Kürzlich habe ich gelesen, dass immer mehr werdende Eltern sich ein Mädchen wünschen. Immer häufiger sei die Nachricht, dass sie einen Jungen bekommen werden, ein sogenanntes „Gender Disappointment“, also schlichtweg eine große Enttäuschung, hieß es dort. Influencerinnen sollen vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen, wenn bei sogenannten „Gender Reveal Partys“ blaue statt rosa Luftballons aufsteigen.

Nora Levin
lebt mit ihren beiden Söhnen (Jahrgänge 2012 und 2016) im Rhein-Main-Gebiet. Die Kinder leben im Wechselmodell teils bei ihr und teils bei dem Vater. Das Schönste am Eltern-Dasein ist für Nora Levin, dass sie endlich wieder ohne Rechtfertigungsdruck lauter Kinderkram erleben kann. Freizeitparks, Zoos, Erlebnisbäder, Abenteuerspielplätze – all das liebt sie sehr und ist daher traurig, dass zumindest ihr älterer Sohn darauf langsam keine Lust mehr hat. Hier in der Eltern-Kolumne „Schlaflos“ schreibt sie unter Pseudonym.
Bild: F.A.Z.
Auf den ersten Blick wirkt so ein Verhalten befremdlich. Wie viele Menschen wünschen sich sehnlichst ein Kind, egal ob Mädchen oder Junge, und können keines bekommen? Und ist denn wirklich das Geschlecht relevant? Muss man sich nicht vor allem freuen, wenn ein Kind gesund auf die Welt kommt?
Die letzte Chance auf eine Tochter
Das ist ganz sicher so. Doch dieses Gefühl der Enttäuschung ist eben kein Akt der Vernunft. Und auch ich habe mich vor zehn Jahren sehr dafür geschämt, so zu fühlen.
Ich hatte einen Sohn, er war damals drei, und ich habe mir einfach sehr als zweites Kind eine Tochter gewünscht. Immer schon übrigens. Ich konnte mir als junge Frau überhaupt nicht vorstellen, dass ich einmal „nur“ Söhne haben würde. Und doch kam Ende 2015 die Nachricht: Auch das zweite Kind wird ein Junge. Ich wusste damals, dass damit die Chance auf eine Tochter ein für alle Mal vorbei war – denn mehr als zwei Kinder waren aus mehreren Gründen keine Option für mich.
Meine Vorurteile und ich
Was mir damals durch den Kopf ging, waren sehr klischeebehaftete Vorstellungen über Jungen und Mädchen – auch das war mir damals übrigens zu peinlich, um sie auch nur auszusprechen. Aber ich nehme fast an, sie gehen vielen werdenden Eltern durch den Kopf, die einen bestimmten Geschlechterwunsch haben.
Ich sah mich einsam und alleine mit zwei stets schweigsamen, unkommunikativen Kindern zu Hause sitzen – denn Jungen sind meistens nicht sehr kommunikativ, nicht wahr? Ich sah mich mit zwei immer schwitzenden, hyperaktiven, untereinander handgreiflichen Kindern in einer Wohnung eingesperrt, in der ich dann abends immer das Tobe-Chaos beseitigen muss – denn alle Jungen sind wild und toben gerne, oder? Ich sah mich im Altersheim sitzen, ohne groß Besuch zu bekommen – denn es sind die erwachsenen Töchter, die sich um ihre Eltern kümmern, nicht die Söhne, richtig?
Wie wäre es wohl gewesen?
All das und vieles mehr ging mir damals durch den Kopf, und ich war wirklich einige Wochen lang traurig. Und fühlte mich zugleich schlecht damit, solche Gedanken überhaupt zu haben. Nur meiner besten Freundin – die übrigens schon damals zwei Töchter hatte – vertraute ich sie an. Und sie konnte meine Trauer – es fühlte sich wirklich etwas wie Trauerarbeit an – gut nachvollziehen, denn sie selbst hatte sich auch stets Töchter gewünscht.
Zehn Jahre später, meine Söhne sind inzwischen 9 und 13, denke ich ganz anders über die Sache. Es ist keineswegs so, dass ich nicht manchmal denke, ich hätte gerne noch eine Tochter gehabt. Ich frage mich einfach, wie das wohl gewesen wäre. Aber ich habe inzwischen auch verstanden, dass das, was viele Menschen – mich selbst eingeschlossen – so über die Eigenschaften von Jungen und Mädchen denken, doch einfach sehr pauschalisiert ist.
