung, die Menschen wie ihn nicht misstrauisch beäugt, sondern hofiert.
Thiel beschäftigen Untergangsszenarien: Atomkrieg, KI, Weltregierung
Hinzu kommt ein Motiv, das Thiel seit Jahren begleitet. Er beschäftigt sich obsessiv mit Untergangsszenarien. Atomkrieg, Künstliche Intelligenz außer Kontrolle, eine künftige Weltregierung, der Verlust individueller Souveränität. Thiel hat vor solchen Szenarien öffentlich gewarnt.
In Argentinien sieht er offenbar nicht nur ein Investitionsziel, sondern ein Refugium. Die Lage auf der Südhalbkugel, weit entfernt von den großen Konfliktachsen des Nordens, macht das Land für jene attraktiv, die über Katastrophen nicht nur theoretisch nachdenken, sondern Immobilien danach auswählen.
Rückzugsort mit Bunker
Thiel hat in Buenos Aires bereits eine Villa in einem der exklusivsten Viertel erworben, direkt gegenüber dem Haus einer der bekanntesten Schauspielerinnen des Landes. Für die Einrichtung soll er einen lokalen Kunsthändler engagiert haben. Doch seine Pläne reichen offenbar über die argentinische Hauptstadt hinaus. Berichten zufolge hat Thiel auch ein Grundstück nahe Punta del Este in Uruguay gekauft, jener Küstenregion, die gern als Hamptons Südamerikas beschrieben wird. Dort gibt es Diskretion, Weite und genügend Abstand zur Welt. Beobachter spekulieren, ob das Gelände als Standort für eine Art Fluchtanlage dienen könnte. Es wäre nicht Thiels erster Versuch: Schon in Neuseeland hatte er sich einen Rückzugsort mit Bunker schaffen wollen. Das Projekt scheiterte am Ende an lokalen Widerständen.
In Buenos Aires ist Thiel indes alles andere als isoliert. Er traf Milei, Wirtschaftsminister Luis Caputo und Deregulierungsminister Federico Sturzenegger. Bei Sturzenegger war er sogar mit seinem Mann zum Abendessen. Eingefädelt wurden die Kontakte über Alec Oxenford, den argentinischen Botschafter in den USA und früheren Techunternehmer. Oxenfords Firma OLX hatte einst Risikokapital von Thiel erhalten.
Das Netzwerk reicht über klassische Investitionsgespräche hinaus. Bei einem Abendessen in Thiels neuer Villa soll der Gastgeber lange Reden über den Antichristen und die Gefahr einer totalitären Weltregierung gehalten haben. Anwesende argentinische Intellektuelle reagierten dem Vernehmen nach fasziniert und befremdet zugleich.
Argentinische Staatsbürgerschaft für Thiel?
Gerade das macht Thiels möglichen Umzug nach Argentinien so bemerkenswert. Er ist nicht einfach ein Investor, sondern ein politischer Akteur und Ideologe. Für Mileis Regierung ist er ein Geschenk. Ein Milliardär von globalem Rang, der nach Buenos Aires zieht, passt perfekt zur Erzählung vom neuen Argentinien. Ein Land, das aus der Umklammerung von Staat und Regulierung befreit wird und nun wieder Kapital anzieht.
Mileis Kabinettschef Manuel Adorni formulierte es entsprechend offen. Alle Milliardäre der Welt, die vor Ländern mit wachsender Regulierung und höheren Steuern fliehen wollten, seien im neuen Argentinien der Freiheit willkommen. Thiel scheint diese Einladung anzunehmen. Er soll seine Familie nach Argentinien gebracht und seine Kinder bereits an einer lokalen Privatschule angemeldet haben. Die Regierung denkt offenbar darüber nach, Thiel die Staatsbürgerschaft oder eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu gewähren.
Bei Kritikern wächst die Nervosität. Nicht nur wegen Thiels Vermögen, sondern wegen Palantir, jener Big-Data-Firma, die eng mit Sicherheitsbehörden und Regierungen zusammenarbeitet. Teile der Opposition fürchten, Thiel könnte über solche Strukturen Zugang zu sensiblen Daten bekommen oder politischen Einfluss nehmen. Manche ziehen einen bewusst scharfen Vergleich zur „Rattenlinie“, über die nach dem Zweiten Weltkrieg Nationalsozialisten nach Südamerika flohen, um ihrer Verantwortung zu entgehen.
Peter Thiel sucht in Argentinien angeblich Schutz vor dem Weltuntergang. Vielleicht ist er aber nur der prominenteste Migrant einer neuen globalen Elite, die weniger vor dem Untergang flieht, sondern vor Verantwortung, Besteuerung und Kontrollverlust.
