Eines möchte Hendrik Brandis direkt klarstellen: Er hat nicht vor, in den kommenden Jahren in irgendeiner Weise aufzuhören. „Dafür macht mir das alles hier zu viel Spaß“, sagt er: „Wenn ich das morgen nicht mehr machen dürfte, wäre das, als würde man mir meine Spielzeugeisenbahn wegnehmen.“ Die Frage stellte sich, nicht zuletzt für seine Investoren und Partner, die wissen wollten, wie es weitergeht. Brandis ist 62 Jahre alt und führt seit beinahe 30 Jahren die Geschicke des von ihm mitgegründeten Wagniskapitalgebers Earlybird, einem der größten und ältesten Start-up-Finanzierer Europas.
Earlybird ist in den Zweitausendern mit Beteiligungen wie der am Baufinanzierungsvermittler Interhyp bekannt geworden, bei der Earlybird seinen Einsatz mehr als verfünfzigfachte. Später investierte Earlybird zum Beispiel eine Million Euro in die rumänische Automatisierungsplattform Uipath und nahm später mit dem Börsengang gut zwei Milliarden Euro wieder ein. Heute ist das Unternehmen zum Beispiel beim Raketenhersteller Isar Aerospace, dem Fusions-Start-up Marvel Fusion oder der Neobank N26 investiert.
Der Wagniskapitalgeber hat die deutsche Start-up-Landschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt. Brandis’ Wort hat in der Branche Gewicht, hinter den Kulissen zieht er viele Fäden, auch politisch. Gerade hat er seine unternehmerische Nachfolge geregelt – aber vorher hat er noch eine große, letzte Mission.
Geld ist nicht mehr der wesentliche Antreiber
Brandis hat in Earlybirds Münchener Büro eingeladen, sitzt an einem großen Konferenztisch und snackt Nüsschen. Das macht er gerne in langen Gesprächen, in denen er sich konzentrieren will. Und die Nachfolgeregelung eines partnergeführten Wagniskapitalgebers ist durchaus ein komplexes Unterfangen – und eines, für das es in der noch recht jungen Branche noch keine Standards gibt.

Ein Verkauf des Unternehmens kam für Brandis nicht infrage. „Das hätte natürlich den angenehmen Nebeneffekt gehabt, dass wir Geld bekommen hätten“, sagt der gebürtige Hamburger Brandis mit seinem hanseatischen Dialekt. Aber Geld sei nicht mehr seine wesentliche Motivation: „Ich kriege Herzklopfen, wenn ich mit neuen jungen Unternehmern über Innovationen spreche.“ Das eigene Unternehmertum aufzugeben, für jemand anderen zu arbeiten, das könne er sich nicht vorstellen. Dass sein Lebenswerk in einem größeren Konglomerat untergehe, finde er „nicht sonderlich verlockend“.
Dabei ist Brandis jemand, der auch Scheinwerferlicht abgeben und gleichberechtigte Partner neben sich ertragen kann. So beschreiben ihn jedenfalls langjährige Weggefährten. In der auch mal zur Egomanie neigenden Wagniskapitalszene ist das nicht selbstverständlich.
„Wir haben irreversibel losgelassen“
Eine große Minderheit des Unternehmens haben Brandis und sein Mitgründer Christian Nagel schon an die nächste Generation weitergegeben, die restlichen Anteile folgen nach einem fest vereinbarten Zeitplan in den kommenden neun Jahren: „Wir haben irreversibel losgelassen, das lässt sich nicht mehr umkehren.“
Der Clou an dem über zwei Jahre mit Anwälten ausgetüftelten Deal: Das Unternehmen kann immer nur den aktiven Partnern gehören und de facto nicht verkauft werden. Die Partner müssen sich nicht für viel Geld einkaufen. Dafür sind die Anteile so konzipiert, dass der Erlös eines etwaigen Verkaufs an die ursprünglichen Gründer Brandis und Nagel oder ihre Erben fließen würde. „So gibt es keinen Anreiz, jemals Earlybird-Anteile zu verkaufen“, sagt Brandis: „Die Vorstellung, dass ich vielleicht mit achtzig zur Weihnachtsfeier eingeladen werde, mir dann zwar nichts mehr gehört, aber ich erzählen kann, wie 1997 alles mal begonnen hat, finde ich ehrlich gesagt sehr attraktiv.“
„Ich war Anfang 30 und dachte, ich könnte über Wasser laufen“
Damals war an eine Wagniskapitalindustrie wie im Silicon Valley in Deutschland noch nicht zu denken. Brandis war gerade Partner in der Unternehmensberatung McKinsey geworden – in weniger als fünf Jahren. Das ist außergewöhnlich schnell. „Ich war Anfang 30 und dachte, ich könnte über Wasser laufen“, sagt Brandis. Berater wollte er aber nicht bleiben, sondern selbst gründen. Weil er keine Idee für ein eigenes Technologieunternehmen hatte und aus seiner Beraterarbeit wusste, dass die junge Branche Investoren benötigte, gründete er zusammen mit Kollegen Earlybird.