In den Augen vieler wohl nicht sehr jungenhaft
Meine Söhne sind grundverschieden. Platt und wieder in Klischees sprechend gesagt: Wäre der Ältere nicht ganz klar ein Junge, dann könnte man denken, er sei ein Mädchen. Er ist ein Kommunikationsgenie, wirklich. Er unterhält sich gerne, auch über sehr persönliche Themen, und ist rhetorisch richtig gut. Er hat sehr enge, langjährige Freunde und pflegt diese Freundschaften sehr bewusst. Er ist extrem empathisch und macht sich immer Gedanken um das Wohlergehen seiner Mitmenschen. Er liest gerne und ist eigentlich immer freundlich und ausgeglichen.
Mein jüngerer Sohn dagegen redet, zumindest zu Hause, deutlich weniger. Über Probleme mag er eigentlich gar nicht sprechen. Er liebt Lego, Autos, Geschwindigkeit, Risiko – lesen mag er nicht so. Man könnte also meinen, er sei ein „klassischer“ Junge. Als er kleiner war, hat er aber auch begeistert seinen Puppenwagen durch die Stadt geschoben. Er mag es sehr zu kuscheln. Liebevoller Körperkontakt ist voll seins. Ob das in den Augen der meisten Menschen sehr jungenhaft ist, bezweifle ich. Er hat Freunde, aber keine wirklich engen. Aber da ist dieses eine kleine Mädchen aus seiner Schule, die liebt er seit Jahren – und sie ihn. Ob am Valentinstag oder im Urlaub: Er denkt immer an sie, kauft von seinem Taschengeld Geschenke und schreibt ihr liebevolle Karten. Das nenne ich mal Loyalität in frühen Jahren.
Außerhalb von Einfluss und Zuschreibung
Die meisten meiner engeren Freunde haben übrigens Töchter. Und sie berichten keineswegs nur über kommunikative, liebevolle Mädchen, die gerne ruhig am Tisch sitzen und basteln. Die gibt es natürlich. Aber sie sind die Ausnahmen. Die Mädchen, die ich aus meinem Umfeld kenne, sind genauso verschieden wie die Jungs. Manche reden gerne, anderen muss man jeden Satz aus der Nase ziehen, und Eltern und Umfeld erfahren wenig Persönliches. Manche lieben Puppen, Schminke und Glitzerstaub – andere finden das wirklich öde und bevorzugen Volleyball und Videospiele. Manche nehmen ihre Eltern gerne in den Arm, andere meiden jeglichen Körperkontakt. Manche haben keinerlei schulische Probleme, andere dagegen bekommen andauernd Verwarnungen, weil sie zu laut sind und in der Schule stören.
Ich kann daher nur allen werdenden Eltern, die von einem bestimmten Geschlecht ihres Kindes träumen, zur absoluten Gelassenheit raten. Euer Kind wird ein Individuum sein – und ihr werdet nur sehr bedingt Einfluss auf viele der Charaktereigenschaften dieses Menschen haben. Das Geschlecht sagt doch ziemlich wenig darüber aus, wer ein Kind einmal sein wird.
Ein ordentlicher Überschuss an Energie
Eine Vorstellung, die viele Menschen über Jungen haben, hat sich bei meinen Kindern übrigens schon bewahrheitet: Sie schwitzen viel, sind wild und toben ausgiebig. Ich kenne kein Mädchen in meinem Umfeld, das auch nur annähernd so viel Energie hat, wie meine Söhne – vor allem der jüngere. Fast jeden Abend gehe ich durch die Wohnung, stelle umgefallene Bilder wieder auf, montiere die Steckdosen, die beim Spielen mit dem Softfußball im Flur andauernd aus der Wand reißen, und lüfte ordentlich.
Obwohl ich selbst ein Mensch mit relativ viel Energie bin, werde ich mich wohl nie ganz an das Energielevel und den Bewegungsdrang meiner Kinder gewöhnen. Ich bin aber absolut sicher, dass es – irgendwo da draußen – auch Mädchen gibt, die einen ordentlichen Überschuss an Energie haben.
