Herr Stang, seit Kurzem dürfen Privatleute kein Rattengift mehr kaufen und auslegen. Wird die Rattenplage jetzt schlimmer?
Da frage ich erst einmal zurück: Welche Plage? Ich vermag nicht zu schätzen, wie viele Ratten es in Deutschland gibt, aber ich wäre vorsichtig damit, von einer Rattenplage zu sprechen. Es gibt sicher in den großen Städten Bereiche, wo es vermehrt Ratten gibt und wo man lokal von einer Rattenplage sprechen kann.
Fakt ist: Dort dürfen die Betroffenen jetzt keine Köder mehr auslegen.
Ich kann verstehen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher irritiert sind. Aber das hat seine Gründe. Die Produkte enthielten den Wirkstoff Coumatetralyl, das ist ein Blutgerinnungshemmer, ein Antikoagulans der ersten Wirkstoffgeneration, die schon seit den Vierzigerjahren gegen Schadnager verwendet wird.
Die Ratte verblutet innerhalb weniger Tage, wenn sie den Köder frisst.
Ja, der Köder wirkt zeitverzögert. Würde eine Ratte an einem Akutgift sterben, würden das die anderen Ratten sofort merken. Die gingen dann nicht mehr an den Köder heran. Bei der Rattenbekämpfung ist es aber mit der Köderauslage nicht getan.

Bislang war das die Praxis. Betroffene gingen in den Baumarkt und legten die Köder zu Hause aus.
So hören wir das auch, aber zielgerichtet und sachgerecht ist das oft nicht, die Köder müssen an der richtigen Stelle platziert werden. Anders wiegt man sich in trügerischer Sicherheit. Um Ratten effizient zu bekämpfen, muss man viel über ihre Lebensweise und Verhalten wissen. Das gehört nicht zum Allgemeinwissen, und daher ist es fragwürdig, ob man Ratten allein mit solchen Produkten effizient bekämpfen kann.
Was soll der Hausbesitzer künftig tun, wenn er ein Rattenproblem hat?
Er ist gut beraten, einen Schädlingsbekämpfer zu rufen. Das sind ausgebildete Leute, die wissen, wo sich die Ratten verstecken, wo man die Köder platzieren muss – und was alles noch zu tun ist, um das Problem zu beseitigen.
Das klingt vernünftig, aber in den Städten muss man teilweise Monate auf einen Termin warten, und nicht jeder Hausbesitzer kann sich das leisten.
Wenn ein Rattenproblem auf dem Grundstück auftritt, wird die Mehrheit der Menschen mit eigenen Mittel nicht Herr der Lage. Da muss ein Profi ran. Wir hören aus der Branche, dass die Verbraucher viel ausprobieren, aber am Ende dann doch die Schädlingsbekämpfer holen. Verbraucher dürfen Fallen aufstellen, aber das Auslegen von Ködern von Laien halten wir im Hinblick auf das Risikoprofil der enthaltenen Wirkstoffe nicht mehr für vertretbar.
Sind Ratten zu intelligent für Fallen?
Ratten sind grundsätzlich intelligent, daher ist das schon eine Herausforderung, aber das ist bei den Ködern nicht anders, zumal die frei verfügbaren sehr niedrig dosiert waren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ab wann werden Ratten zur Plage?
Meines Wissens gibt es keine Definition, aber das ist immer ein subjektives Gefühl. Ich selbst fühle mich von einzelnen Ratten nicht bedroht.
Sie finden die nicht eklig?
Das kommt darauf an, wo ich sie sehe. Wenn ich bei mir im Garten sitze und abends um halb elf eine Ratte sehe, die eine Mauer zum Nachbarn, der Pferde hält, entlangläuft, dann löst das in mir weder Ekel noch Sorge aus. Das gehört neben einem Hof dazu. Wenn ich aber in einer Souterrain-Wohnung lebe, in der ich das Fenster nicht mehr aufmachen kann, weil sonst Ratten durchs Fenster reinkämen, dann würde ich auch großen Ekel empfinden.