Doch die ersten Jahre waren extrem schwierig, Brandis und seine Mitstreiter kamen kaum an Geld. Zwei Jahre braucht das Team, um seine ersten fünf Millionen Euro einzusammeln – in der Hauptsache von Bekannten. „Das war für mich persönlich sicherlich eine wichtige Lektion“, sagt Brandis. Erst mit dem neuen Markt startete Earlybirds Geschäft so richtig durch.
Earlybird investiert aktuell in der Frühphase in Start-ups, gerade erst hat der Investor für einen neuen Fonds 360 Millionen Euro eingesammelt. In dieser Phase ist das Risiko des Scheiterns zwar noch besonders hoch, dafür lassen sich aber mit recht geringen Summen hohe Beteiligungen erwerben. In dieser frühen Phase ist in Europa inzwischen viel privates Kapital vorhanden. Eine große Kapitallücke zu den Vereinigten Staaten gibt es dagegen immer noch in der Wachstumsphase – also dann, wenn Start-ups erste Erfolge vorweisen können und größere Summen benötigen, um zu expandieren.
Großer Wachstumskapitalfonds geplant
Brandis will jetzt daran mitarbeiten, genau diese Lücke zu schließen. „Wir wollen künftig auch in späteren Phasen mit größeren Summen unterstützen“, kündigt Brandis an: „Dort sehen wir die größten Engpässe in Europa.“ Leicht wird dieses Unterfangen nicht, weiß Brandis. Das Einsammeln von externem Kapital gestaltet sich aktuell für Wagniskapitalgeber als herausfordernd, vor allem, wenn es um große Summen geht. Aber Brandis ist „gedämpft optimistisch“ für den Wachstumskapitalfonds. Näheres will er nicht verraten.
Die Zeit für große Sprünge der europäischen Techbranche sei nun. Brandis beginnt vorzurechnen. Er macht das gern und mit einer gewissen Routine, auch wenn er sich selbst nicht als Detailmenschen beschreibt, sondern als jemanden, der gern in großen Linien denkt. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 und sein europäisches Pendant Euro Stoxx seien bis zum Jahr 2010 im Gleichschritt gewachsen. Doch in den vergangenen Jahren habe sich eine Lücke um den Faktor drei aufgetan, die für Brandis den relativen Wohlstandsverlust Europas gegenüber den USA spiegelt. Rechne man jedoch die zehn nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen – allen voran die großen Techkonzerne wie Apple, Alphabet, Meta und Microsoft – im S&P 500 heraus, falle das größere Wachstum des amerikanischen Aktienmarkts weg.
Die Konzentration des Wachstums
Brandis’ Schlussfolgerung: „Das Wirtschaftswachstum konzentriert sich heute durch die technologische Entwicklung auf wenige große Unternehmen.“ Dies sei völlig anders als zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders, als Tausende Unternehmen des deutschen Mittelstandes mit 50 oder auch 500 Beschäftigten für den Aufschwung sorgten. Mit einem verteilten Ansatz könne man aber etwa mit dem ChatGPT-Entwickler Open AI nicht mithalten. Der hat gerade erst 122 Milliarden Dollar von Investoren eingesammelt, rund fünfzehnmal so viel wie die gesamte deutsche Start-up-Landschaft im vergangenen Jahr.
Die deutsche Volkswirtschaft brauche heute eigentlich nur zwei Unternehmen dieser Größenordnung, um im Wachstum durch neue und sehr komplexe Technologien wie KI aufschließen zu können. Brandis spricht in diesem Kontext von „Centacorns“, also „Hunderthörnern“. Die Bezeichnung spielt mit dem Begriff „Einhorn“, mit dem Investoren Start-ups mit einer Bewertung über einer Milliarde Euro bezeichnen. „Es muss unsere Ambition sein, solche hyperskalierenden Techunternehmen auch aus Deutschland heraus aufzubauen“, sagt Brandis: „Wir haben die Kandidaten.“
Europa sei etwa in der Robotik, der Kernfusion oder im Quantencomputing hervorragend aufgestellt. Der Risiken einer „extremen Machtkonzentration“ auf einzelne Techunternehmer sei er sich gleichwohl bewusst – im europäischen Ordnungsrahmen hält er sie jedoch für beherrschbar und „leider auch für alternativlos“.
