Die intellektuell selbstbewussten Frauen, die sie zu ihren Vorbildern rechnet, hatten auf Liebe verzichtet. Nora Meyer, Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte an Gymnasien, geht einem ähnlichen Schicksal entgegen – ohne allzu großes Bedauern. Denn sie gehört seit westfälischen Kindheitstagen bei Oma Auguste ganz der Literatur. Die Großmutter, zehn Kinder, fünf davon gestorben, singt der Enkelin jeden Abend düstere Lieder vor. Später wird Nora begreifen, dass sie dadurch „Kunst als Ausdruck der Seele“ kennenlernte, „ohne Prestige-Anspruch und Angeberei“. Wenn niemand sonst kommt, die Weltliteratur kommt. Und wird für Nora ein Ordnungsrahmen. Dickens zählt für Nora schon zur Unterhaltungsliteratur.
Bei einem Studentenjob im Hauptstaatsarchiv taucht sie in München in die Welt der Archivare ein. Der zehn Jahre ältere Dr. Theseus Dellendrücker, „hypergebildet, nur ein bisschen unterbelebt“, flirtet hölzern mit ihr. Der Hagestolz mit – wie sich später herausstellen wird – verpfuschter Kindheit und der üblichen Portion generationell übertragener Kriegstraumata will dann aber doch nichts von Nora wissen.
Rebellion gegen die elterlichen Büchermenschen
Eine Archivlaufbahn verwirft sie, sie wird Lehrerin im (fiktiven) Gymnasium Aichsee, im Münchner Süden. Ein paar Jahre später, als „frische, sinnliche Endzwanzigerin“, trifft sie Dellendrücker abermals und geht ohne allzu große Erwartungen die Ehe mit ihm ein. Ihr Schwiegervater ignoriert sie, die Schwiegermutter beleidigt sie. Insgesamt also eine schwierige Geburt, auch ganz konkret, als der Sohn Aeneas, genannt Enni, das Licht dieser Büchermenschenwelt erblickt. Er wird sich in der „Hochpubertät“ als Frauenhasser profilieren.
Mit ihrer Mutterrolle hadert Nora, um sich ein Gerüst zu geben, gleicht sie ihre Lage mit der antiken Heldin Medea ab. Wie überhaupt die „antiken Berater“ zu ihren wichtigsten gehören, darunter Epikur und Anaximander. Ein Echo auf die singende Großmutter? Besonders gern entsinnt sie sich des Spruchs von Sokrates: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Ohnehin sind ihre Erwartungen ans Eheglück gering, es kommt selten vor, dass „sie sich aneinander freuen“.

Das erledigt dann ein kräftiger Liebhaber, der Baumbewerter Bruno Rost, der selbstredend auch einen Rucksack mit seelischen Altlasten herumschleppt – als ehemaliger Gehilfe eines Großwildjägers. „Einige Jahre stetig verstohlenen Glücks“ sind dem Paar vergönnt, dann schläft die Affäre ein. Als sie mit Verspätung auffliegt, bereut Nora nichts und ist alsbald eine geschiedene Frau von Ende 40. Worüber sie nicht sonderlich unglücklich wirkt, denn mangelt es ihr womöglich an Herzenswärme, ihr Leben hat sie im Griff.
Noras vom Schulalltag erfülltes Dasein gerät ins Wanken, als ihre Niereninsuffizienz sie zur Dialysepatientin macht und sie ins Reich der Rehakliniken übersiedeln muss. Dort macht sie zwar auch inspirierende Bekanntschaften, aber die ersehnte Rückkehr an die Schule bleibt ihr verwehrt. Im Ruhestand ergattert sie einen Job im städtischen Literaturarchiv, mit dem sie an ihre Anfänge anknüpft.
So autobiographisch schrieb Morsbach noch nie
Das ist in groben Zügen das Leben, von dem die Ich-Erzählerin Nora von Petra Morsbachs „Orion“ in vier annähernd gleich langen Kapiteln erzählt – getreu der Frage: Haben nicht alle Deutschlehrer etwas in der Schublade? Der vierhundertseitige Bildungsroman klassischen Zuschnitts ist ein Geschenk, das Petra Morsbach – so autobiographisch wie nie zuvor – ihren Lesern nach neunjähriger Wartezeit seit dem letzten Roman „Justizpalast“ zum eigenen Siebzigsten macht, der am 1. Juni ansteht. Er ist überschattet von einer schweren Nierenkrankheit, die sie in der „Zeit“ öffentlich gemacht hat. Nach einem teilweisen Verlust des Gehörsinns eine weitere Prüfung, die Morsbach mit bewundernswertem Gleichmut erträgt.
