
Die USA verlangen auch von ihren asiatischen Partnerländern mehr Investitionen in die eigene Wehrhaftigkeit. „Die Ära, in der die Vereinigten Staaten die Verteidigung wohlhabender Nationen subventionieren, ist vorbei. Wir brauchen Partner, keine Protektorate“, sagte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth bei der Sicherheitskonferenz Shangri-La-Dialog in Singapur.
Trotz dieser Mahnung zeigte Hegseth mehr Milde den Asiaten als den Europäern gegenüber. So hatte er die Europäer wieder einmal für ihre „leere globalistische Rhetorik“ über die regelbasierte Ordnung sowie frühere Versäumnisse bei den Rüstungsausgaben gescholten. Dagegen hob er mehrere asiatische Staaten als Positivbeispiele hervor und erklärte, dass solche „Modellalliierten“ mehr Unterstützung bekommen sollten.
Die Teilnehmer der jährlich von der Denkfabrik IISS veranstalteten Konferenz dürften dadurch nur teilweise beruhigt sein. Hegseth habe die Botschaft geliefert, die sie sich erhofft hätten, sagte Rory Medcalf vom National Security College in Canberra der F.A.Z.: „Die Vereinigten Staaten wenden sich nicht vom Indopazifik ab, und das Misstrauen, das wir in den euroatlantischen Beziehungen gesehen haben, wird sich hier im Indopazifik nicht wiederholen“, so der Australier.
Bei manchen stieß dafür der relativ versöhnliche Ton des Amerikaners Peking gegenüber auf Verwunderung. Im vorigen Jahr hatte Hegseth dem „kommunistischen China“ unterstellt, womöglich kurz vor einer Invasion Taiwans zu stehen. Diesmal ging er auf die Streitthemen Taiwan und Südchinesisches Meer kaum ein.
Spricht Hegseth aus einer Position der Stärke oder der Schwäche?
Von vielen wird die Zurückhaltung im Rahmen des jüngsten Gipfeltreffens von Präsident Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping gesehen. Es sei ein neuer Ton zu hören, sagte Florian Hahn, Staatsminister im Auswärtigen Amt, am Sonntag vor Journalisten in Singapur. „In meiner Wahrnehmung ist das eine neue Akzentuierung und wahrscheinlich ein Ausläufer des Gipfels“, so Hahn.
Ankit Panda vom Carnegie Endowment for International Peace in Washington sah sogar eine klare politische Linie. „Die Botschaft aus dem Weißen Haus lautet derzeit: die Stimmung gegenüber China positiv halten“, sagte er der F.A.Z. Der Australier Medcalf sprach gar von „einer der am wenigsten konfrontativen Reden“ von einem US-Regierungsvertreter in der Geschichte des Shangri-La-Dialogs.
Dabei sind viele Asiaten zunächst einmal erleichtert, dass die USA und China miteinander reden. Die große Frage, die sich viele in der Region stellten, sei jedoch, ob Hegseth „aus einer Position der Stärke gegenüber China spreche“ oder „einer Verhandlungsposition der Schwäche“, so Medcalf. Der Chef des IISS-Europa-Büros in Berlin, Ben Schreer, verwies darauf, dass viele Verbündete die USA „aus einer Position der relativen Schwäche“ kommen sähen. „Sie verfolgen beispielsweise genau, was für Arsenale in Iran aufgebraucht werden“, so Schreer. Denn auch in Asien wird registriert, dass die USA in Iran an die Grenzen ihrer Kapazitäten geraten.
China schickte keine ranghohe Delegation
Die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs für die Region haben in Asien eine Verschlechterung im Ansehen der USA ausgelöst. Peking muss nicht viel mehr tun, als sich selbst als Anker der Stabilität darzustellen. Das zweite Jahr in Folge war China nicht mit einer ranghohen Delegation in Singapur dabei. Nach Ansicht einiger Teilnehmer will die Pekinger Führung die gute Stimmung nach dem Trump-Xi-Gipfel erhalten. Außerdem scheine China es derzeit nicht für nötig zu halten, sich in einem Forum, das als westlich dominiert gilt, bohrenden Fragen auszusetzen. „Ich denke, dass China es zunehmend vorzieht, seine Botschaften in einem Rahmen zu vermitteln, den es selbst dominiert“, sagt Medcalf.
Durch Chinas Abwesenheit bei dem Forum wird aber auch die Gelegenheit verpasst, dass die Militärvertreter der beiden Seiten miteinander ins Gespräch kommen. „China verliert auf jeden Fall eine Chance auf Dialog in einer Zeit, die aus meiner Sicht gefährlich ist“, sagte der ebenfalls nach Singapur gereiste Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer. Wie Hegseth in seiner Rede festgestellt hatte, herrscht in der Region durchaus eine „berechtigte Besorgnis“ über Chinas „historische“ Aufrüstung und „die Ausweitung seiner militärischen Aktivitäten in der Region und darüber hinaus“.
Auch wenn der Rückzug der USA aus dem Indopazifik ausbleibt, versuchen die asiatischen Länder, ein Kooperationsnetz kleinerer und mittlerer Mächte zu spannen. Solche Vereinbarungen könnten jedoch nicht das US-Bündnissystem ersetzen, sagt Schreer von IISS.
Viele Länder der Region halten auch deshalb weiter an der internationalen Ordnung fest. Den Bruch zwischen den USA und Europa sehen sie mit Sorge: „Sollten sich Risse zwischen den Vereinigten Staaten, Europa und den Verbündeten sowie gleichgesinnten Ländern auftun, werden Kräfte, die dies als Gelegenheit nutzen, mit Sicherheit in die Lücke drängen“, sagte der japanische Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi am Sonntag.
