
Dass er sich zu der Angelegenheit nicht ausschweigen konnte, war klar. Was Wim Wenders bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises dann zu dem Wunsch der Schauspielerin Nastassja Kinski, er möge die Nacktaufnahmen mit ihr im Alter von dreizehn Jahren aus seinem Film „Falsche Bewegung“ entfernen, zu Protokoll gab, war eine erstaunliche rhetorische Volte.
Mit der gab Wenders vordergründig Einsicht vor und beeindruckte damit das Publikum im Saal, schob die Sache in Wahrheit aber so weit wie möglich von sich weg. „Das würde ich heute nie mehr so machen“, sagte der Lola-Ehrenpreisträger nicht zum ersten Mal. Heute wisse er „mehr, viel mehr“. Es gebe „andere Sensibilitäten“, wir lebten „in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren“. Doch könne er seinem damaligen, 29 Jahre alten Ich keine Vorwürfe machen. Er habe einen Film für die damalige Zeit gemacht.
Und die Frage, ob er seinen 1974 gedrehten Film umschneiden solle, meinte Wenders, den ebenfalls mit einer Lola ausgezeichneten Film „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, in dem es um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit geht, mit ins Boot nehmend, gehe alle an, denn hier sei das Filmerbe berührt und werde, sollte er seinen Film verändern, ein Präzedenzfall geschaffen. Lege er im Nachhinein im Schnitt Hand an, könnte das auch bei allen anderen Filmen möglich werden. Deshalb möge sich die Deutsche Filmakademie mit der Grundsatzfrage befassen.
Hier geht es nicht um politische Korrektheit
Dafür gab es Beifall im Saal, und man fragt sich, warum. Wim Wenders begeht hier nämlich einen Kategorienfehler erster Ordnung. Hier geht es nicht um die Kunst- und Meinungsfreiheit und nicht ums Filmerbe, es geht nicht darum, sich dem Zeitgeist anzupassen und – was zuletzt vor allem im Fernsehen in Mode kam – woke Verbeugungen im Dienst der politischen Korrektheit zu machen.
Hier geht es um die Tatsache, dass ein dreizehn Jahre altes Kind sexualisiert und nackt vor die Kamera gezogen wird. Das war 1974 falsch, und das wäre heute falsch. Das ist keine Frage des Filmerbes, sondern eine der Moral. Das hätte Wim Wenders im Alter von 29 Jahren wissen müssen, so wie er es heute zu wissen vorgibt.
Längst hätte er die Angelegenheit, in der sich Nastassja Kinski seit Jahren an ihn gewendet hat, regeln können. Stattdessen haben seine Anwälte eine Mauer hochgezogen. Nun muss Nastassja Kinskis Anwalt darauf verweisen, dass weder ein vermeintliches Einverständnis der damals Dreizehnjährigen noch eines ihrer Mutter rechtliche Geltung beanspruchen kann. Und was macht Wenders? Er ruft die Deutsche Filmakademie als moralische Institution an und vergesellschaftet sein persönliches Problem. Er sollte selbst wissen, was er zu tun hat. Stattdessen inszeniert er filmreif.