Seit ihrem Debüt „Plötzlich ist es Abend“ (1995) – Lebensgeschichten aus sechs Jahrzehnten Sowjetunion – hat die in Starnberg aufgewachsene und dort lebende Tochter eines Ingenieurs und einer Ärztin bislang sieben weitere Romane und zwei Essaybände vorgelegt. Sie schlüsseln jeweils mit großer sprachlicher Präzision ein anderes Milieu auf. Der „Opernroman“ (1998) die Welt der Bühne – Morsbach ist gelernte Dramaturgin und Regisseurin. „Gottesdiener“ (2004) erzählt vom Leben eines niederbayerischen Dorfpfarrers, „Der Cembalospieler“ vom schwierigen Künstlerleben. „Justizpalast“ geht am Beispiel einer Richterin der Frage nach, was Recht ist und was wir dafür halten.

Und nun Schule als Schule fürs Leben? „Orion“ ist für Deutschlehrer Pflichtlektüre. Schon deshalb, weil Nora eine begeisterte und zugewandte Kollegin ist, die auch von ihren Schülern etwas lernen möchte. Umgekehrt erzählt sie die Verfallsgeschichte des begnadeten Kollegen René Zebe, der wie ein Guru Schüler um sich schart. Dass er sich dabei auch Mädchen gefügig macht, hat das Kollegium lange Zeit nicht sehen wollen. Überhaupt das Kollegium, ein Gebilde mit unsichtbaren Hierarchien und divergierenden Sichtweisen auf die Schutzbefohlenen. Die Schüler sind Opfer einer „permanenten Anpassungsstörung“, ihre immer massiver auftretenden Eltern eine Landplage.
Morsbach ist eine begnadete Beobachterin. Sie legt zahlreiche Nebenfiguren unters Mikroskop. Frauen sind für sie nicht a priori die besseren Menschen, und nicht alle Männer stehen von Haus aus auf verlorenem Posten. So lernt Nora etwa in dem Kapitel mit der herrlichen Überschrift „Reha und Krieg“ die Schriftstellerin Gabriele Tobel kennen, die stets Mitleid mit den Männern hatte: „Die Sexualität ist ein geplagter Rüde, die Nachtseite der Menschheit.“
Subtile Bezüge zu aktuellen Debatten
Noras Begegnung mit dem pensionierten Geistlichen Ludwig Ebner bringt eine Figur aus dem „Gottesdiener“-Roman ins Spiel. Ebner ist einer der geistlichen Begleiter des Pfarrers Isidor Rattenhuber, und Morsbach hat sichtlich Freude daran, die klügsten Köpfe ihres Romanpersonals eloquente Dialoge auf einer Parkbank der Klinik führen zu lassen. Bei dem Versuch, Tobels Nachruhm zu sichern, spielt auch die Bayerische Akademie der Schönen Künste, deren streitbares Mitglied Morsbach ist, eine Rolle. Aber man muss die diversen Bezüge auf Leben und Werk der Schriftstellerin nicht kennen, um vom Sog dieses Erzählstroms, der beständig Nebenflüsse aufnimmt, erfasst zu werden.
Nach Kämpfen mit Enni, der analog zum Vater seiner „Teflonmutter“ die Zerstörung der Ehe vorwirft, gibt es am Ende eine Annäherung. Ex-Mann und Sohn helfen Nora, sich um eine Stelle beim städtischen Literaturarchiv zu bewerben. Dass die Autorin selbst ihren Vorlass im April just an die Münchner Monacensia verkauft hat, ist eine subtile Pointe. Ihre Protagonistin bearbeitet dort unter anderem den Nachlass des Dichters Cyrus Ataby und erzählt vom Lamento der Autoren und ihrer Nachkommen darüber, dass im Normalfall das in Kisten verpackte Material auf Jahre im Depot verschwindet.
Den Umschlag des Romans ziert ein Ausschnitt des Bildes „Pomegranate and Wallpaper“ (2003) der englischen Malerin Emily Patrick. Ein Granatapfel, Symbol für Fruchtbarkeit und Schönheit, liegt auf einer umgedrehten Porzellantasse, ein rätselhafter Kontrast zum titelgebenden Sternbild. Orion tritt erst im Epilog in Erscheinung – als Nora in den Sternhimmel blickt, als ein Zeichensystem, von dem sie keine Antworten erwartet. Beteigeuze, denkt Nora, wird demnächst explodieren, „in hunderttausend oder Millionen Jahren“. Bis dahin wird sie zur Weltdeutung weiter die Literatur bemühen, obwohl man auf deren Haltbarkeit aktuell keine Wetten abschließen möchte.
Petra Morsbach „Orion“. Roman. Penguin Verlag, München 2026. 413 S., geb., 26,– €.