Schädlingsbekämpfer beklagen, dass sie sogar hochpotentes Gift nicht mehr präventiv einsetzen dürfen. Müssen die künftig erst darauf warten, bis das Rattenproblem groß genug ist?
Nein, das müssen sie nicht, und das ist mir ehrlicherweise zu polemisch. Im Ausnahmefall durften Schädlingsbekämpfer bisher in Deutschland Rattenköder präventiv ausbringen, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Befalls sehr hoch war und alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft waren. Damit verbunden war ein vierwöchiges Kontrollintervall, bei dem die Schädlingsbekämpfer die Köder kontrollierten. Wir wissen aber aus unserer Arbeit und der Begleitforschung über die Umweltrisiken der Köder, dass sich diese Wirkstoffe, die für diese Dauerbeköderung verwendet wurden, entlang der aquatischen Nahrungskette anreichern. Wir finden die giftigen Wirkstoffe in Fischen, Fischottern und Kormoranen und auch an Land.
Füchse, Marder, Eulen zum Beispiel, aber auch kleine Vögel oder Schnecken. Bei Letzteren sprechen wir von der Primärvergiftung. Die Köder liegen in einer Köderstation, sie sind aber nicht nur für Ratten zugänglich, sondern auch für alle anderen kleinen Tiere. Und dann gibt es noch die Sekundärvergiftung: Ein Fuchs frisst eine verendete Ratte und vergiftet sich dabei. Das ist das Problem dieser Stoffe: Sie sind persistent, toxisch und reichern sich in der Umwelt und damit in Organismen an. Auch für den Menschen sind sie gefährlich, sie sind reproduktionstoxisch. Der Fachbegriff lautet Biomagnifikation, das meint die Anreicherung einer Chemikalie entlang der Nahrungskette.
Aus diesem Grund finden Sie das Verbot richtig?
Ja, denn in Anbetracht der Risiken für andere Organismen wären diese Stoffe gar nicht zulassungsfähig und dürften eigentlich nicht auf dem Markt sein. Sie dürfen nur eingesetzt werden, wenn es zu unannehmbaren negativen Folgen für die Gesellschaft käme. Bei den Ratten ist es so, dass die Wirkstoffe im Akutbefall weiterhin verfügbar sind, weil es sonst nichts auf dem Markt gibt. Deshalb steht es außer Frage, dass man die Köder bei diesem Fall braucht. Die Dauerbeköderung ist aber reine Prophylaxe.
Die Schädlingsbekämpfer sagen, dass Vorsorge besser ist als Nachsorge. Sie wollen nicht erst Köder auslegen, wenn eh alles zu spät ist.
Es ist nicht so, dass ohne präventive Dauerbeköderung eine unkontrollierte Rattenplage entsteht. Köder sind kein Allheilmittel. Es gibt heute innovative technische Möglichkeiten, mit denen ein Befall frühzeitig erkannt und getilgt werden kann. Aber Rodentizide sind Ultima Ratio und nicht erstes Mittel der Wahl.
Was sollte man gegen Ratten tun?
Man muss mit den Schädlingsbekämpfern darüber nachdenken, warum die Ratten da sind. Die kommen ja nicht, weil es schön ist, sondern weil sie Nahrung finden oder gute Nistplätze. Darauf habe ich als Hausbesitzer großen Einfluss. Ich sollte darauf achten, den Müll richtig zu entsorgen, kein Fleisch oder andere Essensreste auf den Kompost werfen, vielleicht auch kein Futter für andere Tiere herumstehen lassen. Man sollte das Lebensumfeld der Ratte so unattraktiv wie möglich machen. Es liegt an unserem Verhalten, ob sich Ratten – die uns schon die ganze Menschheitsgeschichte begleiten – ansiedeln oder nicht. Los werden wir sie nie.
