Warum in der Schule Kindern nach wie vor mit viel Zeit und Mühe beigebracht wird, wie sie mit der Hand schreiben, ist eine gute Frage. Schließlich wird längst das Allermeiste, was geschrieben wird, getippt: auf der Tastatur eines Computers oder auf den Bildschirmen von Smartphones oder Tablets. Das geht schnell, ist gut leserlich, lässt sich leicht verbessern und gut weiterverarbeiten: Die Vorteile dieser Arten zu schreiben sind klar. Und die Nachteile des Schreibens mit der Hand genau so: Es ist anstrengender und braucht länger. Trotzdem gibt es auf die gute Frage eine gute Antwort.
Diese Antwort kann man besser verstehen, wenn man sich kurz klarmacht, wozu es überhaupt gut ist zu schreiben. „Um Dinge festzuhalten“ wäre eine Antwort, die zu vielen verschiedenen Zwecken passt, in denen Menschen schreiben: In einem Brief oder einer E-Mail halten sie eine Botschaft fest, in einem Buch eine Geschichte, in einer WhatsApp-Nachricht eine Neuigkeit, eine Frage oder einfach Quatsch. Das sind ein paar Beispiele für Geschriebenes, das von anderen gelesen werden soll. Dann gibt es noch Geschriebenes, das die Leute für sich selbst notieren, zum Beispiel in ihr Tagebuch oder auf einem Einkaufszettel.

Das Tagebuch ist eine tolle Gelegenheit, Gedanken und Gefühle festzuhalten, sich über die Welt und sich selbst klar zu werden. Und einen Einkaufszettel schreiben wir, damit wir auch im Laden noch wissen, was wir besorgen wollten: um uns etwas zu merken. Wer also nachdenken oder sich etwas merken will, macht es sich leichter, wenn er für sich selbst etwas aufschreibt. Und beides, das Nachdenken und das Merken, sind Fähigkeiten, die man in der Schule lernt. Sie sind noch wichtiger als alles, was wir im Einzelnen lernen. Wichtiger als zu wissen, wie die Stadt Rom gegründet wurde, was Igel im Winter machen oder wie viel Kilogramm dem Gewicht einer Tonne entspricht.
Viele Hirnregionen gleichzeitig aktiv
Na gut, könnte man jetzt denken, dann schreibe ich mir eben etwas auf. Aber warum sollte ich das mit der Hand machen, mit einem Stift, und nicht einfach auf meinem Smartphone tippen? Weil – das bestätigen Forschungsergebnisse aus der ganzen Welt – wir Menschen uns tiefer mit dem beschäftigen, was wir mit der Hand aufschreiben.
An der Universität Trondheim in Norwegen haben Forscher herausgefunden, dass beim Schreiben mit der Hand mit seiner Kombination aus Bewegung, Sehen und Denken viele verschiedene Bereiche in unserem Kopf, viele Hirnregionen gleichzeitig aktiv sind. Die Nervenzellen werden besser miteinander vernetzt, und diese Vernetzung hilft beim Lernen. An anderen Universitäten haben Studien ergeben, dass man Vorträge besser versteht, wenn man sich dazu Notizen mit der Hand macht.
Gleich einordnen, nachdenken, verstehen
Jetzt ist natürlich die große Frage: Warum ist das so? Die Forscher haben eine interessante Idee: Gerade, weil es anstrengender und zeitaufwändiger ist als das Tippen, ist das Schreiben mit der Hand im Vorteil. Es werden mehr Bereiche des Hirns und des ganzen Körpers eingesetzt, das macht das Lernen einfacher. Und weil es länger braucht, haben die Studenten nicht alles aufgeschrieben, was sie gehört haben, sondern es teils mit ihren eigenen Worten notiert, teils schon beim Aufschreiben das Wichtigere vom weniger Wichtigen getrennt. Sie haben also gleich beim Aufschreiben mit dem Einordnen begonnen, mit dem Nachdenken, mit dem Verstehen.
In unserer Zeit, in der es immer einfacher wird, eine Aufgabe Künstlicher Intelligenz zu überlassen, ohne dass man dem Ergebnis gleich ansieht, dass es eine Maschine gemacht hat, hat eine mit der Hand geschriebene Hausaufgabe noch einen Vorteil für die Lehrer: Sie können wenigstens sicher sein, dass sich der Schüler die Mühe gemacht hat, selbst aufzuschreiben, was er abgegeben hat, statt es einfach zusammenzukopieren.
An diesem Freitag, am 23. Januar 2026, wird der Internationale Tag der Handschrift begangen. Das ist ein Anlass, mal wieder darauf zu schauen, wie schön mit der Hand geschriebene Zeilen aussehen können, wie verschieden und wie persönlich Handschrift ist. Und sich daran zu erinnern, dass das Schreiben mit der Hand eine Mühe ist, die sich lohnt.
