Gegen die politische Klasse
Das Ergebnis des ersten Wahlgangs markiert eine Zäsur in der politischen Landschaft Kolumbiens. Abelardo de la Espriella, ein Anwalt und Unternehmer ohne vorheriges öffentliches Amt, erzielte mit über 43 Prozent der Stimmen den ersten Platz. Damit überholte er nicht nur seinen Kontrahenten Cepeda (rund 40 Prozent), sondern versetzte dem traditionellen „Uribismus“ einen historischen Schlag. Paloma Valencia, die Kandidatin des „Demokratischen Zentrums“ und Vertreterin der politischen Linie des früheren Präsidenten Álvaro Uribe, kam auf weniger als zehn Prozent der Stimmen.
De la Espriella, von seinen Anhängern „El Tigre“ genannt, hat sich durch spektakuläre Gerichtsfälle und eine aggressive Medienpräsenz einen Namen gemacht. Er inszeniert sich bewusst als Außenseiter und Mann gegen das System, der mit der alten politischen Klasse bricht. Sein Diskurs ist stark personalisiert und populistisch. Er spricht von Vaterland, Ordnung und Neugründung und erreicht damit jene Bürger, die sich von der etablierten Politik verraten fühlen.
Sicherheit als Kernfrage
Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen mit den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“ (FARC) ist die Sicherheitslage das alles beherrschende Thema des Wahlkampfs. Trotz des Abkommens bleibt Gewalt in Kolumbien allgegenwärtig. Bewaffnete Gruppen dominieren weiterhin Kokaanbaugebiete, illegale Minen und Schmuggelrouten. Anschläge, Vertreibungen und Zwangsrekrutierungen haben in den letzten vier Jahren wieder deutlich zugenommen. In der Bevölkerung wächst die Skepsis gegenüber der Strategie des „totalen Friedens“, die Präsident Gustavo Petro verfolgt. Viele betrachten den Fokus auf Dialog als gescheitert.
Hier setzt De la Espriellas Botschaft an. Er fordert ein Ende der Zugeständnisse und die militärische Rückeroberung des Staatsgebiets. Mit Plänen für Mega-Gefängnisse, härteren Strafen und der radikalen Vernichtung von Kokaplantagen erinnert sein Programm an den Kurs des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele. Er verbindet den klassischen kolumbianischen Sicherheitsdiskurs mit der Ästhetik des modernen Rechtspopulismus. Während seines Wahlkampfes reiste er in die abgelegensten Winkel des Landes, zeigte sich volksnah und bespielte geschickt die sozialen Medien. Mit seinem Versprechen nach Ordnung spricht er – nicht als erster Kandidat in der Geschichte des Landes – die vielleicht größte Sehnsucht der Kolumbianer an.
Dialog gegen Durchgriff
Auf der Gegenseite steht Iván Cepeda für die Fortsetzung des linken Projekts. Er gilt zwar als enger Vertrauter von Präsident Petro, unterscheidet sich aber in seinem Auftreten. Beobachter beschreiben ihn als ernsthafter, nüchterner und weniger impulsiv als den amtierenden Präsidenten. Cepeda setzt auf soziale Reformen, politische Integration und Verhandlungslösungen. Sein größtes Problem ist jedoch die Bilanz der aktuellen Regierung. Er trägt die Last einer Friedenspolitik, die für viele Wähler keine spürbaren Resultate geliefert hat.
De la Espriella hingegen verspricht den harten Durchgriff, sieht sich jedoch massiver Kritik an seiner eigenen Biografie ausgesetzt. Als Strafverteidiger vertrat er jahrelang hochumstrittene Mandanten, darunter Paramilitärs und wegen Korruption belangte Politiker. Einer der prominentesten Mandanten ist der dubiose Unternehmer Alex Saab, der für das venezolanische Regime tätig war. Dass er nun in jenen „Grauzonen“ aufräumen will, in denen er jahrelang beruflich agierte, bezeichnen Kritiker als seinen größten Widerspruch.
Tief gespalten
Die Polarisierung ist nicht neu in Kolumbien. Doch sich hat sich im Laufe der vergangenen Wahlen immer weiter zugespitzt. Nun hat sie eine Tiefe erreicht, in der die Kontrahenten kaum noch eine gemeinsame Sprache finden. Gemäßigte Stimmen spielten im ersten Wahlgang fast keine Rolle mehr, doch ihre wenigen Wähler könnten am 21. Juni das Zünglein an der Waage sein. Besonders entscheidend wird sein, ob De la Espriella die Anhänger des Uribismus mobilisieren kann, obwohl er im Wahlkampf betont hatte, keine Unterstützung von etablierten Parteien zu wollen.
