
Es ist einer dieser Tage, an denen gefühlt alle im Washington Square Park sind, dem Herzen der New York University in Lower Manhattan. Die Sonne scheint warm auf die frisch grünen Bäume herab, an jeder Ecke spielt eine Band, Künstler haben ihre Bilder an den Rand des Brunnens gelehnt, und vor dem Triumphbogen posieren Absolventinnen in lila Roben für ihr Abschlussfoto.
Es ist einer dieser Tage, an denen ich die Energie New Yorks besonders spüre. Doch die ausgelassene Stimmung, die hier am Campus meistens herrscht, lässt schnell vergessen, was eigentlich in diesem Land und an seinen Universitäten passiert.
Im Frühjahr 2025 stand ich vor der Entscheidung, für mein zweijähriges Masterstudium in Global Journalism an die NYU zu gehen, die größte und internationalste Privatuniversität der Vereinigten Staaten mit 60.000 Studierenden aus mehr als 120 Ländern. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte da gerade seinen Angriff auf die Eliteuni Harvard begonnen und Interviewtermine für Studierendenvisa gestoppt.
Leben in zwei Realitäten
Wie viele andere internationale Studentinnen und Studenten trat auch ich angespannt von einem Fuß auf den anderen – erst in der Schlange vor dem US-Konsulat in Berlin, später während der Einreise am Flughafen in New York. Ich fragte mich, ob ich das Visum bekommen oder im Zuge der Passkontrolle womöglich in einen Nebenraum abgeführt werden würde für weitere Befragungen. Und ich fragte mich, wie willkommen ich in den USA, dem Traumziel vieler deutscher Akademiker, überhaupt noch war.
Ein Jahr später weiß ich, dass ich hier in zwei Realitäten gleichzeitig lebe, die sich immer mehr verweben: meiner persönlichen und der politischen.
An einem normalen Dienstag im Frühlingssemester diskutiere ich in meinen Kursen mit Kommilitonen aus dem Kosovo, Saudi-Arabien, Südkorea und verschiedenen Teilen der USA über Weltordnung und KI im Journalismus. Manche sind Aktivisten, andere haben aus Krisengebieten berichtet oder im Weißen Haus gearbeitet. Mittags Kaffee im Park, um einem türkischen Freund von der Veranstaltung am Vortag zu erzählen: Eine Nobelpreisträgerin war zu Gast. Und das war nur der Dienstag.
Die Vielfalt fördert die Offenheit
Ich treffe hier täglich auf eine Vielfalt an Kulturen, Religionen und Lebensgeschichten, die es wohl nur in New York City und in einer so internationalen Gemeinschaft wie der NYU geben kann. Eine Vielfalt, die keine andere Möglichkeit lässt, als offen und neugierig für andere Perspektiven zu sein, voneinander zu lernen und an Kontroversen zu wachsen. Sie ist das, was die USA ausmacht, und das, was gerade auf dem Spiel steht.
Denn gleichzeitig studiere ich in einem Land, dessen Präsident sich zunehmend autoritär verhält und in dem die Unabhängigkeit demokratischer Institutionen gefährdet ist. Die Universitäten, die eigentlich für freies Denken stehen, sind nicht nur im Visier der Regierung, sondern wenden sich teilweise gegen ihre eigenen Studierenden.
Diese Fakten kann ich leicht, vielleicht zu leicht, ausblenden, aber doch nie ganz vergessen. Denn die Politik bahnt sich immer mehr ihren Weg in meine Blase.
Sicherheitspersonal in der Bibliothek
Wenn ich in die Bibliothek gehe, meinen Ausweis schon in der Hand, muss ich an extra Absperrungen und Sicherheitspersonal vorbei, seit Studierende während eines Protests Ende 2024 die Türen blockiert hatten. An die Sicherheitsleute in ihren NYU-Uniformen habe ich mich zwar gewöhnt, viele sind freundlich, aber unter Beobachtung fühle ich mich trotzdem.
Während der großen Absolventenfeier im Mai, die traditionell im Stadion der New York Yankees stattfindet, gab es dieses Jahr außerdem keine Live-Reden von Studierenden. Im vergangenen Jahr hatte ein Student die Plattform genutzt, um den „Genozid […] in Gaza“ zu verurteilen. Nun wurden die Reden voraufgezeichnet, sodass die Uni-Führung jedes Wort absegnen konnte, offiziell für eine „vielfältigere und ansprechendere“ Feier. Für mich ist es ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber uns Studenten.
In Zeiten, in denen die Regierung Hochschulen von der University of California bis Harvard verklagt, weil diese angeblich nicht ausreichend gegen Antisemitismus vorgehen, will die NYU offenbar lieber auf Regierungslinie sein, anstatt sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen – und damit ist sie nicht allein.
