
Die schon seit Längerem schwelende Krise der Beziehungen zwischen den USA und Europa hat in jüngster Zeit eine neue beängstigende Dimension erreicht, und speziell Deutschland und der Bundeskanzler stehen dabei im Fokus. Da kommt die in dem vorliegenden Buch gebotene ausführliche Reportage des stellvertretenden Chefredakteurs der Wochenzeitung „Die Zeit“, Holger Stark, gerade recht. Er zeigt journalistisch gut recherchiert auf, wie sich das transatlantische Verhältnis in den letzten Jahren verändert hat und was die bei genauerem Hinsehen schon seit 25 Jahren voranschreitende Entfremdung zwischen den USA und Europa für die Europäer bedeutet. Für den Autor sind spätestens seit Donald Trumps egoistischem Umsetzen des Slogans „America First“ die Amerikaner keine Freunde Europas mehr.
Auf der Grundlage von Gesprächen mit Politikern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert Stark die Fehlentwicklungen der vergangenen 25 Jahre – und skizziert, wie eine Zukunft ohne den großen Bruder aussehen könnte. Seine Conclusio: Für Deutschland ist es an der Zeit, erwachsen zu werden. Dies könnte – so seine hoffnungsvolle Einschätzung – ein zweiter Mauerfall-Moment für unser Land werden.
Zwei große Krisen haben Amerika verändert
Das Buch gliedert sich in zwei große Teile plus einen Epilog mit dem bezeichnenden Titel „Goodbye, America“. Im ersten Buchteil beschreibt der Autor, was sich in Amerika verändert hat. Er konstatiert, dass die USA von heute von einem Präsidenten regiert werden, der die Europäische Union zum Gegner erklärt hat. An seiner Seite stehe mit J. D. Vance ein Vizepräsident, der als größte politische Gefahr nicht Russland oder China ansehe, sondern Europas angeblichen Verlust seiner Werte. Wirtschaftlich sei Europa für Trump & Co. ein Rivale, der dem Wiederaufstieg der USA im Wege stehe und der auch nicht der kruden Idee einer weißen, „christlichen“ Vorherrschaft, wie die MAGA-Bewegung sie propagiere, folgen wolle. Unter Trump gebe es keine Allianzen, sondern nur noch Deals, bei denen die Beteiligten an einem Tag Freund und am nächsten Tag Feind seien.
Bemerkenswert ist Starks wohl fundierter Befund, dass das Handeln der Trump-Administration das Ergebnis von zwei großen Krisen in den USA sei: Zum einen die Krise der weißen Arbeiter- und Mittelklasse als Verlierer der Globalisierung und zum anderen der Schock, der aus dem Afghanistan- und Irakkrieg resultiere. Im Ergebnis hätten diese zwei Krisen dazu geführt, dass sich immer mehr US-Amerikaner in einen nationalistischen, egoistischen Isolationismus zurückzögen.
Im zweiten Teil des Buches argumentiert Stark, dass der Trump’sche Rückfall in ein „nacktes, muskulöses Zeitalter“ für Deutschland (und Europa) nicht nur eine existenzielle Herausforderung bedeute, sondern auch eine historische Chance biete. Er hofft nicht ganz ohne Wunschdenken darauf, dass Europa sich als eigener globaler Machtfaktor etabliert neben den USA, China und Russland. Leider skizziert er nur etwas zu vage, wie der eigenständige Weg Europas aussehen könnte. Jedenfalls müsse Deutschland in der neuen Weltordnung mehr Verantwortung tragen und sich mutig auf „Goodbye, America“ einstellen, ohne dabei jedoch alle Verbindungen endgültig zu kappen.
Holger Stark: Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance, Propyläen. Ullstein Buchverlage, Berlin 2026, 333 Seiten, 26 Euro.