„Nirgendwo auf der Welt ist es sicherer und freier als hier in Europa“
Brandis sieht – vor allem auch verursacht durch die Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump – ein Momentum der europäischen Techbranche. „Nirgendwo auf der Welt ist es sicherer und freier als hier in Europa, und das erkennen immer mehr Leute“, sagt er. Talente, die es früher nach Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten gezogen hätte, kämen inzwischen vermehrt nach Europa. Brandis sitzt im Advisory Board der TUM School of Management (Technische Universität München). Zwei Jahre hätten sie dort über Programme diskutiert, wie man amerikanische Spitzenforscher trotz niedrigerer Gehälter nach München holen könne: „Das Programm haben wir nicht weiterverfolgt, weil wir zwischenzeitlich deutlich mehr Bewerbungen als Plätze haben.“

Brandis liegt nicht immer richtig mit seinen Prognosen, was man wohl als Berufsrisiko bezeichnen könnte. Das Heidelberger KI-Start-up Aleph Alpha bezeichnete er einmal als „vermutlich größten Konkurrenten von Open AI“. Das war schon zum damaligen Zeitpunkt arg optimistisch und wirkt im Rückblick fast vermessen. „Ich bin struktureller Berufsoptimist“, sagt der Investor. Brandis glaubt an seine Investments. Dies gehöre selbstredend zum Handwerkszeug eines jeden Start-up-Investors. Das klingt bei Brandis aber immer nach ehrlicher Begeisterung für Technologie und Gründer, nicht nur nach der branchentypischen Werbeshow.
Vor allem, wenn es um sein absolutes Lieblingsthema geht: Luft- und Raumfahrt. Brandis hat einst an der TUM Maschinenbau und Luft- und Raumfahrttechnik studiert, und bei kaum einem anderen Thema leuchten seine Augen so auf, wie wenn er zum Beispiel über die Raketen des Münchener Start-ups Isar Aerospace redet.
„Ich nehme das Risiko nicht mit ins Bett“
Seine Begeisterung hat ihm aber auch eine der herbsten Niederlagen seiner Karriere eingebracht: Lilium. 1,5 Milliarden Euro hatte das im Jahr 2015 gegründete bayrische Start-up insgesamt für die Entwicklung eines elektrisch betriebenen Flugzeugs eingesammelt, bis ihm 2024 vor der endgültigen Fertigstellung der technisch durchaus vielversprechenden Prototypen das Geld ausging. Brandis hat viel Zeit und Kapital investiert, um Lilium doch noch zu retten. Er organisierte in letzter Sekunde ein Investorenkonsortium zur Rettung. Doch das Geld des slowakischen Hauptinvestors Marian Bocek landete nie in Bayern, von Lilium bleiben heute nur noch die Patente, die der US-Konkurrent Archer zum Schnäppchenpreis aufgekauft hat.
Brandis sagt selbst von sich, dass er mit dem Stress seines Jobs gut umgehen könne: „Ich nehme das Risiko nicht mit ins Bett, ich schlafe auch nicht schlecht.“ Dabei hilft ihm auch seine zweite große Leidenschaft: das Segeln. Brandis segelt, seit er vier Jahre alt ist. Auch heute ist er noch Teil eines professionellen Teams, segelt sogar auf Welt- und Europameisterschaften. „Wenn ich mit meinem Segelteam unterwegs bin, ist innerhalb weniger Stunden der berufliche Stress weg“, sagt Brandis: „Ich komme dann nach einer Woche physisch erschöpft, aber psychisch runderneuert wieder.“
Auch Rückschläge könne er gut verkraften – wie den Zusammenbruch des Neuen Marktes: „Da wurde ich mitleidig auf der Straße gefragt: ‚Na, gibt es euch noch?‘“ Tatsächlich habe er zeitweise von seinen Ersparnissen leben müssen. Seine Kinder waren damals noch klein: „Ich habe mir gedacht, das klappt schon irgendwie, und wenn nicht, suche ich mir halt was anderes.“
Wie so oft klappte es dann mal wieder für Brandis, irgendwie. „Es gab in meinem Leben viele Beispiele, bei denen ich das Gefühl hatte, ich laufe gegen eine Wand und stoße mir die Nase blutig“, sagt er. Aber sein Leben habe ihn gelehrt, dass eigentlich immer irgendwann eine Tür aufgehe. Das ist eine Art Leitspruch für Brandis – auch für sein großes Ziel heute, den Aufbau eines Wachstumsfonds, der für die europäische Techlandschaft einen echten Unterschied macht. Also erst mal weiter, mit dem Kopf gegen die Wand.