Zurückhaltung bei gewissen Themen
Im College Free Speech Ranking der Foundation for Individual Rights and Expression erhielten fast zwei Drittel aller 257 untersuchten US-Colleges ein F als Gesamtnote. Studierende wären damit durchgefallen. Grund ist vor allem der Widerstand der Unis gegen Pro-Palästina-Aktionen. Doch auch insgesamt zögern Studierende der Untersuchung zufolge, ihre echte Meinung zu sagen – ein Gefühl, das viele meiner Kommilitonen teilen. „Ich habe Angst, dass die Uni mir im Zweifel nicht den Rücken stärken würde“, sagte eine Freundin aus Kolumbien zu mir.
Der Preis, Studierende vor Angriffen der Regierung zu schützen und schlimmstenfalls Fördergelder zu verlieren, scheint höher zu sein. Aus demselben Grund schließen Universitäten ihre Gender-Studies-Programme und ändern Curricula in den Geisteswissenschaften.
Für uns internationale Studierende ist daher klar, dass bei gewissen Themen Zurückhaltung geboten ist. Wer sich bei Social Media äußert oder an Protesten teilnimmt, muss abwägen zwischen „Meinungsfreiheit ausüben“ und „Visum riskieren“. „Ich war schockiert, als ich mich bei diesem Gedanken ertappt habe“, sagt Lukas, der für ein Semester aus Berlin hier war. „Bei so was denkt man an die Türkei oder China, aber doch nicht an die USA.“
Falschparken kann zum Verhängnis werden
Auch kleine Fehltritte, wie durch geschlossene Parks zu gehen oder Falschparken, könnten uns zum Verhängnis werden. Vor einem Jahr entzog die Regierung Tausenden Studierenden wegen solch geringfügiger Gesetzeskonflikte von heute auf morgen ihre Visa. Viele bekamen sie zwar zurück, trotzdem mahnen mich solche Meldungen, aufmerksam zu sein.
Ernster ist die Situation für queere Studentinnen oder Studenten. Aus Gesprächen weiß ich, dass sie keine Angst haben, sich in einer so liberalen Stadt wie New York zu bewegen, vor der Universität aber schon. Einige, die sich als non-binär identifizieren, nutzen auf der Internetseite lieber binäre Pronomen. Sie beschreiben das Gefühl, an der Universität und im Land nicht gewollt zu sein.
Und dann ist da natürlich noch die Einwanderungsbehörde ICE, die in Deutschland vor allem durch die Ereignisse in Minneapolis Schlagzeilen gemacht hat, aber auch immer wieder gegen internationale Studierende vorgeht. In meinem Umfeld werden über ICE vor allem zynische Witze gerissen. Wie real die Gefahr ist, versteht man erst wieder, wenn tatsächlich etwas passiert.
Im Februar kam ich gerade mit einer griechischen Kommilitonin von einem Yogakurs, als sie mir die Nachricht zeigte: ICE hatte sich offenbar mit einer Lüge Zugang zum Campus der Columbia University in Upper Manhattan verschafft und eine Studentin aus Aserbaidschan festgenommen. Wir waren schockiert und zumindest für den Rest des Tages beunruhigt. Zwar betont die NYU immer wieder, dass sie den Behörden nicht unbegründet Zugang gewährt, aber echten Schutz bietet das eben nicht.
In der liberalen Blase
Wie frei fühlt sich das Studieren in den USA also noch an? Für mich persönlich freier, als es auf dem Papier und in den Nachrichten aussieht, sowohl in der Stadt als auch an der Uni selbst. Bei allen Einschränkungen, die ich mal mehr und mal weniger spüre, fällt mein Fazit nach einem Jahr doch positiv aus. Jeder einzelne Tag hier bereichert mich intellektuell und persönlich.
Allerdings entspreche ich als weiße Europäerin auch nicht der stereotypischen ICE-Zielperson. Durch meine Arbeit als Journalistin habe ich außerdem immer noch eine Plattform, um Probleme zu adressieren. Auch an meinem Institut an der NYU, in den Kursen und erst recht in persönlichen Gesprächen habe ich das Gefühl, meine ehrliche Meinung sagen zu können. Und natürlich lebe ich in der liberalen Blase der USA, der Einwandererstadt überhaupt. Die Communitys mit Menschen aus aller Welt sind hier nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern geschätzt. Die Solidarität ist hier deshalb sicherlich eine andere als im Rest der USA.
Vielleicht ist es das, was mich am meisten umtreibt: Erlebe ich hier gerade noch die Ruhe vor dem Sturm?
