Es gibt viele gute Gründe, die Bad Homburg Open zu besuchen. Weltklasse-Tennis in der Atmosphäre eines Kurparks wird nirgendwo sonst auf der Welt geboten. In diesem Jahr besteht ein besonderer Anlass, das wertvollste Damenturnier in der Woche vor Wimbledon zu besuchen. Zwischen dem 20. und 27. Juni können die Fans noch einmal eine Tennis-Ikone erleben, wie sie ihrer beruflichen Passion nachgeht. Venus Williams hat ihre Zusage gegeben, in Bad Homburg aufzuschlagen, sie feiert wenige Tage vor dem Turnierstart ihren 46. Geburtstag.
Sportdirektorin Angelique Kerber war bei der Pressekonferenz, in der das Teilnehmerfeld vorgestellt wurde, der Stolz anzusehen, die Amerikanerin präsentieren zu können: „Es ist mir eine persönliche große Freude. Als es darum ging, welchen Spielerinnen wir Wildcards anbieten, wollte ich sie unbedingt dabeihaben.“ Zwar hat die nach Steffi Graf erfolgreichste deutsche Tennisspielerin die großen Endspiele ihrer Karriere gegen die jüngere der Williams-Schwestern, Serena, bestritten. Aber auch mit Venus verbindet sie Höhepunkte ihrer Laufbahn wie den Drittrundensieg bei den Olympischen Spielen von London 2012 und den Halbfinalerfolg 2016 in Wimbledon.

In diesem Jahr setzte es zehn Niederlagen in Serie, die letzte musste sie bei den Madrid Open Ende April hinnehmen. Sie unterlag der spanischen Qualifikantin Kaitlin Quevedo, derzeit Nummer 126 der Weltrangliste, 2:6, 4:6. Angelique Kerber ist viel zu höflich, um das aktuelle Leistungsvermögen der Amerikanerin herabzusetzen. „Sie liebt einfach Tennis, ich finde es toll, dass sie immer noch mit so viel Leidenschaft dabei ist.“
Im Bad Homburger Halbfinale oder gar Finale erwartet Kerber ihre ehemalige Konkurrentin nicht, so ehrlich ist sie. „Es wird auf die Auslosung ankommen, sollte sie in der ersten Runde auf Iga Swiatek treffen, wird es sehr schwer.“ Aber bei einem günstigen Lauf traut ihr die 38 Jahre alte Kielerin zu, wieder den süßen Geschmack eines Sieges kosten zu können. „Rasen ist einfach ihr Belag, wenn ihr Aufschlag kommt, ist sie immer noch gefährlich.“

Selbst auf dem Sand von Madrid ließ Venus Williams bei einigen Schlägen ihre alte Wucht und Klasse aufblitzen, führte im zweiten Satz 3:0. Doch insgesamt fehlt es ihr an Konstanz und Kondition. Die kürzeren Ballwechsel auf Rasen werden ihrem Spiel sehr guttun. An Ehrgeiz werde es Williams nicht mangeln: „Sie kommt nicht nach Bad Homburg, um sich die VIP-Räume anzusehen.“ Und Kerber sieht einen Vorteil bei der Amerikanerin: „Es ist für die Jungen psychologisch nicht einfach, gegen eine Legende anzutreten.“
Angelique Kerber geht nicht ganz unvorbereitet in ihren letzten Auftritt. „Tennis ist immer noch mein Hobby und mein Leben. Ich spiele zwei, drei Mal die Woche.“ Und vor dem Match werde sie sich mit Ana Ivanović treffen und ein bisschen trainieren. „Die Schläge werden nicht das Problem sein, eher die Fitness“, erwartet sie.
Ein Kerber-Comeback ist nicht geplant
Dass sie so viel Spaß an diesem Samstag im Juni haben wird, um sich auch noch mal an ein Comeback heranzuwagen, so wie es derzeit Serena Williams erwägt, schließt sie aus. Dazu ist Angelique Kerber als Mutter und als Sportdirektorin des Bad Homburger Turniers zu ausgefüllt und glücklich. Zum sechsten Mal werden im Kurpark die Bad Homburg Open ausgetragen, Angelique Kerber war schon lange vor dem ersten Aufschlag dabei.
Ihre persönlicher Manager Aljoscha Thron ist einer der „Erfinder“ des Turniers und band seine Klientin von Anfang an mit ein. Zunächst als Turnier-Botschafterin und als Anwerberin von Spielerinnen, von Jahr zu Jahr nahm das Ausmaß ihrer Mitarbeit und ihr Verantwortungsbereich weiter zu. Aber auch jetzt, als Sportdirektorin, ist die Betreuung der Spielerinnen ihr Schwerpunkt. Da sie mit den Jahren die Seite des Veranstalters genauso gut kennengelernt hat wie die Seite der Spielerinnen, kann sie sehr gut vermitteln.
„Die Spielerinnen haben Wünsche, das ist verständlich, aber nicht alle kann man als Veranstalter erfüllen. Ich kann ihnen aber Alternativen aufzeigen. Wenn sie nicht akzeptiert werden, dann funktioniert es eben nicht.“ Was ein wenig nach Kontroverse klingt, verlaufe aber recht harmonisch: „Die Spielerinnen glauben und vertrauen mir. Ich habe ihren Respekt und kann ihnen besser verkaufen, wenn etwas nicht möglich ist.“
Angelique Kerber ist stolz auf das Bad Homburger Turnier, das sie von Anfang an als „ihr Baby“ bezeichnet hat. In verschiedenen Rollen hat sie dazu beigetragen, dass aus der kleinen, schnuckeligen Veranstaltung ein WTA-500-Turnier geworden ist, eine der wichtigsten Generalproben für Wimbledon.
Wenn sie auf die Jahre zurückschaut, findet die leidenschaftliche Sportlerin eine Tatsache besonders schön: „Mein Blick auf das Turnier hat sich komplett verändert. Dass ich das erste Turnier aber gewonnen habe, ist für mich das perfekte Szenario. Ich bin stolz und dankbar, dass dadurch mein Name für immer mit dem Turnier verbunden bleiben wird.“
